Kunst und Aktion im öffentlichen Raum

Nir Alon, Alexandra Ewerth, Hartmut Gerbsch, Andreas Karmers, Uwe Nitsche, Philipp Schewe, Florian Tietje und Ensemble One, Stefan Troschka, Annika Unterburg und weiteren Künstlerinnen und Künstlern.

Damit die Stadt zusammenwächst

Foto: Philipp Schewe | "Loch Neß"

Philipp Schewe - Auftakt an der Willy-Brandt-Straße "Loch Neß"

An der Fassade der Commerzbank vis à vis der Willy-Brandt-Straße eröffnet der Künstler mit seiner opulenten und motivisch surreal anmutenden Verhüllung neue Perspektiven und Gedankenräume zum Thema Stadtentwicklung. Das Kunstwerk fügt ein unkommentiertes, werbe- und Slogan freies Szenario in den öffentlichen Raum ein, in dem ein Wal zum waghalsigen Sprung über den Abgrund ansetzt. Dies kann auch als Hinweis auf die aktuelle Debatte über die Zukunft des stilprägenden und denkmalgeschützten Commerzbank Gebäudes verstanden werden. Nachdem das gesamte Commerzbank Ensemble am Ness an die Investorengruppe Procom verkauft wurde, bleibt offen was mit dem Bauwerk geschieht. In letzter Sekunde und unter großem Aufwand konnte diese Installation an der Commerzbank realisiert werden.

Das Bild und sein Zusammenspiel mit den Kirchtürmen, der Architektur und dem brausenden Verkehrsstrom auf der Willy-Brandt-Straße bauen gedankliche Brückenschläge. Beispielsweise zum Propheten Jona, der aus Angst vor Gottes Auftrag, der sündigen Stadt Ninive ihren Untergang zu verkünden, auf das Meer flieht, im Sturm über Bord geht und von einem Wal verschluckt wird.


Philipp Schewe
Bildender Künstler, Digitale Malerei, Photographie

www.philippschewe.de

Philipp Schewe hat von 1995 bis 2001 ein Studium der Freien Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg absolviert. Auf das Studium folgte eine lange Reihe von Einzel- und Gruppenausstellungen. In seinen Kompositionen kreiert der Künstler eine Weltbühne, auf der er seine Vision einer integrativen, kreativen und zukunftsfähigen Stadtentwicklung präsentiert.

Kunstort auf dem Katharinenweg II

"Park Platz" | Simulation | Harmut Gerbsch

Park platz

Ursprünglich verweist das Wort „Park“ auf ein grünes Gehege und wurde noch im 18. Jahrhundert in diesem Sinne verwendet. Heute werden mit dem Begriff auch Freizeit- und Maschinenparks bezeichnet. Im urbanen Lebensraum drängt sich dem Betrachter das Phänomen parken besonders häufig auf. Die moderne Stadtlandschaft ist stark von der Parklandschaft, meist in Form stehender Blechlawinen, geprägt.

Im Rahmen der Veranstaltung „Katharinenweg 2016“ nutzt die Installation PARK PLATZ die Fläche eines alltäglichen Parkplatzes, um dort einen temporären Park im ursprünglichen Sinne zu behaupten. Mit Hilfe von Rollrasen und Blumenbeeten wird ein Stückchen Grün geschaffen, das zum Verweilen und zu Gesprächen einlädt. Der Künstler wird den neu entstandenen Freiraum mit Musikern und kleinen Performances zum Leben erwecken. Besonders am Abend soll mit Musik und Getränken in der sonst menschenleeren Innenstadt ein temporärer Kultur-Hotspot  entstehen.

Die temporäre Kunstinstallation PARK PLATZ ist zu sehen vom 16.09. bis 17.09.2016 in der Kleinen Johannisstraße 2-4.


Hartmut Gerbsch
Fotografie und Installation

wurde 1962 in Essen geboren. Von 1992 bis 1999 studierte er an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg im Fachbereich Visuelle Kommunikation. Hartmut Gerbsch lebt und arbeitet in Hamburg. In seinen Arbeiten verbindet er Installationen mit Photographie, Projektion und filmischer Animation.

Für seine Installationen sucht er bevorzugt Orte im Umbruch auf und thematisiert Situationen im öffentlichen Raum. Die Arbeiten befassen sich dabei schwerpunktmäßig mit den Gegensätzen zwischen Stadt und Natur, öffentlichem und privatem Raum, alter und neuer Stadt. www.diaprojekt.de

Kunstort auf dem Katharinenweg III

Topographie einer verschwundenen Stadt

Als die Altstadt von Hamburg noch nicht durch moderne Stadtplanung verändert worden war, hatte sie ein ganz anderes Gesicht. Um den Weg vom Rathaus zur St. Katharinenkirche herum breiteten sich damals drei Gängeviertel aus, von denen heute nur noch ein kleiner Überrest steht. Auf einer geführten Tour erzählt Andreas Karmers vom Verlust der Altstadt und erklärt, warum sich alles so veränderte. Anhand von Fotografien vermittelt er eine vergangene Welt und Wissen über die Gängeviertel, das sich den offiziellen Darstellungen entzieht. Auf dem Katharinenweg will er für interessierte Besucher die Topographie einer verschwundenen Stadt sichtbar machen.

Der Weg führt bis zur Katharinenkirche, wo Andreas Karmers einige Ausschnitte aus seinem Film über den Untergang der Hamburger Gängeviertel zeigen wird. Die kritische Dokumentation „Wir waren das dunkle Herz der Stadt“ befasst sich mit der Sanierung dieser vernachlässigten Wohngebiete und damit, was dies für die Bewohner bedeutete. Dabei stammen die Berichte aus erster Hand, denn die Hauptfigur des Films war der Großvater von Andreas Karmers.

 


Andreas Karmers
Maler, Künstler, Filmproduzent


ist ein vielseitiger Künstler, der in Hamburg auf St. Pauli lebt und arbeitet. In seinen Arbeiten überschneiden sich diverse Tätigkeiten, denn er malt, zeichnet, schreibt, dreht und produziert Hörbücher. Vor allem zeichnet sich Andreas Karmers durch ein leidenschaftliches Interesse für Geschichte aus. In seinen Projekten setzt er sich mit den Mitteln der Malerei und der Sprache mit dem Kriegsalltag von Soldaten im Ersten Weltkrieg auseinander oder produziert eine Audio-Ausgabe der letzten freien Presse vor dem Zweiten Weltkrieg.

Andreas Karmers eigene Familiengeschichte ist eng mit der Stadtgeschichte von Hamburg verwoben. Mit großem Interesse an Details und den Biographien der Beteiligten beleuchtet er in seiner aktuellen Filmproduktion den Untergang der Hamburger Gängeviertel. Sein Wissen über die Entwicklung der Altstadt und den Untergang der Gängeviertel wird er beim Katharinenweg 2016 im Rahmen einer Führung vermitteln.  www.karmers.de

Kunstort auf dem Katharinenweg IV

Florian Tietje
Aaron Amankwah

Wo die Straßen
deinen Namen tragen

In der „Nacht der Kirchen“ begeben sich das Ensemble ONE und die Street Dance Gruppe „Fantastix“ auf die Suche nach der verlorenen Altstadt im Herzen von Hamburg. In einer von Kriegszerstörung und Verkehrsschneisen geprägten Altstadt stellen sie die Frage: Was wäre, wenn die Straßen deinen Namen tragen würden und du deine Identität mit dieser Stadt verbinden würdest?

Das Ensemble ONE und die Fantastix bringen die Vision von einer Stadt auf die Straße, in der ein lebendiges Geflecht von Wegen die Menschen miteinander verbindet, statt sie zu trennen. Sie tun dies mit allen Mitteln der Kunst und spüren mit Gedichten, Gesang und Tanz dem Gefühl nach, das eine Stadt ihren Bewohnern vermittelt. Mit einer gemeinsamen Performance bespielen das Ensemble ONE und die Fantastix fünf Orte auf der direkten Verbindung zwischen dem Rathaus und der Hauptkirche St. Katharinen.

Durch eine Revue quer über die viel befahrene Willy-Brandt-Straße wird die Tanzgruppe Fantastix ein Zeichen setzen. Street Dance überschreitet Grenzen. Durch explosiven, akrobatischen Tanz werden stehende Strukturen und feste Grundrisse in Frage gestellt. Mitten in Alltagsbetrieb und Mobilität der Stadt müssen Platz und Freiheit geschaffen werden für Tanz und neue Ideen für das Quartier. 


Florian Tietje

arbeitet als Fachkraft für Psychiatrie bei der RUN-Jugendhilfe in Altona. Im Jahr 2005 begleitete er sein erstes Projekt für den Europäischen Sozialfonds in der Straßensozialarbeit. Seitdem setzt er immer wieder vielfältige Kulturprojekte um, insbesondere in sogenannten „Brennpunktvierteln“. Er ist Mitglied des gemeinnützigen Vereins Flagrant e.V. Durch Theaterprojekte mit jungen Menschen verschiedener Nationalitäten fördert der Verein eine künstlerische Auseinandersetzung mit interkulturellen Konflikten, der eigenen Identität und Wertvorstellungen.


Aaron Amankwah

alias Aaron Night stammt aus Ghana und tanzt seit 2006 auf den Bühnen dieser Welt. Aaron tanzt House, Hip-Hop und Breakdance. Im Jahr 2009 wurde er Vize-Weltmeister im Hip-Hop-Tanz. Im professionellen Rahmen tanzt er auf internationalen Events und Shows. Ehrenamtlich gibt er als Tanzlehrer im Jugendkunsthaus „Die Esche“ sein Wissen an Kinder und Jugendliche weiter und inspiriert seine Kids dazu, ihrem Innersten Ausdruck zu verleihen. 

Kunstort Katharinenkirchhof

"Ans Licht gebracht" | Simulation | Alexandra Ewerth

Ans Licht gebracht

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Kirchenfenster in St. Katharinen vollständig zerstört, doch man kann vermuten, dass die Bruchstücke noch in der Erde um die Kirche herum verteilt sind. Während der umfassenden Sanierung von 2007-2012 ist im Bodenbereich des Kirchraums tatsächlich geschmolzenes Fensterglas gefunden worden. Das Projekt „Ans Licht gebracht“ nimmt diese Fragmente der Zerstörung wieder auf und macht zerbrochene Buntglasscherben zu sichtbaren Spuren der Kirchengeschichte. Inspiriert von der Geschichte des Ortes wird eine Baugrube auf dem Katharinenkirchhof zu einer archäologischen Fundstätte. Glasscherben in der Tiefe der Baugrube symbolisieren zerstörte Kirchenfenster – neu ans Licht gebracht.

Die Installation verbindet Geschichte und Vorgefundenes und transformiert es in eine neue, künstlerische Form. Der Rahmen der Veranstaltung „Katharinenweg 2016“ soll genutzt werden, um darauf aufmerksam zu machen, dass ein Ort der Zerstörung zugleich auch eine Fundstätte für etwas sehr Kostbares sein kann. Gleichzeitig hebt die Installation den Katharinenkirchhof als Ort der Erinnerung hervor und weist darauf hin, dass Krieg und Scherben damals wie heute die Realität vieler Menschen prägen. 

 


Alexandra Ewerth
Künstlerin

hat ihre Ausbildung in London an der University of Arts Chelsea und St. Martins absolviert. Seit 2006 lebt und arbeitet Alexandra Ewerth in Hamburg. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit den Spuren der Geschichte, mit Wiederfinden und Unwiederbringlichkeit auseinander.

Die Künstlerin verbindet Installationen, Videos und Malerei zu Mixed-Media-Kompositionen. Darüber hinaus befasst sich Alexandra Ewerth auch mit dem Nicht-Greifbaren und verschiedenen Schichten der Wirklichkeit, in der Vergangenheit und Gegenwart übereinander liegen. www.alex-fine-arts.com

Uwe Nitsche
Installationskünstler


studierte freie Bildhauerei an der Hochschule der Künste in Berlin und schloss seine Ausbildung 1984 als Meisterschüler bei Professor Tajiri ab. Uwe Nitsche arbeitet konzeptionell und ortsbezogen, wobei er sich ebenfalls mit den Auswirkungen der Geschichte auf die heutige Realität beschäftigt. Der Künstler fördert über seine raumbezogenen Arbeiten auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Stadtentwicklung. www.uwenitsche.de

Kunstort Katharinenkirche

Foto: Nir Alon
Foto: Simulation | The Principle of Population

Principles of Population

Möbelstücke wie historische Kirchenstühle entwickeln im Laufe der Zeit ihre eigene Geschichte. Man kann sogar annehmen, dass sie von den Orten, an denen sie        standen, durch den Gebrauch und die Gedanken ihrer Nutzer eine emotionale Patina bekommen. Insofern können alte Möbel auch die Gedankenströme und Geschichte einer Gesellschaft repräsentieren. Wenn Möbelstücke an besonderen Orten wie einer Kirche oder an Orten der aufrührenden Erinnerung gestanden haben, gilt dies in besonderer Weise.

Die Installation „Principles of Population“ lädt die Besucher der Katharinenkirche dazu ein, sich Fragen zur Geschichte und Verwendung der Kirchenstühle zu stellen und darüber hinaus über die Gedankenströme, Gebete  und Zeremonien nachzudenken, die darin eingeprägt sind. Die Künstler werden ein Zusammenspiel aus Licht und Klang erschaffen und dieses auf eine chaotische Anordnung von Kirchenstühlen bündeln. Durch diesen Fokus lenken sie die Wahrnehmung der Besucher auf Dinge und Orte, die unsichtbar sind und sich sowohl hinter der Installation als auch außerhalb der Kirche befinden.

Innerhalb der Katharinenkirche fließen die Möbelinstallation, Außenlicht, Kunstlicht und Sound zusammen und verbinden das Innere mit dem Äußeren. Bei dieser lebenden Installation darf das Publikum die Möbel aus der Anordnung herauslösen und je nach Bedarf versetzen. Bleiben werden am Ende nur Licht und Sound. Der Kreislauf des Gebrauchs beginnt von Neuem.


Nir Alon
Bildhauer und Installationskünstler

ist ein israelischer Künstler der vorzugsweise mit ausrangierten Gegenständen des täglichen Lebens arbeitet und daraus Skulpturen und Installationen erschafft. Er wurde 1964 geboren und studierte von 1988 bis 1992 an der Bezalel Academy of Art and   Design in Jerusalem. Im Jahr 2001 kam er mit einem Stipendium für einen Gastaufenthalt nach Hamburg, wo er seither lebt und arbeitet. Seine Installationen aus Gebrauchsgegenständen wie Möbeln, Koffern, Lampen oder Kabeln werden nicht nur direkt am Ausstellungsort arrangiert, sondern stehen auch mit dem jeweiligen Ort in Verbindung. So werden mit einfachsten Mitteln die größten Effekte erzielt www.nir-alon.com


Stefan Troschka
Sounddesign, Klangkunst, Installation

ist ein Sound Designer und Medienkünstler, der in Hamburg lebt und arbeitet, wo er bereits an verschiedenen Orten audiovisuelle Installationen umgesetzt hat. Er studierte von 2007 bis 2013 Medientechnik und zeitabhängige Medien an der HAW Hamburg. Dabei legte er seinen Fokus auf experimentelle Klanggestaltung und 3D-Audio Verfahren. Derzeit absolviert Stefan Troschka ein Folgestudium zur Multimedialen Komposition an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. www.vimeo.com/tag:stefan+troschka


Chiara Kramer
Sounddesign, Klangkunst, Installation

hat von 2009 bis 2013 Medien- und Kulturwissenschaften an der HHU Düsseldorf mit dem Schwerpunkt orthografische Soundästhetik. Seit 2015 absolviert sie das             Masterstudium „Zeitabhängige Medien“ im Studiengang Sound/Vision an der HAW Hamburg. Chiara Kramer arbeitet mit Stefan Troschka am Sound der audiovisuellen Installation.


Annika Unterburg
Bild- und Lichtkünstlerin

hat von 1998 bis 2004 an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) Illustration und Kommunikationsdesign studiert. Parallel studierte sie Freie Kunst in der Klasse von Wolfgang Müller an der HFBK Hamburg. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Hamburg. In ihren Bildern, Objekten und Installationen verbindet sie ungewöhnliche Materialien miteinander. Räume und Landschaft sowie Zeitlichkeit sind wiederkehrende Themen. www.unterburg.com