Predigt am 19. Oktober 2015

Von: Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann | 19.10.2015

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

Predigt (PDF)

 

Aus dem Leben Paul Tillichs

Paul Tillich gehört zu den großen evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Er hat meine Theologen-Generation maßgeblich geprägt. Sein Werk umfasst zahlreiche Aufsätze, Vorlesungen, Essays, Briefe und Religiöse Reden, sowie eine Dogmatik und eine Systematische Theologie (sein Gesamtwerk zählt 13 dicke Bände). Anders als Karl Barth, als dessen Gegenspieler er meist angesehen wird, gilt sein Interesse nicht nur der theologischen Dogmenentwicklung, sondern er hat sich mit zahlreichen kulturellen Phänomenen seiner Zeit beschäftigt und ihre religiöse Dimension gedeutet: Er hat über den Tanz, das Theater, die Kunst, die Psychologie, die Poesie geschrieben, hat sich intensiv mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds und dem philosophischen Existentialismus Sören Kierkegaards auseinandergesetzt und war darüber hinaus ein sehr politisch denkender Mensch. Heute gilt er als der große Kulturtheologe, dem es gelungen ist, religiöse Phänomene nicht nur innerhalb der Kirche und der theologischen Wissenschaft zu beschreiben, sondern diese in der außerkirchlichen, in der profanen Kultur ausfindig zu machen. Er hat damit eine Entwicklung vorausgesehen, die für unsere Zeit kennzeichnend ist: Menschen suchen Sinn und religiöse Erlebnisse immer weniger in der Institution Kirche, sondern in Stadien und Konzertsälen, in der Natur und der Privatsphäre, im Kino und in anderen Hobbys und Leidenschaften. Die Kirche hat ihr Monopol auf Sinngebung lange verloren.

Tillich erkannte das früh und hat darauf mit einer Theologie geantwortet, die nicht wie eine Doktrin von oben verkündete, was Du zu glauben hast (!), sondern die von den Fragen und Suchbewegungen des Menschen ausgeht und nach Antworten sucht, die anschlussfähig sind. Wir nennen das eine liberale Theologie.

Paul Tillich wurde am 20. August 1886 in Starzeddel nahe der schlesischen Grenze als Sohn eines Pastors geboren und wuchs in Berlin auf. Nach seinem Abitur studierte er Theologie in Berlin, Tübingen und Halle, promovierte in Philosophie und Theologie und wurde Hilfsprediger in Berlin Moabit. Das Berlin der 20ger Jahre muss ziemlich freizügig gewesen sein, jedenfalls findet man in Tillichs Predigten und Vorlesungen aus dieser Zeit zahlreiche Anspielungen darauf. Während des 1. Weltkriegs wirkte er als Feldprediger an der Westfront – diese Erfahrung hat er als Erschütterung des idealistischen Fortschrittsglaubens und des kulturellen Selbstverständnisses des 19. Jh bezeichnet. Tillich schreibt: „Das vierjährige Erleben des Krieges riss den Abgrund für mich und meine ganze Generation so auf, dass er sich nie mehr schließen konnte“ (Auf der Grenze). Sein beruflicher Werdegang führte ihn von Berlin, wo er ab 1919 Privatdozent für Theologie lehrte, 1925 nach Marburg und Dresden als Professor für Systematische Theologie und Religionswissenschaft und ab 1929 auf den philosophischen Lehrstuhl Max Schelers in Frankfurt. Politisch engagierte er sich bei den religiösen Sozialisten und versuchte so, dem Nationalsozialismus in Deutschland entgegen zu wirken. Das hatte Folgen: 1933 wurde er als erster nichtjüdischer Professor durch Hitler von seinem Amt suspendiert und emigrierte noch rechtzeitig vor einer drohenden Festnahme in die USA. Von dort hielt er über hundert Rundfunkansprachen, die zwischen 1942 und 1944 über die Stimme Amerikas nach Deutschland ausgestrahlt wurden. In eindringlichen politisch-theologischen Reden kommentierte er die Vorgänge in Deutschland, rief zu Besinnung und Widerstand auf und suchte nach Perspektiven über den Krieg hinaus. In den USA lehrte er am Union Theological Seminary in New York (1933-1955) und veröffentlichte zahlreiche Aufsätze, Vorlesungen und sein theologisches Hauptwerk „Systematische Theologie“ in drei Bänden (1951, 1957, 1963). Er gewann großen Einfluss auf die amerikanische Theologie. Aber auch in Deutschland wurde er viel gelesen und erhielt 1962 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Nach seiner Emeritierung in New York wirkte er an verschiedenen amerikanischen Universitäten als Gastprofessor  (Harvard, Chicago) und wurde an den Universitätskirchen auch als Prediger sehr geschätzt. Entsprechend groß war die Resonanz auf die drei Predigtbände, die er zunächst in englischer Sprache veröffentlichte. Am 22. Oktober 1965 starb er in Chicago.

 

 

Predigt

Liebe Gemeinde,

„Von der Gegenwärtigkeit des göttlichen Geistes“, so betitelte Paul Tillich die Veröffentlichung einer Predigt aus dem Juli 1961. Diese Predigt ist nicht irgendeine, sondern sie hat für mich eine besondere Bedeutung. Warum? Tillich hat sie von hier oben, hat sie hier in St. Katharinen gehalten. Im Juli 1961 – in meinem Geburtsmonat! Ist das ein Zufall? In diesem Sommer war er 74 Jahre alt. Sie gehört insofern zu seinem Spätwerk und ist parallel zum 3. und letzten Band seiner Systematischen Theologie entstanden: hier „Das Leben und der Geist“ (1963). Da er sich 1961 zu Gastvorlesungen an der Universität Hamburg aufhielt, ist anzunehmen, dass er im Rahmen eines Universitätsgottesdienstes predigte.

Tillich beginnt seine Predigt mit einer kritischen Gegenwartsanalyse. Er spricht von einer Verunsicherung im Glauben, dem Zweifel an der eigenen Berufung und am Neuen Sein. Das Neue Sein – das ist sein Begriff für das geschenkte neue Leben aus Glauben an Jesus Christus. Die Glaubensunsicherheit, die Fremdheit der biblischen Texte und theologischen Begriffe - sie sind Phänomene, die uns bis in die Gegenwart begleiten und zumeist als Folgen der Säkularisation, dem Verlust der eigenen Tradition und der Gottvergessenheit beschrieben werden.

Darauf antwortet Tillich mit der Zusage des Paulus, dass die Fähigkeit, dem Neuen Bund, oder in Tillichs Sprache, dem Neuen Sein zu dienen, nicht von uns, sondern von Gott kommt und damit von einer Kraft, die größer ist als unsere eigene. 2. Kor 3,5: Wir sind zu „Dienern des neuen Bundes“ nicht von uns selbst tüchtig oder fähig, die Teilhabe am Neuen Sein ist nicht unser Werk. Sie ist ein Werk des göttlichen Geistes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes, so der Vers aus dem 2. Korintherbrief, auf den sich seine Predigt bezieht. Wir haben die Passage vorhin gehört: Darin vergleicht Paulus die Korinther mit einem lebendigen Brief, einem Empfehlungsschreiben für den Neuen Bund: Sie, die Korinther, sind der Empfehlungsbrief Jesu Christi, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne – nämlich geschrieben in ihre Herzen. Sie sind die Diener des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes.

Ganz konkret und beispielhaft erinnert Tillich seine Zuhörer und uns an Situationen, in denen wir Worte gefunden haben, die aus der unserer unserem Herzen, aus der eigenen Tiefe oder aus eigener Angst in uns aufstiegen, und auf einen anderen eine „priesterliche, erweckende, heilende Wirkung“ hatten. Durch uns hindurch wirkte da eine Macht, die nicht von uns ist. Im Gegenteil, wir meinten vielleicht, wir könnten nicht helfen, weil ja selbst hilfsbedürftig sind. Die Erfahrung ist aber oft: Wir können anderen gerade dann Trost spenden, wenn wir selbst trostbedürftig sind und die tröstende Macht in uns hören, wirken, spüren, die von Gott kommt, nicht von uns selbst. Ein spannender Gedanke, finde ich – und dich teile ihn gerade im Blick auf die Erfahrung von Trauer und Trost. Getröstet hat mich nicht derjenige, der mir mit frommen Sprüchen oder Vertröstungen auf eine bessere Zukunft den Schmerz nehmen wollte, sondern derjenige, der sich an meine Seite stellte und die gefühlte Leere, den bitteren Verlust mit mir ausgehalten hat – da hinein hat Gott seine Liebe und Kraft gegeben und mit der Macht gewirkt, die nicht von uns kommt…

Im Hauptteil der Predigt wird diese Macht als Macht des göttlichen Geistes entfaltet. Zunächst wird der Geistbegriff selbst als erläuterungsbedürftig beschrieben, da er vielen Menschen innerhalb wie außerhalb der Kirche fremd geworden ist. Tillich definiert den göttlichen Geist als „Macht, die den menschlichen Geist über sich hinaus treibt zu dem, was er durch sich selbst nicht erreichen kann“. Die Macht des göttlichen Geistes treibt ihn zur Liebe, zum Heiligen und zur Wahrheit, zu Phänomenen, die jeweils größer sind als wir selbst. Die Macht des göttlichen Geistes ist in jedem Menschen gegenwärtig, ganz unabhängig davon, ob wir uns ihrer bewusst sind oder nicht. Sie kann sich in Einzelnen und in Gemeinschaften zeigen, sie ist innerhalb und außerhalb der Kirche bzw. des Religiösen wirklich. Gottes Geist ist frei, er weht und bewegt, wo und wen er will.

In einem zweiten Gedankengang zählt Tillich eine Vielzahl „aufzeigbarer Manifestationen (Wirkungen) der Gegenwärtigkeit des göttlichen Geistes“: Ich lese jetzt aus seiner Predigt:

Der göttliche Geist kann in uns wirken mit sanfter aber nachdrücklicher Stimme, wenn er uns sagt, dass unser Leben leer und sinnlos ist, aber dass Möglichkeiten eines neuen Lebens vor der Tür des inneren Selbst darauf warten, seine Entleertheit zu füllen und seinen Überdruß am Leben zu überwinden. Der göttliche Geist wirkt in uns, wenn er den Wunsch nach dem Heiligen erweckt im Gegensatz zu dem Profanen des Alltags. Der göttliche Geist kann uns zeigen, dass wir einen Menschen tief verletzt haben, aber er kann uns auch das rechte Wort geben, das uns wieder mit dem anderen vereint. Er kann bewirken, dass wir mit der göttlichen Liebe, …, jemanden aufnehmen, den wir menschlich nicht lieben oder gar hassen oder der uns gleichgültig war. Der göttliche Geist kann unsere Trägheit in Bezug auf das, was wir uns als Ziel unseres Lebens gesetzt haben, überwinden. Er kann unsere heimlichen Aggressionen oder offenen Depressionen umwandeln…Er kann uns die Kraft verleihen, falsche Ängste abzutun, und die Angst, die zum Leben selbst gehört, auf uns zu nehmen. Der Geist Gottes kann uns plötzliche Einsicht schenken in den Weg, den wir einschlagen müssen, und uns die Augen öffnen, so dass wir die Welt in einem neuen Licht sehen. Durch ihn können wir Freude erfahren inmitten tiefen Schmerzes…Er kann uns in die Hölle der Verzweiflung über uns selbst werfen und uns dann die Gewissheit geben, dass das Leben uns bejaht hat, gerade wenn wir gänzlich uns verworfen glaubten und uns selbst verwarfen“.

Liebe Gemeinde, jedes dieser Beispiele ist lebensnah, existentiell und blickt in eine Tiefe, die sich auch vor der Abgründigkeit des Lebens nicht scheut. Gerade in dieser Dialektik, die Wirklichkeit von Gelingen und Misslingen, Glauben und Zweifel, Mut und Angst in den Blick nimmt, ist die Predigt überzeugend. Darin ist Tillich übrigens gut lutherisch. Luther spricht immer von beidem, von Gesetz und Evangelium, Kreuz und Auferstehung. Er blendet die Verborgenheit Gottes nicht aus, denn jeder Mensch macht in seinem Leben Erfahrungen des Abgrunds, der Dunkelheit und der Verzweiflung. Es geht um das Ganze des Lebens, in Tillichs Terminologie: die Angst vor dem Nichtsein und den Mut zum Sein, die Angst vor der Sinnlosigkeit und die Ermutigung zu dem Sinn, der diese überwinden kann.

Daran schließt Tillich einen dritten Gedankengang an, in meinen Augen die stärkste Passage seiner Katharinenpredigt: „Wie können wir die Botschaft von der Gegenwärtigkeit des göttlichen Geistes vereinen mit der Erfahrung des abwesenden Gottes?“.  Diese Frage beantwortet er aus der Mitte seiner Theologie, die von Gott als Macht des Seins spricht. Die Abwesenheit Gottes kann ihren Grund nicht außerhalb seiner Macht und seines Willens haben. Das heißt, sie kann nicht allein durch Menschen verursacht sein, als eine Folge unserer Gleichgültigkeit z.B., oder unseres Mangels an Ernst oder unseres Zweifels. Das ist nur ein Teil der Wahrheit. Letztlich liegt der Grund der Abwesenheit Gottes in Gott selbst, so die überraschende These Tillichs. Sie ist das Werk des göttlichen Geistes. Der Geist kann Gott vor uns verbergen, dann bewirkt in uns jene innere Leere und zeigt uns den abwesenden Gott: „Ob wir Gott als gegenwärtig oder als abwesend erfahren – beides ist ein Werk des göttlichen Geistes“. Tillich erlebt seine Gegenwart als eine Zeit der Abwesenheit.

Und wir? Was meinen Sie, liebe Gemeinde? Leben wir in einer Zeit der Gegenwärtigkeit oder der Abwesenheit Gottes? Ich könnte ihnen Beispiele für beides nennen:

Ich erlebe seine Gegenwärtigkeit hier in dieser Kirche, in unserer Gemeinde, in der Dynamik, mit der unsere Gemeinde wächst (140 Kinder in der Kinder- und Jugendkantorei) und in der sich die Stadt und die Nachbarschaft in unserem Quartier entwickeln, ich erlebe sie in der Hilfsbereitschaft vieler Christen und anderer Glaubensrichtungen den Flüchtlingen und Obdachlosen gegenüber. Ich vermisse seine Gegenwärtigkeit in dem klaren Bekenntnis zu seiner Kirche, den weiterhin rückläufigen Mitgliederzahlen. Ich vermisse sie in unseren politischen Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, in den Schicksalen, die Kinder auf der Flucht von Hunger und Krieg erleiden müssen.

Tillich würde nun im Anschluss an Luther dazu sagen: Dass Du Gottes Gegenwart vermisst, ist ein Beleg dafür, dass Gott verborgen doch gegenwärtig ist. Sonst würdest du ihn gar nicht vermissen. Deine Empörung über das Unrecht in der Welt, Deine Empathie für die Menschen in Not, Deine Kritik an der Abwesenheit von Glaube und Liebe – das alles sind sichtbare Zeichen des unsichtbar wirkenden, des verborgenen göttlichen Geistes.

Wenn das stimmt, dann wirkt er auch heute hier unter uns, dann sucht Gott seinen Weg in unser Herz, dann schreibt er seine Liebe und Güte in uns hinein, dann schenkt er uns jene Kraft, die wir selbst nicht herstellen können und jenen Mut, der uns immer wieder verloren geht. Dann richtet er uns auf, damit wir nicht bedrückt, sondern aufrecht stehen und gehen können, dann macht er uns frei und fähig, zu leben und zu lieben, zu weinen und zu lachen, zu glauben und zu hoffen.

In Gottes Namen Amen.