Predigt am 26. Dezember 2015 - 2. Weihnachtstag

Von: Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann | 26.12.2015

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

Predigt (PDF)

Text: Hebr. 1, 1-3 (4-6)

 

Liebe Gemeinde,

erinnern Sie sich an Weihnachten in Ihrer Kindheit? Erinnern Sie die Rituale in ihrer Familie, die weihnachtlichen Festtage in Ihrem Elternhaus?: Die Spannung vor dem heiligen Abend, der Duft von Kerzen und Keksen, der Glanz von Lametta (Lametta das bunte, glitzernde Engelshaar), und dann das Glöckchen des Christkinds, wenn man endlich ins Wohnzimmer durfte und vor dem aus damaliger Perspektive gewaltigen, mit Kugeln und Kerzen geschmückten Tannenbaum trat? Staunend und strahlend standen wir davor, tief beeindruckt von der knisternden Atmosphäre – das waren für uns Momente voller Herrlichkeit. Das war der Abglanz der Herrlichkeit Gottes!

Das Christkind spielte in alledem eine zentrale Rolle – es brachte bei uns zu Hause nämlich die Geschenke. Daher liebte ich Christkind über alles, und natürlich seine Engel, die ihm dabei halfen alle Pakete zu packen und rechtzeitig unter unseren Baum zu legen. Die Herrlichkeit von Weihnachten – das waren auch die Lieder und Gedichte vor dem Baum, der aufregende Moment, wenn meine Mutter und mein Vater mein selbstgebasteltes Geschenk auspackten und mich, so erinnere ich es jedenfalls, dafür überschwänglich lobten, und dann das Auspacken der Gaben, die das Christkind für mich gebracht hatte. Welch ein himmlisches Vergnügen, die Überraschung und die Freude, den Rest des Abends mit den neuen Spielsachen zu spielen, sie mit den Geschwistern zusammen auszuprobieren, um irgendwann, ganz spät müde und selig ins Bett zu fallen.

Irgendwie wird dieses Kind alle Jahre wieder wach in mir, mit all den Erwartungen, die sich immer noch einstellen, obwohl Weihnachten schon lange nicht mehr so rosig ist wie damals. Es wird wach in einer unstillbaren Sehnsucht nach Licht und Heil, nach Freude und Wonne, obwohl sich im Laufe der Jahre so einige Schatten über die Weihnachtstage gelegt haben und ich so manches Mal enttäuscht zu Bett gegangen bin am Heiligen Abend. Dieses Kind wird wach, wenn ich heute die Kinder sehe, wie sie sich freuen, die Zeit bis zur Bescherung kaum erwarten können und endlich, endlich die Tür zum Wohnzimmer aufgeht und die Lichter des Tannenbaums den ganzen Raum verzaubern. Dann erklang auch bei uns immer das Lied Martin Luthers, das Mendelssohn Bartholdy so wunderbar vertont hat:

 

Vom Himmel hoch, da komm ich her,

ich bring euch gute neue Mär,

der guten Mär bring ich soviel,

davon ich singen und sagen will.

Euch ist ein Kindlein heut geborn

Von einer Jungfrau auserkorn,

ein Kindelein so zart und fein,

das soll euer Freud und Wonne sein.

Dieses Lied haben wir tatsächlich mit Freud und Wonne gesungen, alle Jahre wieder. Wir haben dabei an die Engel gedacht, die den Hirten auf dem Feld die frohe Botschaft brachten, haben engelsgleich auf unseren Blockflöten gespielt und uns mit den herrlichen Melodien auf den heiligen Moment eingestimmt. (Mit einem Auge schielte man dabei immer unter den Baum auf der Suche nach seinem Geschenk…)

Es ist der Herr Christ unser Gott

Der will euch führn aus aller Not

Er will euer Heiland selber sein

Von allen Sünden machen rein.

Das verstanden wir natürlich nicht. Die Rolle des Christkinds in diesem weihnachtlichen Drama blieb immer ein wenig diffus. War das Kind nun das Geschenk an uns oder schenkte es uns die Gaben, die da ausgebreitet waren? Überhaupt, wie vermochte so ein Kind all das zu bewirken? Christologische Fragen schon zu Beginn meiner Glaubensgeschichte. Was bedeutete das Wort „Heiland“ und was waren denn unsere Sünden? Vieles an diesem weihnachtlichen Geschehen blieb wundersam, rätselhaft, geheimnisvoll. Aber vielleicht machte gerade das den Reiz dieser Tage aus. Es lässt sich nicht alles ergründen, ausloten und erklären.

Dies will auch der Hebräerbrief nicht, wenn er versucht, mit hymnischen Worten zu beschreiben, was Christus für den Menschen bedeutet. Es sind keine Erklärungen, sondern poetische Verse, Symbole und Bilder, die Christus als ewigen Gottessohn loben und preisen.   

Dieser Christushymnus reflektiert das Wunder der Menschwerdung Gottes auf einem sehr hohen, eigenständigen theologischem Niveau. Im Ergebnis ist dies ein ganz anderes Bild als das des Evangelisten Lukas: Jesus Christus, nicht als Neugeborenes in der Krippe, in Windeln gewickelt, ganz Menschenkind, ganz klein und bedürftig, schutzbedürftig, liebesbedürftig.

Sondern Christus wird angebetet als Abglanz der Herrlichkeit Gottes und Ebenbild des göttlichen Wesens. Er ist, wie wir eben im Nizänischen Glaubensbekenntnis gebetet haben, Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott von wahrem Gott…eines Wesens mit dem Vater.

Durch ihn hat Gott zu uns gesprochen, wie vorzeiten schon durch die Väter und die Propheten. Im Unterschied zu ihnen aber hat Christus eine einzigartige Stellung und Würde. Denn er ist wie Gott, wesenseins mit dem Schöpfer und Erhalter der Welt trägt er alle Dinge mit seinem kräftigen Wort – er ist das Wort Gottes, das am Anfang war. Wir hörten es eben im Johannesprolog: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Joh 1, 1-3.14).

Daran kann der Hebräerbrief mit seinem Hymnus unmittelbar anknüpfen. In drei Dimensionen wird die Herrlichkeit Christi beschrieben:

Da ist die zeitliche Dimension, nach welcher Christus schon vor seiner Geburt bei Gott war, er war beteiligt an der Schöpfung. Er ist ewig und nicht an unsere Zeit gebunden, auch wenn er sich durch die Menschwerdung der Zeitlichkeit unterworfen hat.

Dann ist da die kosmologische Dimension: Christus ist das Ziel des Weltgeschehens, er wird alles erben im Himmel und auf Erden, er ist der Alleinerbe des Alls. Das bekräftigt seine machtvolle Position und unterstreicht das Beziehungsverhältnis des Vaters zum Sohn – der Vater vererbt ihm alles.

Und als drittes wird die soteriologische Dimension beschrieben: Christus bringt das Heil und reinigt von Sünden, also er befreit den Menschen von seiner Gottvergessenheit und Gottesferne.

Und nach all dem wird er sitzen zur Rechten der Majestät in der Höhe und damit höher als die Engel. Die Engel werden in diesem Hymnus degradiert, nicht sie sind nicht mal mehr die Verkünder der göttlichen Botschaft, sondern er selbst ist die Botschaft und er ist viel höher gesetzt als die Engel.

Der Autor des Hebräerbriefes setzt sich hier mit den Religionen seiner Zeit auseinander und entwickelt in den darauffolgenden Kapiteln eine ganz eigenständige Lehre von Christus. Schon seine Stellung höher als die Engel muss man als Abgrenzung verstehen, erst recht aber die Lehre von Christus als dem wahren Hohepriester. „Alle Religionen der Antike hatten Tempel, Priester und Opfer, nur die Christen nicht. Der Hebräer nimmt das auf und sagt nun: „Auch die Christen haben einen Tempel, nämlich die ganze Welt mit Himmel und Erde“ (Theißen). Und Christus nimmt darin die Rolle des Hohepriesters ein. Er ist der einzige und sein Opfer beendet alle anderen Opfer.

Damit haben wir also mindestens zwei Bilder von Christus an diesen Weihnachtstagen: Das Kind in der Krippe in Windeln gewickelt und das Ebenbild Gottes, herrlich und mächtig über dem gesamten Kosmos. Welches Bild spricht sie mehr an, liebe Gemeinde, welches ist Ihre Vorstellung von Christus? Hier gibt es kein richtig und falsch, hier gibt es kein entweder oder, unsere Tradition hat eine Vielzahl von Christusbildern überliefert und es liegt an uns, sich diese zu eigen zu machen.

Als Kind verstand ich die Worte Heiland und Sünden nicht, als Kind sah ich das Kind und es wurde mir zu einem Gegenüber, zu dem ich sprechen konnte. Gott begegnete mir auf  Augenhöhe, auf kindlicher Augenhöhe, weil er mir etwas Wichtiges sagen wollte. Die Botschaft des Heiligen Abends damals wie heute nämlich: Gott wird Mensch, weil er den Menschen liebt, so sehr, dass er selbst Mensch wird, einer von uns. Damals bewunderte ich das Kind, das kleiner war als ich und doch so geliebt und verehrt. Das hat mich berührt. Ich nahm die Geschenke aus seiner Hand, und verstand: Er tat das für mich. Er beschenkte mich mit seiner großzügigen Liebe.

Mit dem Erwachsenwerden wurde auch das Christkind erwachsen und ich interessierte mich immer stärker für den jungen Mann Jesus, der für Frieden und Gerechtigkeit auf Erden kämpfte, der Sätze sagte wie: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen (Mt 25). Der sich den Ärmsten der Armen zuwandte und keiner Auseinandersetzung mit den religiösen Autoritäten seiner Zeit aus dem Weg ging. Das imponierte mir.

Und heute ist er der Christus, der das Kreuz auf sich nahm und damit einen neuen Glauben begründete. An einen Gott, dessen Liebe so groß ist, dass sie den Menschen bis in die bitterste Not und Verzweiflung begleitet und ihn auch in der tiefsten Dunkelheit und Einsamkeit aufleuchtet. Der den Tod überwindet und in Ewigkeit lebt.

In diesen Zeiten, in denen weltweit 60 Mio Menschen auf der Flucht sind vor Krieg, Terror, Hunger und Verfolgung, in denen traumatisierte Familien bei uns Schutz und Hilfe suchen, deren Not uns berührt und daran erinnert, dass viele unserer Vorfahren durch 2. Weltkrieg auch auf der Flucht und von Hilfe abhängig waren. In diesen Zeiten, die so viel Angst aber auch so viel Barmherzigkeit und Hilfsbereitschaft in uns hervorrufen - da steht mir der Christus vor Augen, der diejenigen selig spricht, die sanftmütig und barmherzig sind. In seiner großen Predigt auf dem Berg sagt er: Selig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. Selig sind, die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen (Mt 6) Das sind Worte der Hoffnung, die uns gut tun, Worte der Orientierung, die helfen, den rechten Weg zu finden, und Worte des Glaubens daran, dass Frieden einkehren wird in der Welt und in unserer Seele.

Dies ist Euch gesagt, liebe Gemeinde, seinen Trost und seinen Frieden legt Christus direkt in Euer Herz. Seine Liebe und sein Erbarmen gilt Dir persönlich – denn für Dich ist er Mensch geworden, um Dir zu sagen: Selig bist Du, denn Du gehörst zu mir.

Amen.