Predigt am 17. April 2017 - Ostermontag

Von: Pastor Matthias Neumann | 27.04.2017

Von: Pastor Matthias Neumann | 17.04.2017

Zürich – die grösste, reichste und teuerste Stadt in der Schweiz - hat eine Attraktion mehr. Mitten im Bankenviertel wurde ein Fundbüro eröffnet. Nicht für Goldbarren, die einem aus der Aldi-Tüte gefallen sind. Auch nicht für iPhones, auf denen die Namen der Berater gespeichert sind, die bei der kreativen Steuergestaltung helfen. Sondern mitten im Bankenviertel steht ein ziemlich kleiner Pavillon. Das Fundbüro ist  für Immaterielles gedacht. Dort kann man z. B. verlorene Träume abgeben oder überflüssige Gedanken entsorgen oder auch für etwas Verlorenes, letztlich dann doch Überflüssiges  danken. Oder Herzenswünsche deponieren. Also alles, was es für kein Geld der Welt zu kaufen gibt – und wofür man keins bekommt. Wenn einer den Glauben an das Gute im Menschen immer fadenscheiniger werden spürt, ist er dort richtig. Ab ins Fundbüro damit. Oder wenn er die Hoffnung darauf wiedergefunden hat, dass Menschen doch nicht immer blöder, aggressiver und egoistischer bleiben, kann das dort zu Protokoll genommen werden. Oder Vorurteile entsorgen. Alles natürlich ohne Kommentarspalten, denn sonst würde ja sofort die Büchse der Pandora sperrangelweit geöffnet. Nach Zürich sind es knapp 900 Kilometer. Aber die Gedanken sind ja frei. Also stelle ich mir vor, dass ich im Geiste in Zürich schnurstracks zum neuen Fundbüro eile. Vielleicht treffe ich dort Andrea Keller, die auf diese Idee mit dem Fundbüro des Immateriellen gekommen ist. Und dann das: „Heute ist der Schalter für enttäuschte Hoffnungen wegen Überlastung leider geschlossen“ lese ich. Oha. So etwas hätte ich mir ja denken können in diesen aufregenden Ostertagen. Weshalb?

 

In über 50 Ländern der Erde werden Christen verfolgt – und in Ägypten überlegen sich Kopten wahrscheinlich dreimal, ob sie zum Ostergottesdienst aus dem Haus gehen. Nie wurden so viele Christen an Leib und Leben bedroht als 2017. Von Nordkorea bis in die Türkei. Ca. 100 Millionen. Ich hätte gern meine Enttäuschung darüber in Zürich abgegeben, dass dieses Thema in Deutschland so gut wie nie ein Thema ist. Ein orientalischer Bischof hat das kürzlich kommentiert: „In Deutschland interessiert man sich mehr für Frösche als für verfolgte Christen.“ Nein, es ist auch gar nicht so ganz leicht, der Aufforderung von Bischof Bedford-Strohm zu folgen, zu Ostern doch hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Nach dem gestrigen Referendum in der Türkei noch weniger. Die bedrohlichen Gedanken von Trump, Erdogan, Le Pen, Orban, Wilders und Petri hätte ich doch liebend gern gleich im Paket mit sieben Strippen drum im Fundbüro abgegeben. Und den weltweit anschwellenden Bocksgesang von Dummheit und Gewalt gleich mit. Der Dichter Heiner Müller hat behauptet: „Hoffnung ist nur ein Mangel an Information.“

Bei dem Personal, das im Moment die Weltgeschicke lenkt, kein ganz abwegiger Gedanke. Es scheint, als steckte der Karfreitag in eine Endlosschleife fest. Wie ist ein Neustart hinzukriegen? Wie kann Hoffnung in dieser Finsternis wieder aufblühen? Hat John Lennon das letzte Wort mit seinen Zeilen: „Imagine there’s no heaven – and no religion too?“ Ja aber was hülfe das – und wozu wäre das gut? Eine Welt ohne Himmel und ohne Religion?

Die Jünger in Jerusalem hätten nach am Karfreitag ganz sicher bekannt: Nie und nimmer hätten sie nach dieser Nacht auf eine Wende zum Guten geglaubt. Nicht einmal im Traum. Denn das war der Totalabsturz allen Hoffens und ein erschrockene Blick auf den langen Schatten des eigenen Versagens. Der Gedanke an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen war ihnen auf Golgatha gleich mit pulverisiert worden. Schönheit, Wahrheit und Liebe waren mit Jesus zu Grabe getragen worden – geradewegs ins grosse Fundbüro verlorener Hoffnungen.

 

Und dann zeigt sich ihnen der Auferstandene am Ostermorgen doch in Fleisch und Blut. Nicht nur das: Und er lässt sich von ihnen etwas zu essen geben. Der Evangelist Lukas will damit sagen: er ist kein Gespenst, keine Fata Morgana, kein Geistwesen. Kein Wunder, dass die Jünger sich über dies Wunder fast zu Tode erschrecken – aber es wird ihnen ein Erschrecken ins Leben hinein. Was mich überzeugt: Alle Jünger haben dieses Erlebte mit ihrem eigenen Leben besiegelt. Sie starben als Märtyrer. Als Zeugen ihres Glaubens. Ist das ein wasserdichter Beweis für die Auferstehung Jesu? Zumindest ein ernstzunehmender Hinweis. Ich widerspreche John Lennon hier gern: Imagine there’s even so a heaven and some religion too. Und es gibt einen Jesus, auf dessen Bruderschaft ich nicht verzichten möchte. Bis in die letzte Nacht hinein – die Todesnacht. Bis in die Hölle der letzten Gottesferne. Er steigt daraus wieder auf. Dieser Jesus ist für uns Christen das Bild des Menschen, unser Mass-Stab für erfülltes Leben in einer Dimension, die weder käuflich noch verkäuflich ist. Deshalb begegnen wir ihm in jedem Gottesdienst, wir hören dort jedesmal seine Geschichten – und wir hören sie als Familie der Kinder Gottes. Dem Wir, das uns verbindet. Und wir können uns hier auch wie im Fundbüro des Immateriellen anstecken lassen von der langen Geschichte unserer Mütter und Väter im Glauben, als Erben der Auferstehungshoffnung der Jünger. Und nicht denen das Feld überlassen, die keinen Himmel über sich haben – und keinen vor sich. Der Einfall mit dem Fundbüro des Immateriellen bleibt grossartig, weil er dazu einlädt, sich von unnötigem Ballast zu befreien. Ob man da bis nach Zürich reisen muss? Von Schaden ist das sicher nicht.

Aber ein einziger Satz des Auferstandenen kann Wege geradeaus ins Leben weisen. Zum Beispiel dieser: „Was ihr getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir getan.“ In einen Reichtum, der unbezahlbar ist und allen zugute kommt. Den Reichtum an Güte, an Liebe, an Respekt und Erbarmen. Trotz alledem – und auch an einem Morgen wie diesem. Den schenke uns der Auferstandene.

Das schenke Gott uns allen. Amen.