Predigt am 28. Juni 2015 - Kantatengottesdienst

Von: Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann | 29.06.2015

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

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Liebe Gemeinde,

gnädig und barmherzig ist der Herr, geduldig und von großer Güte – die Barmherzigkeit Gottes wird immer wieder besungen und gelobt in Psalmen und Liedern. Sie gehört zum Wesen Gottes und ist Maßstab des Handelns Jesu geworden. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (V36). Für uns heute stellt sich die Frage: Gilt dieser Maßstab der Barmherzigkeit noch? Hat er noch Bedeutung in unserer postmodernen Gesellschaft? Oder spricht man von ihm wie von einem Ethos aus längst vergangenen Zeiten, einer veralteten christlichen Tradition?

Offenbar war es zu Bachs Zeiten nicht wesentlich besser gestellt um die Barmherzigkeit und Güte unter den Menschen. Der Dichter des Textes der Bachkantate, Erdmann Neumeister, war vor 300 Jahren Hauptpastor an St. Jacobi, und fordert mehr Redlichkeit und Nächstenliebe, Treue und Wahrheit, Tugend und Güte auch von Christen. Er beklagt in Anlehnung an unsere Bibelstelle, dass Christen heucheln, lügen und betrügen, andere verleumden, schmähen und richten, verdammen und vernichten:

Die Heuchelei ist eine Brut, die Belial gehecket.

Wer sich in ihre Larve stecket. Der trägt des Teufels Liberei.

Wie? Lassen sich denn Christen dergleichen auch gelüsten?

So sieht es aus, so war es immer. Wo Menschen aufeinander treffen (ganz gleich welcher Religion sie angehören oder religionslos sind), wo Menschen miteinander leben, da gibt es Neid und Eifersucht, Verleumdung und üble Nachrede. Wir nennen das heute Mobbing und Übergriffigkeit. Wo Menschen zusammen arbeiten, da gibt es Konkurrenz und Wettbewerb, Verdrängung und Egoismus. Wo Menschen sich lieben, da gibt es die berühmte Leidenschaft, die Leiden schafft, also Enttäuschung und Streit, gewaltige Emotionen, die nicht nur freundliche, sondern eben auch ganz böse Gedanken und Taten in einem hervorrufen können. Wo Liebe ist, da kann auch Hass entstehen.

Wie schnell sind wir in Auseinandersetzungen dabei, den anderen zu beschuldigen und uns selber frei zu sprechen: „Ich war das nicht, das hast Du verursacht, Du bist schuld!“ Den Splitter im Auge des Anderen sehen wir sofort, den Balken, den wir selber vor dem Auge haben, den sehen wir natürlich nicht… Wir können wegen des Balkens ja gar nichts sehen, sondern urteilen blind und dumm – eben mit dem sprichwörtlichen Brett vor dem Kopf. „Aber kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht beide in die Grube fallen“ (V. 39), fragt Jesus?

In diesem Text werden einzelne Jesusworte und Gleichnisse zusammen gestellt, die von tiefer Lebensweisheit und einem entwaffnenden Realismus geprägt sind. Sie decken auf und bringen ans Licht, was menschlich, ja allzu menschlich ist: Die Fehler erst beim anderen suchen, nicht ich bin schuld, die anderen sind schuld oder die Umstände. Nehmen wir z.B. Griechenland: Die jetzige Regierung sagt: Wir sind doch nicht verantwortlich für die Misswirtschaft und Korruption der vorherigen Regierungen. Ihr könnt uns doch nicht die Schuldenlast auferlegen, unter der schon heute viele Griechen arbeitslos und arm geworden sind. Wir brauchen Solidarität und einen Schuldenerlass. Europa erwidert: Verträge muss man halten, Schulden muss man abbezahlen.

In diesem Konflikt ist viel geheuchelt worden, und auch an Schmähungen, Beschimpfungen und Ressentiments mangelt es nicht. Wohin soll das nun führen? Wochen harter Verhandlungen und Ringen um Kompromisse und nun doch der Grexit? Ich versteh das alles nicht mehr, Sie, liebe Gemeinde? Zum Glück gibt es in dieser aufgeheizten Stimmung immer wieder mäßigende Stimmen, die zur Vernunft rufen – mögen sie sich durchsetzen.

Ein anderes Beispiel aus der vergangenen Woche. Im Fall Tugce wurde das Urteil gesprochen. Der verurteilte 18jährige Mann wurde wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte die 22jährige Studentin Tugce auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants so heftig ins Gesicht geschlagen, dass sie stürzte und mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug. Sie fiel ins Koma, aus dem sie nicht mehr erwachte. Sie wollte zuvor zwei 13jährige Mädchen vor dem jungen Mann schützen und hat sich ihm mit viel Zivilcourage in den Weg gestellt.

Der Richter nutzte die Urteilsverkündung, um sowohl die mediale Vorverurteilung des Angeklagten, wie auch die Vorverherrlichung des Opfers zu kritisieren. Dies ging offenbar soweit, dass die Bildzeitung und andere Medien den Angeklagten als „Killer, Totschläger oder Koma-Schläger“ verdammten und z.B. unverpixelte Bilder von ihm veröffentlichten.

Alles das ist schwer vereinbar mit einem rechtsstaatlichen Verfahren, mit einem fairen Prozess, der doch immer von der Unschuldsvermutung ausgehen muss. Viele Zeugenaussagen wurden unbrauchbar, da sie durch Vermutungen aus der Presse geschönt oder erfunden oder dramatisiert wurden. Wie schon in vielen anderen öffentlichen Prozessen sind wir schnell geneigt, die Welt in weiß und schwarz, gut und böse einzuteilen. Aber so ist sie nicht, sie ist eher grau – wie dieser Felsen dort im Mittelschiff.

Deswegen sollten wir abwägen und genau hinschauen, Hintergründe und Ursachen bedenken, bevor wir uns ein Urteil bilden. Und manchmal sollten wir uns besser eines Urteils enthalten und die richten lassen, die dazu befugt sind. Wir dürfen eine Tat verdammen und verfluchen, nicht aber den Täter. Für die Angehörigen der Opfer ist ein gerechtes Gerichtsurteil sehr wichtig. Es hilft bei der Bewältigung des erlittenen Traumas. Trost aber bereitet es nicht. Er kommt von woanders her: Aus dem herzlichen Erbarmen, das ihnen entgegen gebracht wird, so dass ihr Herz eines Tages von Trauer und Bitterkeit befreit wird und sie barmherzig werden mit sich und mit dieser Welt.

Zurück zu meiner Einstiegsfrage: Ist also die Barmherzigkeit ein Maß, das uns bei diesen Abwägungen hilft? Sind Verstehen und Vergebungsbereitschaft in solchen Betrachtungen hilfreich? Ist es tatsächlich so, dass Güte und Freundlichkeit uns weiter bringen, dass sie uns vor Gott und dem Nächsten schön machen?

Ein ungefärbt Gemüte

Von deutscher Treu und Güte

Macht uns vor Gott und Menschen schön.

Der Christen Tun und Handel

Ihr ganzer Lebenswandel

Soll auf dergleichen Füßen stehn.

Mit den Worten Jesu: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Welch ein schönes und seltenes Wort: Barmherzigkeit. Es kommt im deutschen von armherzig und beschreibt einen Menschen oder eben Gott, der ein Herz für die Armen hat. Im lateinischen heißt es misericordias: miser, arm, elend, cor, cordis, das Herz.

Barmherzigkeit kommt von Herzen, nicht von oben herab, sondern von innen heraus. Sie äußert sich in Worten und Taten, in denen wir uns einem Menschen zuwenden, der Hilfe braucht, der in Not geraten ist, der einen Fehler begangen hat. Barmherzigkeit – der erste Schritt zur Fehlerfreundlichkeit.

Seid barmherzig, wie  auch euer Vater barmherzig ist, sagt Jesus seinen Jüngern in der Predigt. So wie ihr wollt, das euch die Leute tun, so tut auch ihnen (V31):

Richtet nicht, so werdet auch ihr nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet auch ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben.

Kein Zweifel, die Welt wäre friedlicher und gerechter, wenn wir die berühmte goldene Regel befolgten und nach diesen Maximen handelten. Jesus intendiert damit mehr als „nur“ ein richtiges Verhalten, liebe Gemeinde. Ihm geht es um eine bestimmte Haltung, nämlich die Haltung des Erbarmens, der Güte und der Liebe. Wir sollen freundlich und großmütig miteinander umgehen. Das können wir, so sagt er, weil wir selbst Gottes Freundlichkeit und Großmütigkeit erfahren haben und täglich wieder erfahren. Jesu Ethik wächst aus dem Glauben, die Liebe zum Nächsten aus der Liebe Gottes zu uns. Du kannst barmherzig sein, denn Gott hat seine Güte und Liebe in dein Herz gelegt – lass sie wirken und wachsen und du wirst sehen, wie diese Welt ein wenig freundlicher wird. An zahlreichen Orten in Hamburg geschieht genau das: Denken Sie nur an die vielen Initiativen in unseren Kirchengemeinden und Stadtteilen, die sich für Flüchtlinge einsetzen – sie sprechen für diese Kultur der Barmherzigkeit, die tatsächlich wächst mitten unter uns!

Ein volles, gedrücktes (komprimiertes), gerütteltes und überfließendes Maß an Barmherzigkeit wird man in euren Schoß geben, sagt Jesus. Wird man geben, eines Tages und ist uns schon gegeben, hier und heute, im Glauben an die Liebe Gottes. Ich glaube, unsere Gesellschaft braucht diese göttliche Gabe der Barmherzigkeit mehr denn je. Sie kann uns vor Kälte und Ignoranz bewahren. Barmherzigkeit hilft, dass wir dem Bösen nicht die Kontrolle über unser Leben geben.

Liebe Gemeinde, ich möchte mit einem dritten und letzten Beispiel enden, das die Botschaft Jesu verdeutlicht wie kein anderes. Es stammt auch aus der vergangenen Woche und geschah in Charleston, South Carolina. 

Charleston trauert um 9 Menschen, die ein junger, weißer Mann in einer traditionsreichen schwarzen Gemeinde während einer Bibelstunde erschossen hat. Gestern hat Präsident Obama eine sehr bewegende Trauerrede gehalten. Er beendete diese Rede, indem er das Lied „Amazing Grace“ sang – Amazing grace, d.h. erstaunliche Gnade. Auch das war amazing! Erzählen möchte ich aber folgende Szene: Während der ersten Anhörung vor dem Richter - per Video, so ist es in South Carolina üblich - waren auch Angehörige der Opfer gekommen und durften sich an den Tatverdächtigen wenden. Eine schwarze Frau namens Felicia Sanders zum Beispiel. Sie überlebte den Anschlag, verlor aber ihren Sohn. Sie sagte mit zitternder Stimme zu dem jungen Mann: „Wir haben dich mit offenen Armen zu der Bibelstunde empfangen. Du hast einige der wundervollsten Menschen getötet, die ich kenne. Jede Faser meines Körpers schmerzt“. Aber dann fügte sie hinzu: „Möge Gott Erbarmen mit dir haben.“ Eine andere sagte, sie sei sehr zornig, aber sie sei der Überzeugung, dass in ihrer Familie für Hass kein Platz sei. „Wir müssen vergeben. Ich bete zu Gott für deine Seele.“

Der Attentäter dachte, er würde einen Rassenkrieg auslösen. Aber er traf auf Menschen, die ihm vergeben, damit sie weiterleben können.

So viel Barmherzigkeit, überschießende Liebe hat Gott in ihren Schoß, in ihr Herz gelegt. Und die Folge davon ist, dass es in Charleston nicht zu Ausschreitungen und weiterer Gewalt gekommen ist, sondern zu einem Gebet für Gnade und Frieden auf Erden.

 

Amen.