Predigt am 1. März 2015 - Reminiszere

Von: Pastor Frank Engelbrecht | 01.03.2015

Pastor Frank Engelbrecht
Predigt zum Abschluss des deutsch-französischen Festivals "arabesque"

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Eingangsvotum: Babylonischer Talmud – Traktat Aboth 6 a.

Wenn ich nicht für mich einstehe, wer wird dann für mich einstehen? Aber wenn ich nur für mich einstehe – bin ich dann noch ich?“

Lesung (Predigttext): 1. Kor 9,1a.18-26

1 Bin ich nicht frei? 18 Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache. 19 Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne. 20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden - obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin -, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne. 21 Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden - obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi -, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne. 22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette. 23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben. 24 Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. 25 Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. 26 Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, 27 sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

Impuls aus Elie Wiesel, Adam oder das Geheimnis des Anfangs – Brüderliche Urgeschichten, darin: Kain und Abel: der erste Völkermord Freiburg im Breisgau 1980, 3. Auflage, Seite 68-71


Kain tötet seinen Bruder – die Hälfte des Menschengeschlechts …Ist Kain schuldig? Die Antwort darauf kann nur ein unzweideutiges JA sein. Selbst wenn sein Aufbegehren gegen Gott gerecht war, seine Mordtat war es niemals. Denn man hat niemals das Recht, die Zukunft, und vor allem nicht die eines anderen, zu opfern. … Ein Mord wird niemals gerechtfertigt, auch dann nicht, wenn er begangen wurde, um eine bessere Zukunft zu schaffen. … Kain hatte vielleicht die besten Absichten von der Welt; vielleicht war seine Sicht reiner als manche andere. Aber er hatte unrecht, das Leben zu verleugnen und zu verwerfen, auch das Leben, das er in sich trug, oder das ihn selber trug. Oh, hätte Kain doch das Wort und nicht die Gewalt gewählt, hätte er doch vor Gott folgendes gesagt: „Herr des Universums, höre mich an. Du bist mein Zeuge, wie ich der deine bin. Du bist mein Richter und ich habe Angst, habe Angst zu richten. Gib aber zu, dass ich allen Grund habe, dir meine Bestürzung und meinen Zorn entgegenzuschleudern. Ich könnte meine Ungerechtigkeit der deinen entgegenhalten. Gib zu, dass ich meinen Bruder schlagen könnte, wie du meinen Vater, (Adam), gezüchtigt hast. Gib zu, dass ich gegen die Prüfungen protestieren muss, die du den Menschen auferlegst. Ich könnte die Menschen in meinen Tränen und in seinem Blut ertränken. Ich könnte dieser Komödie ein Ende machen; vielleicht reizt du mich sogar dazu, drängst mich dazu. Aber ich werde es nicht tun, hörst du mich, Herr des Universums, ich werde es nicht tun, ich werde nicht zerstören, hörst du mich, ich werde nicht töten!“ Wenn Kain so gesprochen hätte, wie anders wäre die Geschichte verlaufen. Das wäre nicht das verzweifelte Abenteuer der beiden Brüder gewesen, von denen der eine sich dadurch selbst bestätigte, dass er tötet, und der andere, dass er sich töten lässt, sondern es wäre die schöne und leidenschaftliche, reine und reinigende Geste einer edlen und innigen Menschlichkeit gewesen. Hätte Kain sich entschieden, lieber Zeugnis abzulegen als Blut zu vergießen, dann wäre sein Schicksal für uns ein Beispiel und ein Vorbild gewesen und nicht das Bild unserer Verfluchung. Statt uns den Tod vor Augen zu stellen, wäre er unser Bruder geblieben, und wir hätten die Erinnerung an ihn nicht mit Furcht, sondern mit Stolz beschworen.

Predigt

Die Gnade des Vaters, die Liebe unseres Herrn und Bruders, Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Das Deutsch-französische Festival arabesques hat uns mit seiner Vergegenwärtigung der Geschichte und der Musik der sephardischen Juden, die einst aus Portugal, Spanien und Frankreich nach Hamburg flohen, in ein Wechselbad der Fragen nach dem geworfen, woher wir kommen, und wer wir sind, und worauf wir unser Leben ausrichten. Die Sefardischen Juden mussten im 15. und 16. Jahrhundert aus ihrer Heimat auf der iberischen Halbinsel fliehen, weil Christen ihnen ihre Religion verboten und damit die Möglichkeit nahmen, eben diesen Fragen nachzugehen, oder besser: sie stellten ihnen Bedingungen. Religionswechsel und Taufe. Aber die die Frage danach, was mich und meine Menschlichkeit im Herzen ausmacht, verträgt keine Bedingungen. Insofern war das Angebot der Christen an die Juden scheinheilig. Sie boten den Juden leibliche Unversehrtheit zum Preis des geistlichen Selbstmordes an. Da ließen die, welche dazu nicht bereit waren, ihr Heimatland zurück und wanderten aus; viele nach Afrika, in die Türkei, nach Frankreich und Bosnien, etliche vor allem zum Ende des 16. Jahrhunderts auch hoch in den Norden nach Hamburg.

Am vergangenen Donnerstag haben wir im Rahmen von arabesques zur Vorbereitung auf das Konzert „Sefarad’s“ vom Freitag eine Führung über jüdischen Friedhof in Altona bekommen. Anrührend, wie die Geschichten der Menschen und ihr Glauben, ihre Sehnsucht und ihre Hoffnungen aus den Grabsteinen sprechen und über die Grenzen der Zeit hinweg in der Luft hängen und sich mit uns zu verbinden – nicht um sich zu behaupten. Den Toten ist alle Macht der Selbstbehauptung genommen. Sondern im Flehen darum, dass wir sie nicht vergessen, selbst wenn Moos und Regen ihre Grabmahle bearbeiten. Ihr Flehen im Licht der feinen Sonne, die diesen Donnerstag über diesem ort lag setzt seine Hoffnung darauf, dass wir ihre Erinnerung wahren als Anzeichen dafür, dass die Hoffnung auf die ewige Erinnerung, die bei Gott liegt und nicht bei uns Menschen, dass diese Hoffnung mehr ist als totes Schriftwort oder Opium fürs Volk, sondern lebendiger Geist, getragen, gesungen, geatmet von lebendigen Menschen.

Die Juden fanden Heimat in Hamburg. Das geschah ebenfalls nicht ganz bedingungslos, weil auch in Hamburg und Altona die Freude der Kirche über die jüdischen Einwanderer nicht immer ungeteilt war. Wie das so leicht geschieht, wo Glaube auf Glauben stößt, fühlen wir uns als Menschen bedroht, wenn andere grundlegende Fragen ihrer Menschlichkeit und ihres Glaubens anders beantworten, anders feiern, mit anderen Texten und Liedern und Bildern und Namen als wir. Aber der kaufmännische Pragmatismus in Hamburg war schließlich stärker als die geistliche Kleinmut der Kleriker; und dann gab es da neben dem Befremdlichen ja auch noch die Faszination und Freude an den Schätzen, welche die Sepharden mitbrachten. Sie bereicherten die Stadt nicht allein wirtschaftlich und mit guten Handelsnetzwerken in ganz Europa, sondern auch kulturell, mit ihrer Musik beispielsweise. Das hat uns Thiery Pécou mit seinem Konzert Sefarad’s am vergangenen Freitag vor Augen und Ohren geführt und mir jedenfalls ins Herz eingeschrieben: diese Musik mit ihrem Rhythmus, Tanz, Jubel und Tränen, Humor und Ernst, die fremd war und doch vertraut, weil echte Vertrautheit und Geborgenheit eben auch immer einen Schuss Fremde braucht. Wir können nur da wirklich zu Hause sein können, wo nicht alle Geheimnisse aufgehoben sind. Die ganz und gar entzauberte Welt ist heimatlos. Darum schenken uns unsere Kinder Heimat auf diesem Planeten, weil sie uns das Staunen lehren oder uns das Staunen wenigstens vorführen.

Die Geschichte der sephardischen Juden in Hamburg währte nicht lange. Bereits 100 Jahre nach ihrer Ankunft begannen viele Sepharden wieder, Hamburg zu verlassen. Und doch gab es weiterhin sephardische Gemeinden in Hamburg und Altona bis ins 20. Jahrhundert hinein, als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen und mit großer Entschlossenheit daran gingen, alles jüdische Leben an den Orten zu vernichten, auf die sie Zugriff hatten, und mit den Juden auch noch all die anderen auszulöschen, welche nicht zu dem passten, was ihr Bild vom Menschen auszeichnete: Sinti und Roma, Schwule und Lesben, Menschen mit Behinderungen und viele weitere, die ihrem abstrusen Bild vom sogenannten Arier nicht entsprachen. Kaum zwei Kilometer südlich von St. Katharinen verluden sie im Kriege tausenden von Juden, Sinti und Roma am damaligen Hannoverschen Bahnhof auf Züge und schickten sie in den Tod der Vernichtungslager. Unfassliche Verdrehung der Geschichte, war doch der Hannoversche Bahnhof lange Zeit die Haltestelle gewesen, von der aus tausende Auswanderer vor allem aus Osteuropa Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts aufgebrochen waren, um ihr Glück in der neuen Welt zu suchen, in den U.S.A. und in Südamerika.

Die Vergegenwärtigung all dieser Geschichten über Erinnerung, Stadtbegehungen, Diskussion und Musik aber, die arabesque provoziert, fallen in diesen Tagen in eine Gegenwart, in der die alten Fragen uns neu und massiv berühren und angehen. Lange haben wir gemeint, die Frage nach Gott und dem Menschen würde sich erledigen mit dem Sieg der Technik und der Naturwissenschaft und wachsendem Wohlstand. Aber die Frage nach dem, was das bedeutet, Mensch zu sein, und damit auch die Frage, was die Welt im innersten zusammenhält und uns die Richtung weist, woher wir kommen, wo wir stehen und wohin wir gehen, lässt sich weder technisch lösen noch ökonomisch erledigen. Wir beklagen die Gewalt der Inquisition. Aber das 20. Jahrhundert hat uns gelehrt, dass auch von oben verordnete Abschaffung der Religion und die Reduktion des Menschen auf Ökonomie, Biologie oder sonstige Formen reiner Diesseitigkeit aus sich selbst heraus nicht notwendigerweise Menschlichkeit gebären, sondern sogar zu immer neuen Steigerungen der Unmenschlichkeit fähig sind. Dabei nehmen wir das Wort von den Unmenschlichkeit wörtlich; Unmenschlichkeit also nicht nur als ein anderes Wort für Gewalttätigkeit, sondern als Ausdruck dafür, dass die Gewalt nicht nur die Menschlichkeit der Opfer zerstört, sondern auch die Menschlichkeit der Täter auslöscht.

Das ist die Lehre der vergangenen jahrhunderte in Europa: weder eine starke Kirche, noch die Abschaffung der Kirchen bewahrt uns von selbst vor den Abgründen unserer Unmenschlichkeit. Damit ist uns die Wiedereinführung alter Eindeutigkeiten versperrt, wenn wir es ernst meinen mit Menschlichkeit und Würde. Und deshalb ist blanker Materialismus ebenso absurd wie die Taten und Lehren religiöser Fundamentalisten. Sie zerstören, was sie zu retten und stark zu machen vorgeben. Wenn Raif Badawie in Saudi Arabien im Namen der Islam zu Haft 100 Stockhieben verurteilt wird, weil er sich für Freiheit der Auseinandersetzung in seinem Land stark macht, dann ist Gott selbst, im arabischen Allah, der erste, der die Stimme gegen diesen Wahnsinn erhebt.

Was aber ist die dritte Alternative zwischen der Welt ohne Religion und einer Welt mit zu viel oder verhärteter Religion? Eine Welt mit halbherziger oder aufgeweichter Religion? Gibt es so etwas wie einen Glaubenskompromiss, einen Synkretismus, der uns befreit aus dem Entweder-Oder zwischen Unglaube und Fundamentalismus? Die Antwort lautet: Ja und nein.

Nein, weil der Glaube keinen Kompromiss verträgt. Ein bisschen Gott geht nicht, und mit einem Glauben stückweise kann ich mein Leben nicht leben und keine fröhliche Hoffnung atmen im Angesicht meiner Sterblichkeit.

Auf der Suche nach dem JA bin ich im Nachdenken über diese Zwickmühle zwischen zuviel und zuwenig Religion über Paulus gestolpert und den Abschnitt aus seinem Brief, den wir heute gehört haben. Paulus ist wahrhaftig unverdächtig, einen lauen Glauben zu predigen. Aber wenn wir ihm folgen, hören wir, wie die Kraft seines Glaubens ihm die Tür öffnet zu einem erstaunlichen Seitenwechsel und aufregenden Changieren der Identitäten.

Der Glaube macht Paulus ganz und gar frei. Und so kann er den Juden ein Jude, den Griechen Grieche, den Schwachen ein Schwacher, den Gesetzlichen ein Gesetzlicher werden, und wir könnten fortfahren: er kann den Muslimen ein Muslim, den ungläubigen ein Ungläubiger, den Atheisten ein Atheist sein. Es ist der Glaube, der Paulus zu diesem Synkretismus verhilft. Wäre er Franzose, könnte Paulus mit uns rufen: Je suis Charlie, Je suis Badawi, Je sui Mohammed, je suis Sefarad, je suis Nemzow, je suis wer auch immer unter die Räder des Kampfs um Selbstbehauptung gerät.

Moment, Moment, mag der eine oder die andere einwenden: ist das nicht Augenwischerei? Ist das nicht in Wahrheit ein Marketingtrick des Paulus? Er schlüpft in die Haut der jeweils anderen, um sie dann zu missionieren und zu seiner Kirche zu wenden? Darauf antworte ich mit einem ganz klaren Nein. Hören wir auf Paulus Selbst: „Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache.“ Gewiss, Paulus will Menschen für das Evangelium gewinnen. Aber was ist das Evangelium? Es ist die Aufgabe der Kirche, aber es ist zugleich viel mehr als die Kirche. Das Evangelium ist die Gegenwart Gottes mit Güte im Leben der Menschen. Das ist der fröhliche Glaube, dass jeder Mensch ein Kind Gottes ist, und dass keine Macht der Welt das Recht oder die Macht hat, auch nur einem Menschen diese Gotteskindschaft abzusprechen, nicht eine Sekunde. Die Würde des Menschen, seine Gotteskindschaft, ist unantastbar. Paulus hat diese Gewissheit aus Jesus Christus und seiner leibhaftigen Gegenwart im Glauben. Aber er hat diesen Jesus Christus eben nicht als Waffe: er hat nicht die Macht, das Evangelium zu gebrauchen, sondern umgekehrt: das Evangelium allein hat die Macht und gebraucht ihn. Das gibt ihm im Glauben die unbegrenzte Freiheit, mit sich selbst und den Menschen im Lichte des Evangeliums zusammenzukommen. Anders herum: wo der Glaube fehlt, da fehlt auch die Freiheit; wer aber die Freiheit des Glaubens erzwingen will, mündet in Gewalt, die weder Freiheit noch Glauben und schon gar nicht Güte und Würde zeitigt, sondern sie immer weiter zerstört.

Das ist für mich einer der Pointen aus der Erzählung von Elie Wiesel. Hätte Kain doch der Versuchung widerstanden, den Abgrund der Gottesferne mit dem Schutt eigener Stärke und Gewalt auszufüllen. Hätte er seine Verzweiflung und sein Unverständnis und seinen Schmerz doch auf Gott geworfen und hätte er den Herrscher des Universums dann doch mit aller Schärfe angeklagt, anstatt sich auf seinen vermeintlich leeren Thron aufzuschwingen und, wie die Selbstmordattentäter unserer Tage, die eigene Machtlosigkeit in Blut und Allmachtswahn zu ertränken. Die Geschichte der Menschen hätte eine Chance gehabt, einen anderen Weg zu gehen. Elie Wiesel schreibt: „Das wäre nicht das verzweifelte Abenteuer der beiden Brüder gewesen, von denen der eine sich dadurch selbst bestätigte, dass er tötet, und der andere, dass er sich töten lässt, sondern es wäre die schöne und leidenschaftliche, reine und reinigende Geste einer edlen und innigen Menschlichkeit gewesen. Hätte Kain sich entschieden, lieber Zeugnis abzulegen als Blut zu vergießen, dann wäre sein Schicksal für uns ein Beispiel und ein Vorbild gewesen und nicht das Bild unserer Verfluchung. Statt uns den Tod vor Augen zu stellen, wäre er unser Bruder geblieben, und wir hätten die Erinnerung an ihn nicht mit Furcht, sondern mit Stolz beschworen.“

Aber, Herr Wiesel, warum sprechen wir in der Vergangenheit? Die Geschichte der Menschen hätte nicht nur die Chance gehabt, einen anderen Weg zu gehen, sie hat die Chance jeden Tag neu. Denn Kain und Abel sind keine Geschichte aus vergangenen Tagen, sondern unsere Gegenwart: Je suis Abel – Je suis Kain. Wir haben heute die Chance, noch mehr: die Aufgabe, dass wir aus der Kraft des Glaubens, im Namen unserer Religion und unserer Menschlichkeit den Versuchungen der Gewalt widerstehen, und uns stattdessen ganz auf Gott werfen, ebenfalls im Namen unserer Religion und unserer Menschlichkeit; nicht um der Welt zu entfliehen, sondern um einzugehen in die Welt, um einzugehen aufeinander, um das Geheimnis des anderen wach zu halten, sei er oder sie nun Jude, Muslim, Christ, Hindu, Buddhist, Synkretist oder gar nichts von alledem. Das ist die vornehmste Aufgabe unserer Menschlichkeit, Vernunft und Frömmigkeit, dass wir das Geheimnis und vielleicht gar die Rätselhaftigkeit der anderen als Teil des Geheimnisses unserer selbst, der Welt und als Geheimnis Gottes zu begreifen, das unsere Heimat und Herkunft und Identität nicht bedroht, sondern erst aufrichtet. Weil wir ohne Geheimnis keine Heimat finden können bei uns selbst, beieinander, auf diesem Planeten. Und so haben die Sepharden den glauben der Kirche niemals bedroht, sondern aufgerichtet.

„Wenn ich nicht für mich einstehe, wer wird dann für mich einstehen? Aber wenn ich nur für mich einstehe – bin ich dann noch ich?“ (Babylonischer Talmud – Traktat Aboth 6 a.). Das ist unser Glaube, der uns vereint über die alle Grenzen hinweg, dass Gott selbst es ist, der für uns einsteht als Kinder Gottes, die wir in Lichte seines Antlitz sind, komme was da wolle, im Leben und im Sterben.

Amen.