Predigt am 15. Februar 2015 - Predigtreihe "Abendmahl"

Von: Pastor Sebastian Borck | 15.02.2015

Pastor Sebastian Borck

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"In Christus", liebe Gemeinde, wenn wir das verstanden haben, haben wir alles verstanden, ja dann haben wir auch weit mehr als nur "verstanden" – unsere ganze Person, in eine größere Gemeinschaft eingebunden, ist dann in Christus. Und das Abendmahl versteht sich von selbst. Im Evangelium ist ein Schlüssel für unser Leben verborgen, dessen Weite und umfassende Tiefe unsere Vorstellungskraft sprengt. Normalerweise denken wir so: Wir schauen ins Leben und denken uns dies und das; und wir denken auch darüber hinaus, was wohl dies Leben trägt und im Innersten zusammenhält. Und das Woran nennen wir dann Glauben. Ich glaube an Gott, der die Welt geschaffen hat. Ganz anders das Bild aus dem Johannes-Evangelium: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt. Reben sind wir, fruchtig, wunderbar! Reben am Weinstock; von daher fließt etwas. Teil sind wir von einem größeren Organismus. Nicht wir müssen das Leben tragen, sondern das Leben trägt uns – wenn wir nur den Anschluss nicht verlieren! Teil sind wir eines größeren Organismus, dem wir mit anderen zusammen angehören. Und gemeinsam ist allen Reben, dass da eine Kraft ist von anderwoher, dass da etwas fließt, darauf drängend, Frucht zu bringen. Und unser Leben ist Teil dieses Vorgangs. Mit anderen zusammen sind wir Reben am selben Stock, in dem etwas fließt, darauf drängend, Frucht zu bringen. Glauben heißt: im Fluss bleiben. Glauben also nicht als eine Vorstellung, mehr oder weniger vernünftig, sondern viel umfassender und noch über alle Vernunft hinaus: als Realisieren dessen, was mit uns geschieht, wohin wir gehören, wozu unser Leben da ist. Die Pointe im Johannes-Evangelium lautet: Ich bin – sagt Jesus – der Weinstock. Ich, der Lebendige, bin der Weinstock eures Lebens. Ich habe nicht nur mit Zöllnern und Sündern, mit Menschen, deren Leben verkehrt gelaufen ist, zu Tisch gesessen und ihnen am Leben teilgegeben. Ich, der Gekreuzigte und Auferstandene, bin der Lebendige, bin der Weinstock eures Lebens, lade euch ein, halte Tischgemeinschaft mit euch und gebe euch an meinem Leben teil. Ich bürgere euch neu ein in den Leib Christi. Und ich gebe euch teil an der Kraft des Lebens. Nicht Abendmahl als mühsame Anstrengung des Glaubens an eine fremdgewordene Lehre von Sühnopfer und Erlösung. Schon gar nicht Abendmahl als magisches Mysterium, als Medizin der Unsterblichkeit. Sondern Abendmahl als Einbürgerung, nicht mehr Fremdlinge, sondern Gottes Hausgenossen zu sein, und als Anschluss, in Christus und aus seiner Kraft zu leben. Dass Taufe und Abendmahl Sakramente genannt werden, bedeutet nichts anderes als: Jesus Christus – nicht die Kirche! – ist das eine Sakrament Gottes in der Welt, das eine menschgewordene und weiterwirkende Wort Gottes, das wir in der Taufe und im Abendmahl feiern. Wir feiern Christus. Jesus Christus gibt sich. Du bist getauft: du gehörst – woher immer du kommst und wohin immer dein Weg dich führen wird – zu Jesus Christus. Wir feiern Abendmahl: Jesus Christus nimmt uns – so verschieden wir sind und so brüchig wir sind – neu hinein und schließt uns neu wieder an an den Fluss seines Geistes und seiner Kraft: Glaube, Hoffnung, Liebe. In der Taufe feiern wir das Sakrament Jesus Christus im Sinne der Wegeröffnung. Im Abendmahl feiern wir das Sakrament Jesus Christus im Sinne der Wegzehrung. Gerade wenn das klar ist, werden wir jedoch dessen gewahr, dass unser Leben so klar nicht ist und vor allem so klar nicht bleibt. Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger. – Wenn! Und wenn nicht? So egal und sacht fließt kein Lebenslauf, dass er nicht mal gegen einen Damm stößt und sich im Kreise dreht, oder dass ihm die Menschen Steine ins klare Wasser schmeißen, na, passieren tut jedem was – und er muss dafür sorgen, dass sein Wasserklar bleibt, dass Himmel und Erde sich ihm ihm spiegeln kann. (Fritz Reuter) Und Dietrich Bonhoeffer fragt (leicht abgewandelt): Sind wir noch brauchbar? Wir sind stumme Zeugen böser Taten gewesen …, wir sind mit vielen Wassern gewaschen, … wir sind durch Erfahrung misstrauisch gegen die Menschen geworden … und (bleiben) ihnen das freie Wort oft schuldig, wir sind durch … Konflikte … mürbe geworden – sind wir noch brauchbar? Und weiter: Nicht Genies, … nicht Menschenverächter, nicht raffinierte Taktiker, sondern schlichte, einfache, gerade Menschen werden wir brauchen. Wird unsere innere Widerstandskraft … stark genug Und unsere Aufrichtigkeit gegen uns selbst schonungslos genug … sein, dass wir den Weg der Schlichtheit und Geradheit wieder finden? Ob wir noch brauch bar sind, für Vertrauen einzustehen, für Hoffnung, Liebe? Ob wir noch brauchbar sind, Werkzeug seines Friedens zu sein? Ob wir im Wissen um all unsere Grenzen und Brüche noch fähig sind für das, wozu unser Leben da ist: nämlich Frucht zu bringen, wie es heißt? Wer wollte denn von sich behaupten, stets frei, quirlig wach und offen wie auf dem Sprung bereit zu sein für das, was Gott mit einem vorhat? 6 Eher ist es doch so, dass einen nicht selten Zweifel überkommen, ob der eigene Lauf des Lebens Tag um Tag noch mit der Lebendigkeit in Verbindung steht. Da fühlt man sich abgeschnitten, nicht ganz bei Kräften, nicht gesehen, ist mit sich selbst beschäftigt. Und kommt da was an die Tür, wird's abgewiesen – was Wunder auch, wo einem selbst schon nicht wohl ist und man gerade nach anderem aus ist. Ich wollte Leuchtturm sein, in Nacht und Wind, für Dorsch und Stint, für jedes Boot – und bin doch selbst ein Schiff in Not! (Wolfgang Borchert) Und in das Gefühl, irgendwie abgetrennt vom Leben zu sein, mischen sich dann Vorwürfe und Selbstvorwürfe: Hätte ich doch … Ich hab es schon immer gewusst … Und so steht man dann in der Mitte allein, von Vorwürfen umgeben. Steinigung kann dann etwas sein, was in uns selbst passiert – zu klagen und anzuklagen gibt es ja genug – wir leben mit Schuld. Die Begegnung mit Jesus aber erzählt, wie er um die Teufelskreise weiß – und sie durchbricht: Urteile, Verurteilungen, Aburteilungen, Rache, Wie du mir so ich dir – das alles ist klar auf der Erde. Darum: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Und als alle gegangen waren und nur noch er da war mit der Frau allein, plädiert Jesus nicht etwa für mildernde Umstände – das Urteil bleibt klar. Aber als die Frau feststellt, von niemandem verdammt worden zu sein, sagt er: So verdamme ich dich auch nicht. Gehe ins Leben und sündige hinfort nicht mehr. Mitten in den Auseinandersetzungen, den sichtbaren und denen in unserm Innern, mitten in den Vorwürfen und Selbstvorwürfen, begegnet uns Jesus Christus und führt – wie die Frau – auch uns in Leben: So verdamme ich dich auch nicht. Gehe ins Leben und sündige hinfort nicht mehr. Ich weiß um Ungerechtigkeit, Leid und Schuld. Ich weiß, was Hass und Gewalt, Selbstzerstö- rung und Tod bedeuten. Ich kenne den Preis. – Es ist nicht nötig, ihn noch einmal zu zahlen. Es gibt einen anderen Weg. Dorothee Sölle hat so von ihm geschrieben: Der dritte weg Wir sehen immer nur zwei wege sich ducken oder zurückschlagen sich kleinkriegen lassen oder ganz groß herauskommen … Jesus du bist einen anderen weg gegangen du hast gekämpft aber nicht mit waffen du hast gelitten aber nicht das unrecht bestätigt du warst gegen gewalt aber nicht mit gewalt Wir sehen immer nur zwei möglichkeiten … angst haben oder angst machen … Wir übernehmen die methoden dieser welt verachtet werden und dann verachten die andern und schließlich uns selber Lasst uns die neuen wege suchen … und lasst uns die überraschung benutzen und die scham die in den menschen versteckt ist Und ich füge hinzu: Lasst uns die Sehnsucht nutzen, selbst als einer dazustehen, der Frieden will, ja mehr noch: der anderen Frieden schafft. 7 Lasst uns die Kraft nutzen, um Entschuldigung zu bitten, und auf den Mut vertrauen, zu vergeben – Vergebung heißt ja nicht Vergessen, sondern die Vergangenheit des anderen keinen Einwand mehr dagegen sein lassen, ihn anzunehmen und eine neue Beziehung zu wagen. Lasst uns die Sehnsucht nutzen, einander nicht als Feinde bekriegen zu müssen, sondern an einem Tisch zu sitzen, zwar nicht umhin zu können, die Fremdheit zu spüren, aber doch insgeheim auch entdecken zu können, verschiedene Gaben zu haben und ziemlich verschieden – am Ende gar schön verschieden zu sein. Das Abendmahl ist das Sakrament des Neuanfangs. So verschieden wir sind, so getrennt vom Lebensfluss – alles, was dazwischensteht, hat Jesus Christus auf sich genommen und bürgert uns neu wieder ein in den Leib Christi, der weltweit ist, und schließt uns wieder auf den Strom des Lebens, dass Glaube, Hoffnung, Liebe sich entfalten und wir Frucht bringen können. Wer in Christus ist, der ist eine neue Kreatur! Das Alte ist vergangen. Siehe, es ist alles neu geworden. Amen.