Predigt am 14. Mai 2015 - Christi Himmelfahrt

Von: Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann | 14.05.2015

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

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Liebe Gemeinde,

mein Amtsbruder an St. Petri, Hauptpastor Störmer erzählt in seinem neuen Buch („Das Christentum in 100 Fragen und Antworten“) folgende Anekdote: An Christi Himmelfahrt war einmal ein sowjetisches Staatsoberhaupt zu Gast in Deutschland und wollte wissen, was an diesem Tag gefeiert wird. Da dem sowjetischen Dolmetscher aber die Bedeutung dieses Tages nicht bekannt war, übersetzte er einfach: Dies ist in Deutschland der Tag der Raumfahrt…

Eine komische Vorstellung: Tag der christlichen Raumfahrt – Christus hebt ab ins Weltall wie ein Raumschiff…

Naja, wenn wir heute eine Umfrage zur Bedeutung dieses Feiertages machen würden, wären die Antworten wahrscheinlich ähnlich säkular und fern von seinem ursprünglichen Sinn: Vatertag, Männertag, Sauftag, Bollerwagensause etc.

Die Vorstellung von Christi Himmelfahrt ist nicht nur fremd, sondern auch manchem Kirchenmitglied schwer zu vermitteln und nicht aus sich selbst heraus verständlich: Warum musste Jesus Christus denn noch in den Himmel erhoben werden, er war doch schon auferstanden? Warum bedurfte es einer weiteren Erhöhung? Er hatte den Tod doch besiegt und die Grenze zwischen Erde und Himmel längst durchbrochen. Ja, welcher Himmel ist überhaupt gemeint? Das sichtbare Firmament über uns, das die Engländer „sky“ nennen, oder der unsichtbare Himmel in uns und um uns herum, den man im Englischen „haeven“ nennt? 

Christ Himmelfahrt – ein Feiertag am Rande, ohne Schokoladeneier oder Blumenschmuck, ohne festliche Kirchenmusik und ohne große Rituale. Bemerkenswert, dass die Kirchen diesen Feiertag verteidigen konnten gegen die beharrlichen Forderungen einer globalisierten Wirtschaft nach einem weiteren Arbeitstag. Also, feiern wir ihn auch und machen uns vertraut mit jenem fremden Traditionsgut, das uns die Bibel übermittelt.

In diesem letzten Kapitel des Lukasevangeliums wird erzählt, wie Jesus seine Jünger aus Jerusalem hinaus auf den Ölberg führt, um sich nun endgültig von ihnen zu verabschieden. Von jetzt an würde es keine weiteren Erscheinungen des Auferstandenen mehr geben. Er wird aufgehoben in das himmlische Reich seines Vaters – er wird von dort aus auf alle Menschen achten, nicht nur auf seine Anhänger in Palästina. Er wird an die Seite seines himmlischen Vaters zurückkehren und für die Menschen eintreten, die seine Hilfe, seinen Schutz und Segen brauchen. 

Überraschend finde ich, dass hier weder von Abschiedsschmerz noch von Trauer die Rede ist, sondern von großer Freude. Die Jünger kehren mit großer Freude zurück nach Jerusalem, waren allzeit im Tempel, also bei Gott, und priesen Gott, schreibt Lukas.

Die Lage hat sich in den vergangenen Wochen vollkommen verwandelt. Erinnern wir uns: Karfreitag standen die Jünger unter Schock – der Tod Jesu am Kreuz machte sie sprachlos. Sie verstanden die Welt nicht mehr, sie verstanden Jesu nicht mehr, sie zweifelten an seiner Mission und auch an sich selbst. Wofür hatten sie ihr altes Leben aufgegeben, wofür waren sie ihm gefolgt? Doch nicht um seinen frühen Tod und das bittere Ende einer Bewegung und einer wunderbaren neuen Botschaft mitzuerleben! Verängstigt versteckten sie sich vor den Römischen Häschern. Nur drei Frauen machten sich auf den Weg zum Grab, aber das Grab war leer. Sie erschraken zutiefst, als Jesus ihnen erschien mit den Worten, er sei auferstanden. Sie konnten es nicht fassen. In den kommenden 40 Tagen erschien er seinen Jüngern den biblischen Berichten zufolge mehrmals, insbesondere zeigte er sich den betrübten Emmausjüngern auf dem Weg und dem ungläubigen Thomas. Er überzeugte jeden persönlich davon, dass sein Sterben nicht umsonst und seine Auferstehung der Wille seines himmlischen Vaters war. Die Trauer der Jüngerinnen und Jünger verwandelte sich in Hoffnung, Sinn stellte sich ein trotz der scheinbaren Sinnlosigkeit seines frühen Todes: Das Leben endete nicht mit dem Tod, sondern der Tod war der Übergang zu einem neuen, einem anderen Leben. So der neue Glaube. Die Begegnungen mit dem Auferstandenen hatten ihren inneren Zweifel beseitigt. Ihr Leben, ja alles Leben hatte wieder einen Sinn.

Nun hätte ich erwartet, dass sie den festhalten, der ihnen den Sinn zurück gegeben hat, dass sie Jesus nicht wieder fortlassen. Es ist doch erstaunlich, dass sie ihn in Freude ziehen lassen…

Ich erkläre mir das so: Der Tod Jesu stürzte sie zunächst in eine tiefe Krise. Das kann ich persönlich gut nachempfinden: Ein Schicksalsschlag, eine Krankheit, oder der Tod eines geliebten Menschen reißt mich aus meinem vertrauten Leben. Plötzlich ist nichts mehr, wie es einmal war. Man hat den Eindruck, es würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Man fühlt sich haltlos, ist zutiefst verunsichert, verstört, ratlos und vor allem ohnmächtig, der Trauer ausgeliefert. Man kann das Erlebte nicht in Einklang bringen mit seinem Leben – es passt nicht zusammen. Die Angst, die Enttäuschung, der Schmerz – es zerreißt einen innerlich – da ist ein Lebenstraum zerplatzt, eine Liebe zerbrochen, ein Mensch gestorben, der zu mir gehörte wie mein zweites Ich. Wie soll ich weiterleben und wozu denn noch? Solche Erfahrungen ziehen uns in existentielle Krisen und stellen uns vor die Frage nach dem letzten Sinn: Warum nur? Wieso gerade ich? Wieso verlässt mich meine Liebe? Sie fehlt mir so sehr! Warum Gott?

Gott ist dann die letzte Instanz, die wir anrufen – er steht für das Ganze, für den unbedingten Sinn. Er hält beides in seinen Händen, den Tod und das Leben, das Ende und den Anfang, mich und meine individuelle Not, wie das Seufzen der ganzen Schöpfung, meine persönliche Trauer und die Trauer der Menschen in Nepal, in Syrien, im Mittelmeer. Er hält alles in seinen Händen, dich ganz persönlich und die Menschen, die dir am Herzen liegen. Er hält und trägt und bewahrt dich davor, dich selbst zu verlieren.

Das Symbol für diese Glaubensaussage, liebe Gemeinde, ist der Segen, die Zusage seiner Nähe und seines Schutzes. Segen bedeutet: Jemandem Gute sagen, ihm Heil und Heilung schenken.

Das deutsche Wort segnen kommt aus dem lateinischen signare, zeichnen. Mit dem Kreuz Jesu zeichnen, dem Kreuz als Zeichen der unbedingten Liebe Gottes, die so weit geht, dass sie dich auch in deiner tiefsten Einsamkeit und Verzweiflung nicht allein lässt, sondern hindurch trägt.

Wer gesegnet ist, findet zum Leben zurück, er entdeckt die Lebensfreude wieder, freut sich an den schönen Dingen, dem blühenden Rhododendron, dem duftenden Flieder, den prächtigen Kastanien. Wer gesegnet ist, staunt über die Menschen, die ihm in seiner Not treu zur Seite stehen, er staunt über die Liebe seiner Kinder und Enkel, seiner Freunde und Partner. Wer gesegnet ist, empfindet Dankbarkeit und Zuversicht, erlebt sich gestärkt und aufgerichtet und traut sich mehr zu, als er es zuvor für möglich gehalten hat. Gottes Segen tröstet, befreit und ermutigt zum Leben.

Ich wage einmal die Vermutung, dass Sie alle zu den Gesegneten Gottes gehören, wie die Jünger damals. Sie alle sind gesegnet, liebe Gemeinde, es sei denn Sie sind heute zum allerersten Mal in einem Gottesdienst. Das kommt natürlich vor, und dann würden Sie, lieber Gast, heute erstmals erleben, was der Segen bedeutet. Vielen Menschen ist der Segen im Gottesdienst der wichtigste Moment, eine Stärkung für ihr Leben, ein wohltuender Zuspruch, eine sichtbare Geste der Zuwendung Gottes: Du bist gesegnet, Gott ist dir gnädig, Gott behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele! Segensworte, die gut tun. Vielleicht sind Sie auch einmal persönlich gesegnet worden, z.B. bei Ihrer Taufe oder Konfirmation, vielleicht sind Sie kirchlich getraut worden?

Meine eindrucksvollste Segnung war die bei meiner Ordination zur Pastorin, mit Handauflegung und Segensworten von Menschen, die mich auf meinem Weg bis dahin begleitet haben. Das Zusammenspiel von Wort und Handauflegung – es bewirkt jene innere Überzeugung: Ja, Dir kann nichts geschehen, was Gott nicht zum Guten wendet. Er ist mit dir!

Mit einem  solchen Segen verabschiedet sich Jesus von seinen Jüngern und erhebt sich in den Himmel. Das beeindruckt mich besonders an der lukanischen Erzählung von Jesu Himmelfahrt. Lukas geht es hier nicht um die Umstände der Himmelfahrt (ob Jesus nun auf einer Wolke enthoben wurde oder Engel ihn hinauf begleiteten, das spielt für ihn hier keine Rolle…). Er richtet unser Augenmerk auf Jesu letzte Worte und Gesten: Demnach eröffnet Jesus seinen Jüngern in diesem letzten Moment des Zusammenseins ein Verständnis für seinen Weg – jetzt verstehen sie endlich seine Rede von der Notwendigkeit seines Leidens und Sterbens und von der Verheißung der Auferstehung. Jetzt erschließt sich ihnen der tiefere Sinn hinter allem. Sie erkennen in Jesus Gott, der alles fügt und zusammenhält. Sie entdecken Gottes Gegenwart in ihm und Gottes Kraft in ihnen. Und sie begreifen, dass es jetzt an ihnen liegt, diese Botschaft weiterzusagen. Sie sind jetzt seine Boten. Und dazu rüstet er sie aus mit einer Kraft „aus der Höhe“, und er hebt die Hände auf und segnet sie! Jesu letzte Handlung auf Erden ist der Segen! Ein starkes Bild: Segnend erhebt er sich in den göttlichen Himmel. Das ist das letzte Bild, dass die Jünger von ihm haben: Er segnet sie!

Wer den Segen Gottes empfängt, der spürt eine Kraft in sich, die verändert, die neues eröffnet, liebe Gemeinde. Gottes Segen renkt nicht alles wieder ein, was schief gelaufen ist, er holt den Verlorenen nicht zurück, er macht die Krankheit nicht ungeschehen. Aber er lässt mich spüren, dass es Gott um mich geht, dass ich auch mit meinem Zweifel, meiner Angst und Traurigkeit ein Segen für ihn bin. Gott spricht: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Wer gesegnet wird, der spürt die Kraft des Himmels über sich und in sich.

Amen.