Predigt am 06. März 2016

Von: Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann | 06.03.2016

Predigt am Sonntag Lätare, dem 6.3.2016 in St. Katharinen

Predigt (PDF)

Text: 2. Kor 1, 3-7 Welchen Trost verheißt der Glaube?

„Du hast es gut, du hast ja deinen Glauben“, antwortet meine Freundin. „Ich finde keinen Trost. Ich fühle mich im Stich gelassen und verraten, in meinem Inneren verletzt und unsagbar traurig!“ Sie hat erfahren, dass ihr Mann sie seit Jahren betrügt. Nun will er sie verlassen und mit dieser anderen Frau zusammen ziehen. Sie hat das Gefühl, ihr wird der Boden unter den Füßen weggezogen, als falle sie in einen tiefen, dunklen Abgrund. Der Grund, auf dem sie ihr gemeinsames Leben aufgebaut haben, ist mit einem Schlag zerstört. Die vergangenen Jahre, in denen sie so vieles geteilt haben, erscheinen ihr mit einem Mal verlogen und unwahr. Ja, der Sinn ihres Lebens, ihr Traum von einem gemeinsamen Leben „bis dass der Tod uns scheidet“ zerbrochen, ihre Ehe gescheitert, sie selbst eine Gescheiterte. Sie ist so verzweifelt, nichts und niemand vermag sie zu trösten, nichts und niemand erreicht sie in ihrem Schmerz.

„Du hast ja deinen Glauben, aber ich …?“

Ein wenig ratlos sitze ich ihr gegenüber. Mit dem Gott allen Trostes und dem Vater der Barmherzigkeit kann ich ihr nicht helfen. Sie ist ohne Glauben aufgewachsen, ohne das Bild von Gott, der uns tröstet wie eine Mutter. Ohne die Geschichte vom verlorenen Sohn, dessen Vater darauf wartet, dass der Sohn zurückkehrt und ihn ohne Groll mit inniger Freude in seine Arme schließt. Ihr sagen die Verheißungen der Bibel nichts, die mir in der Trübsal aufhelfen: Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott (Jes 40,1). Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe, betet Hiskia (Jes 38, 17). Für mich ist die Bibel in schweren Zeiten ein einziges Trostbuch, so voller Zusagen und Segensworte, so voller Verheißungen und Hoffnungsbilder. Durch diese Worte spricht der Gott zu mir, den Paulus den Gott allen Trostes und den Vater der Barmherzigkeit nennt.

Ja, ich habe einen Glauben, meine Freundin hat keinen. Woher kommt ihr Trost? Woher kommt der Trost überhaupt. Ich meine nun nicht die banalen Vertröstungen nach dem Motto „das wird schon wieder“, oder „das Leben geht weiter“, oder „mit der Zeit kommst du darüber hinweg“. Das kann sehr ernst und auch liebevoll gemeint und gesagt sein, aber Sie werden es kennen, liebe Gemeinde, manchmal sind das genau die falschen Worte und der Trostsuchende fühlt sich damit in seiner Not noch einsamer als zuvor. Trost, wirklicher Trost wächst aus der Tiefe, ist eine Empfindung, die mit Worten und Gesten nur hervorgelockt, aber nicht gemacht werden kann. Trost ist etwas Unverfügbares. Er ereignet sich - für uns und in uns.

Paulus erzählt in diesem ersten Abschnitt des 2. Korintherbriefes von seiner eigenen Trostbedürftigkeit. Auf seiner Reise mussten er und seine Begleiter ganz offensichtlich Todesängste ausstehen. Wir kennen die Ursachen nicht genau. Es könnte sein, dass man ihn gefangen genommen und mit der Todesstrafe bedroht hatte. Vielleicht aber war er auch krank geworden. Er schreibt wörtlich: „Wir wollen euch, liebe Brüder und Schwestern, nicht verschweigen die Bedrängnis, die uns in der Provinz Asien widerfahren ist, wo wir über die Maßen beschwert waren und über unsere Kraft, sodass wir auch am Leben verzagten und es bei uns selbst für beschlossen hielten, wir müssten sterben“ (V8f.). Die in diesen Versen beschriebene Trübsal verbindet ihn mit den Korinthern. Er kennt ihre Nöte, die zahlreichen Krisen, Konflikte und Kränkungen in der Gemeinde. Indem er von seinen eigenen Erfahrungen erzählt, stellt er sich ihnen zur Seite. Sie teilen ihr Leid und darin liegt ein erstes Trostmoment. So entsteht zwischen ihnen eine Art Trostgemeinschaft.

Vielleicht kennen sie das, liebe Gemeinde: wenn man sich traut, einem anderen von seinem Kummer zu erzählen, sich zu öffnen, sich mitzuteilen, dann fühlt man sich hinterher ein wenig erleichtert. Noch mehr, wenn man seine Anteilnahme spürt, sein Mitfühlen und Nachempfinden. Wenn ich dir von meiner Not erzähle, nimmst du teil an ihr, und das bedeutet, du nimmst einen Teil von meiner Not zu dir oder an dich und nimmst mir die Last, sie alleine tragen zu müssen. Das ist zwischenmenschliche Anteilnahme.

Wie tröstlich waren die Kondolenzbriefe, die ich vor eineinhalb Jahren nach dem Tod meines Vaters bekommen habe. Ich hatte zuvor gar nicht geahnt, wie heilsam es ist, wenn gute Freunde und Bekannte einem in der Trauer so zur Seite stehen. Man spürt, dass man gar nicht so alleine ist, wie man befürchtet. Man erkennt, dass es viele Menschen gibt, die mit dir trauern, oder die dieselbe Erfahrung machen mussten. 

Trübsal, wie Paulus es nennt, ist also nichts Außergewöhnliches, sondern eine Grunderfahrung jedes Menschen. Das Wort steht für viele Arten der Not, für Ängste, Schmerzen, Trauer, Bedrohung und Verzweiflung – es sind existentielle Erfahrungen, die sich durch unser ganzes Leben ziehen, die einen jedoch manchmal so bedrängen und sich derart zusammenballen, dass man gar nicht mehr weiterleben möchte bzw. nicht weiß, wie es weitergehen soll. In solchen Momenten sind wir tatsächlich nicht „bei Trost“.

Welchen Trost aber verheißt der Glaube? Wie findet Paulus Ermutigung? Wie gewinnt er das Vertrauen zurück, das in der Angst verloren geht. Wie soll jemand weiterleben, dessen Liebe zerstört, dessen Treue missachtet und dessen Lebenszuversicht abhanden gekommen ist?

Die Antwort des Paulus geht über die zwischenmenschliche Anteilnahme hinaus. Er erzählt, dass er sich in seiner Verzweiflung und Angst an Jesus Christus orientiert. Im Blick auf Jesus, der selbst den einsamen Tod am Kreuz gestorben ist, bedeutet die Erfahrung von Trübsal und Schmerz etwas Neues: In ihr ist Gott ganz nah. Jesu Verzweiflung in Gethsemane und sein Schrei am Kreuz bedeuten nicht Verlorensein und Tod, sondern Geborgenbleiben und Neues Leben. So deutet Paulus seine eigene Trübsal nicht als Verlust oder Verlassenwerden von Gott, sondern im Gegenteil als Erfahrung besonderer Gottesnähe. Im Gekreuzigten (wir können auch sagen im Gescheiterten) ist Gott gegenwärtig, im Schmerz, in der Trauer, in den Tränen des Lebens. Im Glauben verlieren die Leiden ihre zerstörerische und isolierende Kraft. Sie bekommen ein anderes Vorzeichen: Sie können dich nicht von der Liebe Gottes trennen, denn Gottes Liebe dringt ja gerade durch sie hindurch. In Christus hat Gott Anteil genommen an den tiefsten und bittersten Leiden, die ein Mensch ertragen muss, und in Christus hat er diese überwunden und verwandelt. Sie haben letztlich keine Macht über den Menschen – ein Vorgeschmack auf Ostern und die Osterfreude gehört daher zu diesem Sonntag, dem Sonntag Lätare: Freut euch in Christus – er ist euer Trost und eure Zukunft!

Daher schreibt Paulus: „Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus“. Er sieht sich und die Korinther in einer Leidens- und Trostgemeinschaft mit Christus. Dazu passt die Musik und der Text „stabat mater dolorosa“. Das mittelalterliche Gedicht beschreibt die Leidensgemeinschaft mit der Mutter Maria in ihrem Schmerz über Jesu Tod. (Verfasserschaft ungeklärt. Gehörte zeitweilig (ab 1727) zur kath. Liturgie nach dem Passionssonntag, seit dem 2. Vaticanum wird es als liturgisches Stück nur noch am 15.9., dem Tag des Gedächtnis der Schmerzen Mariä, gesungen oder gebetet). Der Trost liegt hier in der Hoffnung auf ein seliges Leben in der Ewigkeit.

Paulus erfährt den Trost schon jetzt. Wie die Korinther durch ihren Glauben an den Leiden Christi teilhaben, so auch an seinem Trost. Die Leiden führen sie nicht fort von der von der Kraft-Quelle des Lebens, sondern weisen die Leidgeprüften auf sie zurück, auf den Gott des Trostes und der Barmherzigkeit. Denn er geht mit ihnen durch jedes dunkle Tal, gibt ihnen die Kraft, die sie in der Not brauchen, und den Segen, der sie bewahrt. „Gelobt sei Gott, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit auch wir trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott“ (V3f.)

Welchen Trost verheißt der Glaube? Es ist das tiefe Vertrauen, dass wir auch in der größten Not von Gott nicht fallen gelassen werden. Ein kluger Mensch hat es einmal so formuliert: Glaubende können den Blick in den Abgrund werfen, weil sie einen Anker im Jenseits haben. Und wer glaubt, sieht mehr als vor Augen liegt.

Im Blick auf meine Freundin sehe ich nicht nur ihren Kummer und ihre Traurigkeit, ihre Wut und ihr Gekränktsein, sondern ich sehe ihre Liebenswürdigkeit, ihre unbedingte, von Gott geschenkte Würde. Die kann ihr niemand nehmen, ganz gewiss nicht jener Mensch, der ihr solchen Schmerz zufügt. Ich sehe in ihr Gottes Kraft, die in den Schwachen mächtig ist, ich sehe eine Hoffnung, die viel weiter reicht als die Erfahrung, die sie jetzt durchmachen muss. Ich sehe eine Freiheit, die ihrem Leben ganz neue Möglichkeiten und Entwicklungen eröffnet. Der Glaube schenkt mir eine Tiefendimension der Wirklichkeit, die meine Perspektive auf das Leben weitet und vertieft. Der Glaube schenkt mir ein Lachen und eine Leichtigkeit, wie sie am Ostermorgen aufleuchtet, wenn wir erleben: Der Tod hat nicht das letzte Wort, der am Kreuz Gescheiterte ist gar nicht am Ende. Wenn ich auch scheitere in meinem Leben, kann ich doch ans Ziel kommen.

Dazu passt der Humor von Robert Gernhardt, der in seinem Klinik-Lied folgendes gedichtet hat:

 „So lieg ich hier/ und denke mir/ mein Teil zu manchen Dingen:/

Nicht alles muß gelingen./ Du mußt’s nicht immer bringen./ Du mußt nicht immer siegen./ Nur laß dir eins beibiegen:/

Beim Aufdernaseliegen/ gib bitte nicht den Heitern –/ versag nicht auch beim Scheitern.“

Karl Jaspers hat einmal gesagt: Im Scheitern kommt der Mensch zu sich selbst. Der Theologe würde ergänzen: Im Scheitern kommt er zu Christus und wird neu geboren.

Zurück zu meiner Freundin, die ich so gerne trösten möchte, der ich vom Trost Gottes in mir abgeben möchte. Die christologischen Zusammenhänge wird sie nicht nachvollziehen, aber meine Anteilnahme wird sie spüren. Ich werde sie begleiten auf dem Weg, den sie jetzt gehen muss, bei den Abschieden, die sie nun erleben wird: Von ihrem Mann, von ihrer Liebe, von ihrem Lebensentwurf. Solange bis sie die befreiende Seite der Trennung erkennt und die Kräfte spürt, die diese Trennung in ihr freisetzt. Das, was zerbrochen ist, wird verwandelt werden in etwas Neues, so wie aus dem Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, der Keim wird, der aus dem Acker neues Leben bringt.

Amen.