Predigt am 4. Oktober 2015 - Erntedank

Von: Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann | 14.10.2015

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

Predigt (PDF)

Liebe Gemeinde,

hatten Sie in der vergangenen Woche Gelegenheit, die Schönheit dieses Herbstes zu erleben? Sind Sie einmal morgens früh hinausgetreten, noch bevor die Stadt erwacht, haben den Tau auf den Gräsern, den Frühnebel über dem Feld und den rötlichen Himmel im Osten bewundert? Haben auf die aufgehende Sonne geachtet, wie sie mit ihrem weichen Licht die Blätter der Bäume bescheint? Haben sich an ihrer Farbenpracht erfreut und darüber gestaunt, wie sie jeden Tag bunter werden und sich braun, gelb und rot verfärben? Hatten Sie in der vergangenen Woche Gelegenheit, mitten am Tag einfach mal eine Pause einzulegen, sich auf eine Bank im Park oder in ein Straßencafe zu setzen und die warmen Sonnenstrahlen zu genießen? Eine Atempause, ein Innehalten, ein Moment des Wohlgefühls? Und ist Ihnen aufgefallen, wie unermüdlich die Spinnen in diesem Herbst ihre Fäden ziehen und jeden Tag neu ihre Netze weben an den Fenstern, Balkonen und Brücken? Oder wie emsig die Eichhörnchen die Haselnüsse sammeln und für ihr Winterquartier vorsorgen? Oder wie die ersten Zugvögel in Formation nach Süden aufbrechen?

Die Natur im Herbst ist so berauschend schön, dass ich gar nicht anders kann, als Gott dafür zu loben! Wem sonst sollte ich danken für die wunderbaren Farben, die tanzenden Blätter im Wind, den Duft des gefallenen Laubes, die melancholischen Stimmungen im Nebel? Ich danke und lobe meinen Gott dafür, den Schöpfer des Himmels und der Erde:

„Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich,

der du das Erdreich gegründet hast auf festem Boden,

dass es bleibt immer und ewiglich.

Du feuchtest die Berge von oben her,

du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.

Du lässt das Gras wachsen für das Vieh

und Saat zu Nutz den Menschen,

dass du Brot aus der Erde hervorbringst,

dass der Wein erfreue des Menschen Herz

und sein Antlitz schön werde vom Öl

und das Brot des Menschen Herz stärke.

Herr, wie sind deine Werke so groß und viel!“

So lobt und dankt der Dichter des 104. Psalms. Wir leihen uns seine Worte, wir leihen uns Worte der Bibel und des Gesangbuchs, Töne Johann Sebastian Bachs und Stimmen der Sängerinnen und Sänger, um Gott zu loben und zu danken für den Reichtum seiner Güter. Wir feiern Erntedank. Und Erntedank ist Gotteslob!

So höre ich heute auch die Kantate „Herr Christ, der einge Gottessohn“ als Lob und Danklied für das Wunder dieser Welt, für das Geschenk des Lebens, für das Geheimnis des Glaubens.

Es ist eine besondere Kantate, auf die ich noch einmal Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte, liebe Gemeinde. Denn sie greift im Text auf ein Lied zurück, das aus den Anfängen der Reformation stammt, aus dem Jahr 1524 und – von einer Frau gedichtet wurde!

Elisabeth Cruciger ist die erste Lieddichterin der evangelischen Kirche, geboren wurde sie um 1500, lebte als Nonne in Ostpommern und wurde durch Johannes Bugenhagen mit der Reformation bekannt. 1521 folgte sie Bugenhagen nach Wittenberg und fand zunächst in seinem Haus Unterkunft. Im Kreis der Reformatoren lernte sie den Prediger und späteren Professor Caspar Cruciger kennen. Mit ihrer Heirat 1524 übernahm sie die damals neue Rolle der Pfarrfrau (darin vergleichbar mit Martin Luthers Ehefrau Katharina von Bora). Eine Tochter und ein Sohn gingen aus der Ehe vorher. Die Tochter heiratete später Luthers Sohn Hans. Martin Luther nannte sie in seinen Tischreden „eine kluge Frau“. Vermutlich hat sie den Gesprächen der Reformatoren beigewohnt und sich auch daran beteiligt. Klug war sie und fromm.

Elisabeth Cruciger bringt in diesem Lied, wir haben es eben gesungen, ihre reformatorischen Grundüberzeugungen zum Ausdruck. Der unbekannte Textdichter der Kantate hat ihre Strophenfolge übernommen, die Rahmenstrophen des Liedes beibehalten und die Mittelstrophen umgedichtet. Wir ordnen es heute der Epiphaniaszeit zu, Bach hat es aber für den 18. Sonntag nach Trinitatis komponiert, wahrscheinlich wegen der Evangeliumslesung, in welcher Christus zugleich als Sohn Davids und als Herr Davids genannt wird. Das ist ein Hinweis auf den Glauben an Christus, den Gottes- und den Menschensohn: Als Gottessohn ist er ewig, gleich ewig wie sein Vater und damit auch schon der, den David im Geist als seinen Herrn verehrte (2. Strophe), als Menschensohn ist er zeitlich, stammt aus dem Hause und Geschlecht Davids (wie in der Weihnachtsgeschichte betont), ist wahrer Mensch, nämlich von Maria geboren.

Die Konzentration auf Christus, den wahren Gottessohn, den Morgenstern, dessen Glänzen alle anderen Sterne überstrahlt, der die Zeitenwende ansagt, sie ist ein Kerngedanke der Reformation. Mit Luthers Worten: Solus Christus. Allein auf Christus sollen wir schauen, uns an ihm orientieren, ihm vertrauen und seinen Glauben nachfolgen.

In der zweiten Strophe des Liedes thematisiert Elisabeth Cruciger Christi Leben und Wirken. Kurz und Knapp ist das Wesentliche gesagt: Christus ist für uns Mensch geworden und hat für uns den Tod zerbrochen, also dem Tod die Macht genommen und uns den Himmel aufgeschlossen und das ewige Leben wiederbracht. Zweimal heißt es hier „für uns“ und das ist ganz und gar lutherisch. Luther hat dieses „für uns“ immer wieder betont, es macht die seelsorgerliche Tiefe seiner Theologie aus: „für uns“ ist all das geschehen!

In der zweiten Hälfte des Liedes und auch der Kantate wandelt sich der Lobgesang zum Gebet. Hier bittet die Gemeinde um Liebe und Erkenntnis, um Glauben und um ein Dienen im Geist, um ein brennendes Herz, um ein Sehnen, Schmecken und Dürsten nach dem, was Christus verheißt.

Wunderbar, allerdings für unsere Ohren ganz ungewöhnlich, klingt die dritte Strophe, in der es heißt: „dass wir hier mögen schmecken, dein Süßigkeit im Herzen und dürsten stets nach dir“. In diesen Worten verbindet sich die reformatorische Verkündigung des Evangeliums mit der innigen, fast mystischen Herzensfrömmigkeit des mittelalterlichen Klosterlebens. Hier spiegelt sich sicherlich die Lebenserfahrung der jungen Verfasserin wider. Das Lesen geistlicher Texte im Kloster und das Singen geistlicher Lieder dienten damals der Vertiefung der Erkenntnis, aber nicht allein. Das eigentliche Ziel war es, über das Betrachten der göttlichen Geheimnisse zu jener Erfahrung zu gelangen, die man fruitio Dei nannte, die reale, sinnenhafte Erfahrung der Gegenwart Gottes in der mittelalterlichen Mystik (Christa Reich). Diese wurde damals mit dem Begriff der Süßigkeit umschrieben. Süßigkeit meint also nicht wie im heutigen Sprachgebrauch Verniedlichung, sondern ist Ausdruck einer überwältigenden, kostbaren Erfahrung.

Einer Erfahrung des Herzens. Dieses Wort kommt gleich 3x vor: In der ersten Strophe ist es das Herz Gottes, aus dem Christus „entsprossen“ ist, hier ist es des Menschen Herz, das diesen Christus aufnimmt, und in der 4. Strophe des Liedes ist von dem Herz die Rede, dass sich zu Gott wende. Die Dichterin bittet um das ungeteilte Herz, die völlige Ausrichtung auf den einen, die nicht leicht zu haben ist, nicht aus eigener Kraft, nicht durch die Werke des Gesetzes, sondern die sich der Kraft Gottes verdankt. Diese innere Ausrichtung auf Gott ereignet sich dort, wo Menschen sich ganz auf Christus einlassen, oder wie es in unserem Evangelium heute heißt:

Wenn du den Herrn, deinen Gott, liebst, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften (Mk 12, 30).

Es ist ja allzu deutlich, dass uns dieses nur sehr unvollkommen gelingt, dass wir bei allem Wollen und Bemühen, an diesem höchsten Gebot tagtäglich scheitern, und wir schwanken „bald zur rechten, bald zu linken, lenkt uns der verirrte Schritt“ – in der Arie Nr. 5 der Bachkantate konnten Sie dieses Schwanken im Wechselspiel der vielstimmigen Oboen mit den Streichern wieder erkennen. Im wirklichen Leben fallen wir immer wieder hinter unsere Vorsätze und Glaubenshaltungen zurück, lieben Gott eben nicht wie den Nächsten und uns selbst. Schwanken zwischen der Überzeugung, dass jedem Flüchtling geholfen werden muss und der Einsicht, dass wir nicht alle werden aufnehmen können. Schwanken zwischen dem Mitgefühl für die notleidenden Roma, die in ihren Herkunftsländern verfolgt und unterdrückt werden, und der nüchternen Erkenntnis, dass unsere Forderungen nach ihrem Schutz politisch von der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger nicht geteilt werden. Oder ein Beispiel aus dem privaten Umfeld, passend zu meiner Generation: Wir schwanken zwischen der tiefen Liebe zu unseren Eltern und dem Pflichtgefühl, sie im Alter selbst zu pflegen und der Realität, in der sich viele von uns maßlos überfordern, wenn wir dies neben Kindern und Beruf auch noch bewältigen wollen.

Daher der Satz: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst! Achte auch auf dein Herz, deine Seele, dein Gemüt und deine Kraft. Überfordere dich nicht, sondern suche nach dem rechten Maß, dem Maß, das zu dir passt. Denn „für dich“ ist Christus geboren, „für dich“ hat er sich auf den Weg gemacht und Gottes Liebe zu den Menschen gebracht, „für dich“ hat er den Tod zerbrochen, „dir“ gilt die Güte und Barmherzigkeit Gottes, „du“ bist gemeint.

Wenn es mich zerreißt zwischen dem, was ich möchte oder fühle, liebe Gemeinde, zwischen der Empathie für meinen Nächsten und der Begrenztheit meiner Möglichkeiten und meiner Kraft, dann halte ich inne, ziehe mich einen Moment zurück aus dem Geschäft, den ständigen Anforderungen und Erwartungen meines Umfelds, und setze mich, wie anfangs beschrieben, auf eine Bank im Park, an der Elbe oder in der Kirche und befrage mein Herz und meinen Verstand: Was willst du tun und was kannst du tun? Das geht oft nicht überein. Der Wille ist größer als die Kraft und die Ausdauer. Genau wie der Glaube größer ist als das, was ihm entspringt.

Die neue Einsicht der Reformatoren lautet: Du sollst die Liebe suchen, danach streben und dich zu ihr ausstrecken, für sie brennen, nach ihr dürsten, aber erfüllen musst du sie nicht, das hat Christus getan – für dich! Das entlastet, befreit, tröstet und öffnet das Herz für das rechte Maß.

Solus Christus, Herr Christ, der einge Gottessohn, liebe Gemeinde, danken wir an diesem Erntedanksonntag also nicht allein für die Wunder der Schöpfung, sondern ganz besonders für diesen Menschen- und Gottessohn, der unser Herz bewohnen und uns führen will und leiten, der uns auf geheimnisvolle Weise hier zusammen geführt hat in St. Katharinen, der uns die wunderbare Erfahrung schenkt, dass wir mit unserem Wollen und Streben augenscheinlich nicht alleine sind. Es sind viele an unserer Seite, es sind viele, die diesen Glauben teilen. Schauen Sie sich um, wer alles da ist, bekannt und unbekannte Gesichter, ehrenamtlich engagierte, die wir heute besonders eingeladen haben, aber auch kirchlich distanzierte, fromme und fragende, sichere und suchende. Für jede und jeden von Ihnen sagen wir Danke an diesem Morgen, Dank für Deine Liebe, Deine Freundschaft, Dein Verständnis, Deine Zeit, Deine Treue, Deine Unterstützung und Deine Kritik. Danke für Dein Lachen und Deine Tränen, für Deinen Humor und Deinen Ernst, für Dein Mitgefühl und Deine Tatkraft. Und Danke für … ach, liebe Gemeinde, ich mach jetzt Schluss und bitte Euch, diese Predigt selbst zu beenden mit den Danksworten, die Euch am Herzen liegen.

Ich danke Euch. Amen!