Predigt am 18. Dezember 2016 - 4. Advent

Von: Pastor Matthias Neumann | 20.12.2016

Heute predigt die Orgel. Orgel Plus steht im Kalender – und Eingeweihte wissen, dass es ein paar mehr Töne von der Empore gibt als sonst. Töne aus 4500 Pfeifen in 61 Registern erwarten uns. So klingen 3, 2 Millionen Euro. Deutlich angenehmer, als wenn Dagobert Duck in seinen Dukaten-Swimmingpool hechtet. Orgelmusik und Choräle schmücken Evangelische seit Jahrhunderten ja ganz besonders.  Wieso?

Der Evangelischen vornehmster Sinn ist das Gehör. Nicht immer auf Harmonie gestimmt, wie damals Bach in der Thomaskirche in Leipzig bitter erleben muste. Bei den Katholischen sind es eher die Augen, die Nase und die Zunge und die Hände, die das Evangelium aufnehmen. Bei uns sind Bilder, Gerüche, Geschmack und Bewegung weniger wichtig – unsere Kirchen sind als Hörsäle oder Klassenräume ausgedacht.  Aber die Orgel kann hier durchaus predigen. Nicht nur Chorälen Anschwung geben und begleiten. Und selbstverständlich ist der Gemeindegesang seit Jahrhunderten eines der Schmuckstücke des evangelischen Gottesdienstes. Martin Luther hatte dem Choral dieses Kompliment gewidmet: „Medizin gegen das Böse und Labsal gegen den Verdruss“. Das kann ich bestätigen. Heute ist die Orgel die Predigerin der 900 Jahre alten Melodie des gregorianischen Hymnus „Veni redemptor gentium“. Übersetzt: „Komm, Erlöser der Völker“ – oder in den Worten Martin Luthers: „Nun komm der Heiden Heiland.“ Bachs Kantate Nummer 61 zum 1. Advent über diesen Choral ist wohl bekannt. Von zwei evangelische Organisten hören wir heute  deren Predigten: Von Samuel Scheidt aus Halle (1587 – 1654) und Nikolaus Bruhns aus Lübeck (1665 – 1697): Scheidt als Zeitgenosse des 30-jährigen Krieges  kam auf den Armenfriedhof - und Bruhns als Opfer der Schwindsucht starb im Alter von 31 Jahren. Ihre Musik ist lebendig geblieben. Ein Anschwung in die Adventszeit und auf Weihnachten mit einer Sehnsuchtsmelodie, die gern als Ohrwurm mit nach Hause genommen werden kann. Ob die Komponisten auf den lateinischen Text von Ambrosius aus dem 4. Jahrhundert musizierten oder über den Lutherchoral? Der Reformator hat sich ja auch der Melodie aus dem 12. Jahrhundert bedient – aber für ihn war es ein Herzensanliegen, die Gemeinde auf deutsch zum Singen zu bringen.

Aus dem Füllhorn der grossen Themen, die Ambrosius bedenkt, hat sich Luther auf eine Handvoll beschränkt. Der Plan der göttlichen Heilsgeschichte ist sein roter Faden – von der Schöpfung bis zum guten Ende. In der Mitte das Wunder der Menschwerdung Gottes. Luther nennt keine Namen – Maria und Jesus treten als Jungfrau und als Heiland auf. Und er bedichtet die grossen Mysterien der Heilsgeschichte: die Geburtsgeschichte Jesu, seine Doppelnatur als Gott und Mensch, sein Wirken als Erlöser, dessen Karriere im tiefsten Dunkel eines Stalles begann. Die Bruhns und Scheidt haben diesen Ton aufgenommen und in Musik verwandelt. Keine leichte Kost – wohl wahr, keine Idylle. Bei Bruhns ist das Licht, das in die Dunkelheit leuchtet, gut zu sehen und zu hören. Wer das Lied in unserem Gesangbuch aufschlägt, reibt sich etwas verdutzt die Augen, denn da stehen von Luthers acht Versen nur fünf. Drei Verse fehlen. Zwei davon behandeln die Geschichte Marias, der dritte die Gottesgleichheit Jesu. Ich kann nur vermuten, dass man diese sperrigen Gedanken der modernen Gemeinde ersparen wollte und das Lied dadurch möglicherweise leichter zu singen sei. Und ich nehme mal an, dass Luther etwas erstaunt wäre, wenn er das entdecken würde. Der Choral hat ja einen inneren Bogen, einen Atem, der von Luther wohl bedacht ist. Würde man von einem Bild auch ein Stück herausschneiden oder von einer Skulptur einen Arm oder ein Bein, weil man dem Konsumenten den Zugang erleichtern und etwaige Zumutungen ersparen möchte? Das ist eine Art von Gebrechlichkeitsfürsorge, die meinen Horizont übersteigt. In der Adventszeit und zu Weihnachten ist Maria ja auch in den Kirchen der Lutherischen zu Hause – in der Musik wie dem „Magnificat“, in Bildern, Gedichten und Geschichten.

Und ihre Geschichte ist eine der grossen Wundergeschichten der Bibel, die Mut machen und Anschwung in dunklen Zeiten geben möchte: die Geschichte einer jungen Frau, die durch Gottes Gnade aus einer schier ausweglosen, unwürdigen und beschämenden Lage in himmlischen Glanz verwandelt wird. Wo alles zu Ende scheint, geht es weiter, wo das Versinken in Finsternis unausweichlich scheint, beginnt ein Aufstieg ins Licht. Vom 13-jährigen Mädchen mit verlorener Ehre bis zur Himmelskönigin.  All das wird in der Weihnachtsgeschichte ausgemalt – zum Mut machen und geborgen bleiben im Hoffen. Um all den Menschen Anschwung zu geben, die im Finstern wandeln, in Schuld, Verzweiflung und Todesangst. „Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich“ heisst die Botschaft des Engels. In Worten und in Musik. Am Ende dieses Jahres, das vollgepropft ist mit jeder Menge von bösen Geschichten, die immer dunkler zu werden scheinen. Dafür steht stellvertretend die unheilige Dreieinigkeit die Namen von Trump, Putin und Assad. Aber wir Christen sind ja nicht zur Duldungsstarre und zur Weltmeisterschaft im Kulturpessimismus auserwählt. Sondern werden immer wieder in die Neugier gelockt, was Gott mit uns vorhat, damit wir segensreich bleiben – wie Maria. Das schenke Gott uns allen – den Soundtrack dafür bekommen wir heute gratis. Dank an die Herren Scheidt, Bruhns und Fischer. Amen.