Predigt am 24. Mai 2015 - Pfingstsonntag

Von: Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann | 24.05.2015

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

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Liebe Gemeinde,

euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. Diesen Satz aus dem Predigttext können wir heute Morgen ziemlich wörtlich nehmen angesichts dieses wuchtigen Felsens mitten in unserer Kirche, oder? Haben Sie sich erschrocken, als Sie herein kamen? Fürchten Sie, er könnte auf uns herabfallen? Wie finden Sie diese Installation, liebe Gemeinde? Welche Gedanken und Gefühle löst der Stein in Ihnen aus?

Die positiven Reaktionen der letzten Tagen lauten so: beeindruckend, faszinierend, irritierend…ein ganz neues Raumgefühl, er hängt im Weg, versperrt den Blick auf die Orgel und Empore, lädt zu neuen Perspektiven ein. Plötzlich schwebt hier ein anderer Geist, sagte jemand mit Blick auf Pfingsten. Er fällt auf uns herab, verstört, provoziert, fordert uns heraus. Daran kann niemand vorbei, dazu muss man Stellung nehmen. Das ist Kunst, die anregt und manche auch aufregt. Einige finden den Stein hässlich, bedrohlich – ihnen macht er Angst, sie halten lieber Abstand. Kunstgeschmack ist höchst subjektiv: Was der eine ästhetisch ansprechend und anregend erlebt, nennt der nächste plakativ und aufdringlich.

Auch Ihre Antworten fallen sicherlich unterschiedlich aus, das ist von den Künstlern durchaus beabsichtigt. Die Installation ist uneindeutig, sie intendiert eine Vielstimmigkeit.

Die Künstler wollen das Unglaubliche mit dem Spirituellen verschränken. Sie haben das Motiv von dem surrealistischen Maler Renée Magritte kopiert und sein Gemälde eines über dem Meer schwebenden Felsens mit dem Namen „Das Pyrenäenschloss“ in diese Plastik übersetzt und in unseren Raum übertragen. Dieses Werk trägt den Titel „In der Schwebe“ und soll uns den Eindruck vermitteln: Dieser gewaltige Felsen schwebt über den Bänken. Es sieht aus, als wäre er tonnenschwer – zugleich ruht er wie schwerelos zwischen diesen Pfeilern. Man fragt sich: Ist der echt oder aus Kunststoff? Ist er gefüllt oder ist er hohl? Bleibt er sicher dort oben oder könnte er herabstürzen? Was soll er darstellen? Eine plastische Abbildung des Bibelverses: Glaube versetzt Berge? Oder ist er der Stein des Anstoßes? Der Stein, den man vor Jesu Grab geschoben hat? Der Stein, den die Bauleute verworfen haben? Der Fels, auf dem Jesus seine Kirche bauen will? Der Fels, den wir heute besteigen müssten, am Geburtstag der Kirche? Ja, wie ist es denn bestellt um diesen Fels, auf dem Jesus seine Kirche gebaut hat?

Wenn ich mich noch eine Weile von den Assoziationen treiben lasse, die dieser Fels in mir hervorruft, dann ist es unübersehbar grau geworden in unserer Kirche, zwar changierend, mal dunkler, mal heller, aber eben grau. Zum einen, weil viele von uns schon etwas älter sind (und unsere grauen Haare meist überwiegen), aber auch, weil wir an Traditionen, Liedern und Texten hängen, die auf die jüngere Generation ziemlich alt und verstaubt wirken. Also das Grau passt schon zu uns. Aber sind wir noch so groß und so mächtig wie dieser Stein? In Europa ist die Zahl der Christen rückläufig, in den Ländern Südamerikas und auch Asiens wächst sie, zumindest in den charismatischen Gemeinden.

Äußerlich stehen wir in Europa auf einem festen Grund, haben eine verlässliche Struktur, eine Institution, ein Kirchenamt und Bischöfe, die für Kontinuität und Ordnung sorgen. Innerlich jedoch zeigt diese Struktur Risse und Brüche. Ich habe den Eindruck (und Umfragen belegen das), wir sind uns unseres Glaubens und der Gegenwart Gottes keineswegs mehr so sicher wie es das Bild vom Fels suggeriert. Der Fels ist in den Psalmen ein Bild für Gottes Beständigkeit, Festigkeit und Verlässlichkeit. Genau diese Beständigkeit wird durch den Zustand des Schwebens in eine Uneindeutigkeit gebracht: Glaubst du wirklich, er hält?

Der schwebende Fels stellt mein Vertrauen in Frage, deswegen finde ich ihn so anregend und so stark: Er schwebt im Raum wie ein Stern am Firmament, wie unser Planet im unendlichen Universum. Der Raumfahrer Alexander Gerst hat faszinierende Kommentare aus dem Weltraum gepostet: Die Erde ist eine kleine zerbrechliche Oase, sagte er. Sie ist „eine Ansammlung von kosmischem Staub, der sich zu einem Felsen verklumpt hat…“ Wenn wir von weiten auf unseren Planeten schauen, dann schweben auch wir, durchs All, drehen uns auf unsichtbaren Bahnen um die Sonne. Leben ist Leben in der Schwebe, im Ungewissen, im Ungefähren: Wer weiß denn, wie weit das Universum reicht? Wer kann berechnen, wie lange unser Planet bestehen wird? Die Vorstellung, wir würden einfach nur sinnlos und ziellos durchs Universum schweben, finde ich zutiefst irritierend.

Ich orientiere mich daher an dem biblischen Schöpfungsglauben, der davon spricht, dass Gottes schöpferischer Geist hinter allem steht. Sein Geist schwebte über den Wassern, heißt es im 1. Buch Mose. Er ist Ursprung und Anfang allen Seins, Gott gibt seinen Geist und das Leben entsteht. Ich brauche diesen letzten Grund und Sinn des Seins. Ich glaube an die unbedingte Macht, die Leben schafft und erhält, die vor, hinter, über und in dem Universum wirkt und ihm den Sinn verleiht, den wir nicht haben.

Der Geist Gottes ist der Geist des Lebens, heute feiern wir das Fest dieses heiligen, göttlichen Geistes. 1x im Jahr vergewissern wir uns gemeinsam seiner Kraft. Dies muss nicht immer so geschehen, wie es die Apostelgeschichte beschreibt, also recht spektakulär, mit einem Himmelsbrausen, Feuerzungen und einer geisterfüllten Predigt, die über 3000 Menschen in ihrer jeweiligen Landessprache bekehrt – solche Wunder sind schön, aber sie sind nicht die einzige Form, von Pfingsten zu erzählen. In unserem Text aus dem Johannesevangelium werden andere Töne angestimmt, leisere Töne. Er stammt aus den Abschiedsreden Jesu an seine Jünger, ist intimer, vertrauter. Jesus bereitet seine Jünger auf seine Rückkehr zum Vater vor: Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!, so beginnt er seine Rede.

Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht – diese Pfingstrede schaut nicht auf die äußeren Zeichen des Geistwirkens, sondern auf die inneren, innerlichen. Der Glaube ist zuallererst eine Sache des Herzens, welches nach biblischem Verständnis ja weit mehr ist als ein pulsierendes Organ – es ist auch mehr als der Ort der Leidenschaften und Emotionen, es ist immer auch der Sitz des Verstandes, der Klugheit und des Mutes. Dein Innerstes erschrecke nicht und fürchte sich nicht, denn in deinem Innersten will Gott Wohnung nehmen mit seinem Wort: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen“. Gott zieht bei uns ein, er wohnt in uns. Das erleben wir durch die Liebe, die er in uns weckt.

Da spürst du den Geist Gottes –, wenn dein Herz brennt, wenn es für einen anderen schlägt, wenn du mit ihm/mit ihr leben und an seiner/an ihrer Seite bleiben möchtest, in Freude und in Leid. In der Liebe wirkt Gott, der die Liebe ist. Sie macht das Wesen des Menschen aus, in ihr wirst du Mensch, wirst deinem Nächsten ein Nächster, gibst du weiter, was dir gegeben wurde und bist Teil der sichtbaren und unsichtbaren Kirche Jesu Christi. Das ist Pfingsten, liebe Gemeinde, der Geist Gottes und der Geist Jesu Christi nehmen Wohnung in uns, hier in unseren Herzen und schenken uns das wunderbare Gefühl: Du bist geliebt, du bist schön, einzigartig, wichtig, beschenkt. Du bist ein geliebtes Geschöpf Gottes!

Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht, denn da gibt es den Tröster, den heiligen Geist, der vom Vater und vom Sohn ausgeht. Jesus verspricht seinen Jüngern damit nicht nur das Wort von der Liebe, sondern auch den Lehrer, der ihnen das Wort auslegt und sie an Jesus erinnert. Es ist der Heilige Geist, durch den wir überhaupt verstehen, was Gott uns sagen will. Er hilft uns dabei, diese Welt zu verstehen. Jeden Tag müssen wir aus einer Vielzahl von Möglichkeiten die richtige auszuwählen, die rechte Entscheidung treffen und dann auch danach handeln. Dabei hilft uns der Heilige Geist. Er schenkt Orientierung und gibt Halt angesichts der immensen Komplexität, angesichts der Unüberschaubarkeit der Wirklichkeit.

Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht, denn den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch, so endet diese Passage. Auch hier geht es zunächst um den inneren Frieden, den Frieden im Herzen, um die innere Gewissheit.

Liebe Gemeinde, je länger ich über diesen Text nachgedacht habe, umso stärker fand ich ihn. Denn genau auf dieses Moment der inneren Vergewisserung kommt es doch an, wenn ich mich nicht vom Unfrieden der Welt überwältigen lassen will. Ich meine, wir könnten doch verzweifeln über die menschenunwürdigen Szenen auf dem Mittelmeer. Es gelingt uns nicht, die kriminellen Schlepper zu verhaften, hilflose Flüchtlinge zu retten, ihnen ein lebenswertes Leben zu ermöglichen, die Welt gerechter und friedlicher zu machen. Wir könnten verzweifeln über den Terror, den die IS verbreitet. Wir könnten verzweifeln über die schrecklichen Folgen eines/mehrerer Erdbeben über die Not und das Leiden auf dieser Erde. Ja, manchmal verzweifeln wir daran auch, wir verschließen unser Herz, lassen diese Nachrichten nicht mehr an uns heran, ziehen uns zurück und suchen Schutz in einer beschaulichen Privatheit. Manchmal verlieren wir jede Hoffnung auf eine bessere, gerechtere, friedlicher Welt. Manchmal verweigern wir uns dem Reich Gottes mitten unter uns, weil wir ihm nichts mehr zutrauen. Wir trauen unseren eigenen Überzeugungen nicht mehr, trauen unserem Glauben nicht, wir trauen Gott nicht zu, dass er in und durch uns wirkt.  

In diese Situation hinein spricht Jesus: Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht, denn meinen Frieden gebe ich euch, nicht gebe ich wie die Welt gibt. Jesu Friede kommt von woanders her, er kommt von Gott. Er trifft uns inmitten der friedlosen Welt und hebt uns zugleich über sie hinaus. Es ist in Friede, der höher ist als alle menschliche Vernunft, wie wir in der Liturgie beim Friedensgruß sagen. Er erfüllt uns mit Liebe allem Unfrieden zum Trotz. Er schenkt uns die Gewissheit, dass Gott in uns und um uns bleibt mit seinem Heiligen Geist. Der große Philosoph Immanuel Kant hat diese Gewissheit einmal so formuliert:

„Ich habe in meinem Leben viele kluge und gute Bücher gelesen. Aber ich habe in ihnen allen nichts gefunden, was mein Herz so still und froh gemacht hätte, wie die vier Worte aus dem 23. Psalm: Du bist bei mir!“

Frohe Pfingsten!