Machen Sie es wie Fräulein W.

Foto: Bildarchiv des Denkmalschutzamtes Hamburg | St. Katharinen während des Wiederaufbaus nach dem II. Weltkrieg

Nicht wissen, was kommt. Wissen, was bleibt.

Als sie St. Katharinen ihr letztes Geschenk machte, waren unsere PastorInnen noch nicht geboren. Die Wiedereinweihung der Kirche war gerade zwei Jahre her, der Senat hatte die Einstellung der Straßenbahn beschlossen und bei Blohm + Voss war die Gorch Fock vom Stapel gelaufen – zwei Monate darauf, im Oktober 1958, verstarb Fräulein W. und hinterließ Freunden und St. Katharinen ihr Erbe. Ein Erbe, das die Gemeindearbeit bis heute wesentlich unterstützt.

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen. Die Mauer wurde errichtet und niedergerissen, der Kalte Krieg geführt und überwunden, die Kommunikation revolutioniert. Wer heute zur Welt kommt, kennt keine Telegramme, Wählscheibentelefone oder Schreibmaschinen mehr; via Internet werden innerhalb weniger Sekunden Kontinentsgrenzen überschritten und Milliarden von elektronischen Postsendungen zugestellt.

Niemand weiß, wie wir in 20 Jahren miteinander in Kontakt treten. Doch bei allem, immer rasanter werdenden Wandel geht es unverändert um das eine: sich mit anderen Menschen auszutauschen, Beziehungen zu pflegen, sein Dasein zu teilen. Hierfür gibt St. Katharinen seit über 760 Jahren Raum. Generationen von Hamburgern haben in diesen Mauern gebetet, sich getraut und Abschied genommen. In diesen Steinen steckt gelebte Geschichte. Jeden Tag ein bisschen mehr. Und wenn es heute auch kein „Fräulein“ mehr gibt, gibt es bei uns immer noch Fräulein W. Sie wusste nicht, was kommt. Aber sie wusste, was bleibt – mit ihrer Hilfe.

Machen Sie es wie Herr von Ribbeck!

Von Theodor Fontane stammt die Geschichte des freigiebigen Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, der die reifen Früchte seines Birnenbaumes an vorbeikommende Kinder verschenkt; sein Sohn dagegen ist geizig. Als der alte Ribbeck seinen Tod nahen fühlt, verfügt er, dass ihm eine Birne mit in sein Grab gelegt wird.

Aus dieser sprießt nach wenigen Jahren ein neuer Birnenbaum, von dessen Früchten sich die Kinder weiterhin frei bedienen und Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland gedenken können, obwohl sein Erbe den Garten und den dortigen Baum streng unter Verschluss hält.

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll.
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtrauen gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was er damals tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

(Theodor Fontane)