Predigt am 14. August 2016 - Literaturgottesdienst

Von: Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann | 14.08.2016

Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis

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Benedict Wells „Vom Ende der Einsamkeit“, 2016

Einführung:

„Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich“. So beginnt der Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells. Ein heftiger erster Satz. Er lässt erahnen, welch existentielle Fragen den Autor beschäftigen werden. Benedict Wells ist erst 31 Jahre alt, dies ist sein dritter Roman, hoch gelobt und seit Wochen auf der Spiegel-Bestseller Liste. Es geht in diesem Buch um den frühen Verlust der Eltern, um Einsamkeit und ihre Überwindung, um die Suche nach einem wahren Leben im falschen und um die Liebe zwischen Geschwistern und Freunden. Es ist ein großartiger Roman, bewegend, traurig und zu Tränen rührend, zugleich tröstlich, eindringlich und mitreißend.

Der Ich-Erzähler Jules liegt im Krankenhaus, als ihm bewusst wird, wie nah ihm der Tod erneut gekommen ist. Er hatte einen Motorradunfall und erwacht aus einem zweitägigen Koma. Bilder aus seiner Kindheit tauchen auf, seine große Liebe Alva und auch Bilder seiner eigenen beiden Kinder. Er erwacht und blickt zurück. In episodenartigen Rückblenden erzählt er seinen Lebensweg und den seiner Geschwister Marty und Liz.

Ihre Kindheit war unbeschwert und gut behütet. Jules erinnert sich an heitere Reisen zur Groß­mutter in die süd­franzö­sische Heimat des Vaters. Zu Weih­nach­ten 1983 – da war er zehn, sein Bruder Marty drei­zehn und seine Schwester Liz vier­zehn – schenkte ihm sein Vater eine ge­brauch­te, ver­kratzte Kamera. Jules war von dem Geschenk ziemlich enttäuscht. Wenige Tage nach diesem Weihnachtsfest starben die Eltern bei einem Auto­unfall.

Die drei Waisen wurden in ein Internat gebracht, wo sie getrennt aufwuchsen und ein­ander nur noch selten sahen. Der Schick­sals­schlag erschien ihnen wie eine Weiche auf ihrem Lebens­weg, an der sie falsch abge­bogen sind und ab der sie ein „fal­sches Leben“ führten. Sie entfernten sich immer mehr voneinander. Jedes Kind musste die Not des Zurück­gelas­sen­seins für sich allein ver­arbei­ten.

 

Jules war früher ein Draufgänger, ein neugieriger, fröhlicher, mutiger und selbstbewusster Junge. Aus ihm wurde nun ein schüchterner, in sich gekehrter Internatsschüler, der seinen Träumen nachhing und nur zu einem anderen Menschen, seiner Mitschülerin Alva, Vertrauen fasst und eine zarte Freundschaft entwickelt.

Marty war schon immer ein „Einzelgänger, der den ganzen Tag in seinem Zimmer hockte, um mit seiner Ameisenkolonie zu spielen oder Blutproben von sezierten Salamandern und Mäusen zu untersuchen – sein Vorrat an toten Kleintieren schien unerschöpflich. Liz hatte ihn vor kurzem einen „widerlichen Freak“ genannt, und damit hatte sie ziemlich ins Schwarze getroffen“ (20). Er war ein Fremdling zwischen ihm und seiner bewunderten Schwester Liz.

Liz war wunderschön, groß und blond, sie hatte das, was die Geschwister die „Theaterkrankheit“ nannten. „Liz benahm sich zu jeder Zeit, als stünde sie auf einer Bühne. Sie strahlte, als wären mehrere Scheinwerfer auf sie gerichtet… Sie zeichnete und sang, wollte mal Erfinderin werden, träumte dann wieder davon, eine Elfe zu sein, und in ihrem Kopf schienen tausend Dinge gleichzeitig zu geschehen.“ (19) Jules liebte seine Schwester mehr als alles und das änderte sich auch nicht, als sie ihn Jahre später im Stich ließ.

 

Predigt

Liebe Gemeinde:

Im Alter von 19 Jahren schreibt Jules in einem Brief an seine Freundin Alva dies:

„Die äußere Welt, das ist das, was die anderen Menschen als Realität bezeichnen. Eine Welt, in der meine Eltern gestorben sind, in der ich keine Freunde habe, in der meine Geschwister weggegangen sind, ohne sich nach mir umzudrehen. Eine Welt, in der ich irgendwas studieren werde, um dann irgendwann zu arbeiten. In der ich mich anderen Menschen einfach nicht mitteilen kann, in der ich vielleicht kalt wirke und etwas oder sogar alles von mir verloren habe. In der am Ende der Tod wartet und in der ich manchmal das Gefühl habe, einfach zu verschwinden.

Die innere Welt dagegen ist anders, sie ist nur in meinem Kopf. Aber ist nicht alles nur im Kopf? Du hast mich immer wieder gefragt, an was ich denke, wenn ich vor mich hinträume oder in der Schule nicht aufpasse. Die Wahrheit ist: Ich denke nicht, ich bin einfach nur. Manchmal stelle ich mir in diesen Momenten vor, dass ich in Amerika aufgewachsen bin oder dass meine Mutter und mein Vater noch leben. Heute bin ich während des Unterrichts zum Beispiel nach Italien gefahren. Mit meinen Eltern, meiner Tante und meinen Geschwistern, alle zusammen in einem gemütlichen Wohnwagen. Es war so intensiv, das kann ich gar nicht in Worte fassen…

Mir ist natürlich klar, dass diese Phantasien kindisch sind. Und doch bin ich mir sicher, dass es in diesem Universum einen Ort geben muss, von dem aus betrachtet beide Welten gleich wahr sind. Die echte und die ausgedachte. Denn wenn alles vergessen und vorbei ist, wenn die Zeit in Milliarden Jahren alles entfernt hat und es keinen Beweis mehr für gar nichts gibt, dann spielt es keine Rolle, was die Wirklichkeit war. Dann sind die Geschichten, die ich mir in meinem Kopf ausgedacht habe, vielleicht genauso wirklich und unwirklich gewesen wie das, was die Menschen Realität genannt haben…

Dieser Brief ist nach all den Jahren mein erster großer Schritt zurück in die äußere Welt. Ich habe dir etwas anvertraut, was ich noch niemandem gesagt habe. Denn ich weiß, dass es falsch ist, sich so in sich selbst zurückzuziehen. Ich möchte dort sein, wo du auch bist, und das ist die Wirklichkeit“ (308-310).

 

 

Liebe Gemeinde,

diese Passage ist für mich eine Schlüsselstelle in dem Entwicklungsroman „Vom Ende der Einsamkeit“. Der verträumte 19 jährige Jule sucht den Weg zurück in die Wirklichkeit, in die äußere Welt, in der seine Eltern gestorben und seine Geschwister weggegangen sind. Er möchte da sein, wo seine Freundin Alva ist, im richtigen Leben. Dafür muss er seine innere Welt verlassen, muss sich anderen Menschen öffnen und von sich erzählen, von seinen Träumen und Phantasien, seiner tiefen und unerfüllten Sehnsucht nach den Eltern, nach Liebe, Zuwendung, Zärtlichkeit. Diese, von ihm so genannte innere Welt ist damit nicht verloren, sie soll ihn aber nicht mehr daran hindern, an der äußeren Welt teilzunehmen.

Mich fasziniert der Gedanke von Jules, dass es in diesem Universum einen Ort geben muss, von dem aus betrachtet beide Welten gleich wahr sind: Die äußere und die innere, die gegenständliche und die gedankliche, die sichtbare und die unsichtbare. Diese geradezu philosophische Passage deute ich so: Der Ort, an dem beide Welten wahr sind, liegt in meiner Vorstellung im Jenseits, bei Gott, der von Ewigkeit zu Ewigkeit lebt und wirkt und mich besser kennt als ich mich selbst. Er kennt mein inneres und mein äußeres Leben, meine Gedanken und meine Taten. So beteten wir eben im 139. Psalm:

„Gott, Du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das Du, Gott, nicht schon wüsstest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen“. Es gibt diesen Ort - ich glaube bei Gott -, bei dem mein äußeres und inneres Leben aufgehoben ist und bleibt. Das ist für mich ein ungemein wohltuender Gedanke. Da ist einer, der weiß um meine Angst und kennt die Leere, die in mir ist. Er hört meine Klage über die Unerträglichkeit des Schmerzes und meinen Zweifel an dieser Welt. Er sieht meine Sehnsucht und meinen Durst nach Liebe und Lebendigkeit. Er sieht mich, auch wenn ich ihn nicht sehe, spüre, verstehe, wenn es in mir finster ist. „Spräche ich Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag“ (Ps 139).

Liebe Gemeinde, wenn man den Tod eines geliebten Menschen akzeptieren muss, dann geht man durch verschiedene Phasen der Trauer. Da ist man zuerst sprachlos und fassungslos, es fehlen die Worte, die dabei helfen die Realität zu begreifen. Alles ist Finsternis. Trotz aller Zuwendung und Empathie von Verwandten und Freunden fühlt man sich unendlich einsam, allein gelassen, aus der Bahn geworfen. Das ist, was Jules und seine Geschwister durchmachen: Sie haben nach dem Tod ihrer Eltern lange das Gefühl, ein falsches Leben zu leben. Ohne Halt, ohne Geborgenheit, ohne einander straucheln, taumeln, tasten sie sich durch die Schulzeit im Internat:

Marty schien dieses andere Leben im Internat noch am wenigsten anhaben zu können. Jules erzählt: „Er war wie eine Ameise, die nach einem Atomkrieg unbeirrt weitermachte. Inzwischen maß er eins neunzig, ein magerer Hüne mit eckigen Bewegungen… Er trug nur noch schwarze Kleidung und einen schwarzen Ledermantel, gab den ganzen Tag intellektuelle Anspielungen von sich, die keiner von uns verstand, und mit seiner Hakennase und der Brille wirkte er wie eine existentialistische Vogelscheuche. Bei Mädchen hatte er kein Glück, doch mit sechzehn war er der Anführer einer Bande von Käuzen und Sonderlingen. Martys Schattenarmee bestand aus sämtlichen Ausländern im Internat, dazu jeder Art von Nerds und Klugscheißern“(61). Als Jules einmal seine Unterstützung brauchte und in verzweifelter Situation vor seiner Zimmertür um Hilfe rief, öffnete Marty nicht.

Die Geschwister begegneten sich kaum, sie lebten in Parallelwelten. Auch Liz ging ihren eigenen Weg: „Wie eine Königin thronte sie, von ihren Mitschülern umgeben, auf einer Bank und rauchte… Sie verwechselte Bewunderung oft mit Zuneigung und tat wozu sie Lust hatte. Liz hatte eine spielerische Neugier auf den männlichen Körper; wenn ihr jemand gefiel, zögerte oder taktierte sie nicht, sondern schnappte einfach zu“ (67). Vor dem Abitur schmiss sie die Schule und über fünf Jahre tauchte sie ab in eine chaotische Welt voller Drogen und Abbrüche. Beziehungen kann sie nicht halten. Um selbst nicht wieder verlassen zu werden, verlässt sie andere. Sie irrlichtert durch ihr falsches Leben.

Aber ist es ein „falsches“ Leben, oder ist es der Weg, der zu ihr, der zu diesen dreien gehört? Oder anders gefragt: Gibt es nach einem solchen Schicksal überhaupt einen „richtigen“ Weg? Benedict Wells schildert die Lebenswege der drei Geschwister voller Sympathie und mit einer großen Menschlichkeit und Herzenswärme. Er urteilt nicht, er wertet nicht. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise, die durch einsame Landstriche und nur so ans Ziel führt. Das Ende der Einsamkeit zeichnet sich ab, als die drei Geschwister sich wieder begegnen und damit beginnen, ihre Erinnerungen zu teilen. Nach und nach öffnen sie sich, zeigen einander die Wunden, die sie so lange voreinander (ja vor der ganzen äußeren Welt) verborgen hatten. Sie gestehen sich ein, welche Ängste sie hatten, wer sie enttäuscht hat und wie weh das getan hat, wie sehr sie einander gebraucht hätten und wie wenig sie für einander da sein konnten. Sie reisen gemeinsam nach Frankreich in das Haus ihrer Großmutter, das Marty zwischenzeitlich renoviert hatte. Marty ist ein recht erfolgreicher Unternehmer in der Computerbranche geworden und der frühere Einzelgänger und Fremdling in der Familie übernimmt nun Verantwortung für seine Geschwister. Jules und er nehmen Liz auf, die nach mehreren Zusammenbrüchen zurückgekehrt ist. Jules hat versucht, als Fotograf über die Runden zu kommen, bis er einsehen musste, dass er sein Leben nicht erhalten kann, wenn er sich an die Kamera seines Vaters klammert oder an der Sehnsucht nach Vergangenem festhält:

Im Matthäusevangelium sagt Jesus zu seinen Jüngern und zu denen, die ihm nachfolgen und also das wahre Leben suchen: „Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird´s finden“ (Mt 16,25).

Manchmal müssen wir uns verlieren, um uns zu finden.

Manchmal müssen wir erleben, wie wenig wir selber steuern, behalten, bestimmen oder beeinflussen können und wie abhängig wir von Zufällen oder Schicksalsschlägen sind. Wir erkranken plötzlich oder verlieren einen Freund. Wir dachten, wir leben in einer sicheren und freien Welt. Nun ist sie bedroht, man ist gar nicht mehr sicher, und immer mehr Menschen stimmen ein in den gefährlichen Ruf nach autoritären Führungspersönlichkeiten und nationalen Sicherheitsmaßnahmen. Wir dachten, unser Wohlstand kommt auch anderen Ländern und Regionen zugute, und stellen fest, dass die Schere zwischen arm und reich immer größer wird. Aber „was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nehme doch Schaden an seiner Seele?“ (Mt 16, 25f.)

Liebe Gemeinde,

Einsamkeit ist eine Empfindung, die wir in unserer Seele spüren. Sie ist schwer zu begreifen. Sie tut nicht immer weh, sie ist auch nicht in jedem Fall mit Verlassensein und Angst gleichzusetzen. Getragen von einem Grundvertrauen und einer Lebenszuversicht können einsame Momente oder Stunden ganz wunderbar sein. Gerade in der Natur, wie z.B. am äußersten Meer. Man kann einsam sein, aber weiß sich dennoch gehalten und ist nicht verloren. Man kann einsam sein und sich zugleich getröstet fühlen: „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten“ (Ps 139).

Alva sagt an einer Stelle: Das Ende der Einsamkeit ist die Geborgenheit. Alle drei Geschwister entdecken das je auf eigene Weise. Am wichtigsten wird ihnen die familiäre Geborgenheit, und daher ist dieses Buch auch ein wunderbares Buch über den bleibenden Wert der Familie, der Bindung unter Geschwistern, der Liebe zu Kindern und zum Partner. In der Gemeinschaft, die diese drei miteinander erleben, finden sie zurück ins Leben, und erkennen im Rückblick, dass es kein falsches Leben war. So resümiert Jules am Ende: „Dieses andere Leben, in dem ich nun schon so deutliche Spuren hinterlassen habe, kann gar nicht mehr falsch sein.“ (337)

Liebe Gemeinde, sie merken vielleicht, wie sehr mich dieses Buch begeistert hat, wie klug und einfühlsam es über den Menschen nachdenkt, wie viel Glück und Gelingen in unserem Leben liegt, obwohl es oft tragisch und traurig ist, wie viel stärker die Liebe ist als der Tod. Auch wenn man am Ende weinen muss, geht der Roman wegen der Liebe der Menschen zueinander nicht traurig aus. Und deswegen fiel mir als letzter biblischer Text für heute die Passage aus den Abschiedsreden Jesu ein. Dort wendet er sich – vor seiner Gefangennahme und in dem Wissen um seinen bevorstehenden Tod - mit folgenden Worten an seine Jünger: Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Ihr sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben… Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen (Joh 14, 18ff.). Darin kannst Du auch das Ende der Einsamkeit erleben: Wenn Du merkst, dass Gott Wohnung in dir genommen hat, wenn er eingezogen ist in dein Herz, deinen Verstand und deine Seele, weil er in dir die Liebe geweckt hat, die nie vergeht, die dich mit denen verbindet, die du liebst und die dich lieben. Wenn du Worte und Gesten findest, diese Liebe anderen zu zeigen, wird dein Leben gelingen. Es wird dein Leben sein, einzigartig und richtig, wunderbar und voller Möglichkeiten, ein weiter Raum, ein offenes Tor, ein Weg in Zeit und Ewigkeit.

 

Amen.