Predigt am 29. November 2015 - 1. Advent

Von: Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann | 01.12.2015

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

Predigt (PDF)

 

Liebe Gemeinde,

ich plaudere heute mal aus dem Nähkästchen und verrate Ihnen ein Geheimnis, das wir vor anderen Gemeinden und der Öffentlichkeit in Hamburg noch nicht gelüftet haben. Nämlich das Motto der nächsten Nacht der Kirchen, der Nacht der Kirchen 2016. In unserem Vorbereitungskreis haben wir aus 30 Vorschlägen 2 ausgewählt: Der eine lautete „Vor Anker gehen“, der andere „Liebe! Lebe! Lache!“ Welches Motto gefällt ihnen besser, welches könnte wohl zum 17. September 2016 passen?

Werden wir uns weiter damit beschäftigen, wie Menschen bei uns „vor Anker gehen“, wie Flüchtlinge stranden, an Land kommen und Heimat finden bei uns – wenn auch vielleicht nur für eine gewisse Zeit, bevor sie weiterreisen oder aber zurückgehen in ihre Heimatländer? Der Anker passt zu Hamburg (kritisch: das Motto ist ein bisschen abgegriffen, nicht originell), passt zum Glauben, auch zu St. Katharinen, zu unserer Kirche am Hafen - ein Ort zum ankern, auftanken, Kraft schöpfen, Ruhe finden, Schutz und Geborgenheit spüren. Liebe Gemeinde, wie heute morgen: Hier dürft ihr ankern bevor ihr weiterzieht in den Trubel und Jubel von Weihnachten. Advent ist auch so eine Zeit des Ankerns, des Wartens, der freudigen oder stillen Erwartung, der Sehnsucht nach einer anderen Zeit, nach einem anderen Frieden und persönlich nach einem Stück vom Glück. 

Der andere Motto-Vorschlag lautete „Liebe! Lebe! Lache!“. Der Spruch fand viel Zuspruch, denn auch dazu laden Kirchen ein: Von der Liebe leben wir, zur Liebe sind wir berufen. Das Leben feiern wir. Wir erheben Einspruch gegen alles Zerstörerische, gegen Tod und Terror, wir glauben an die Überwindung des Bösen durch das Gute, an den Sieg des Lebens über den Tod. Die Fröhlichkeit, Offenheit und Zuversicht, die diese drei Worte vermitteln, sind ansteckend. Sie passen ebenso in den Advent, in dem wir von der Liebe Gottes zum Menschen und von der Liebe zwischen uns erzählen, in der auch das Lachen nicht fehlen darf als Antwort auf diese Liebe, als Ausdruck purer Lebensfreude, ja, und heute morgen als fröhlicher Dank. Kritisch wurde gegen dieses Motto eingewandt, es klinge etwas banal und oberflächlich, es sei zu wenig ernsthaft.

Nun, was meinen Sie wurde am Ende gewählt?  Die Entscheidung fiel auf den zweiten Vorschlag - auch weil wir uns angesichts der furchtbaren Ereignisse in Paris und der barbarischen terroristischen Anschläge weltweit auf das besinnen wollen, was das Leben lebenswert macht: Die Liebe zwischen den Menschen, das kulturelle Leben im öffentlichen Raum, in Restaurants und Cafes, und das Lachen in Konzertsälen und Fußballstadien – dies sind nicht irgendwelche Werte, sondern sie gehören zu unserer humanistischen Kultur, sie sind Zeichen für Nächstenliebe, Freundschaft und Gemeinschaft. Liebe! Lebe! Lache!

Von der Liebe spricht auch der Predigttext des heutigen Sonntags. Er steht im Römerbrief im 13 Kapitel, 8-12:

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren“, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengeführt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Ein Text, der Ihnen wahrscheinlich nicht viel Neues sagt, liebe Gemeinde. Dass es in der Kirche immer irgendwie um die Liebe geht, das überrascht hier wahrscheinlich niemand. Vermutlich nicht einmal Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Man könnte an dieser Stelle jene Anekdote aus Berlin zitieren:

Ein kleiner Berliner Junge wird von einer Diakonissin in einem christlichen Ferienheim gefragt, was das wohl sei: buschiger Schwanz, Nussaugen, hüpft von Ast zu Ast. Der Junge antwortet: Mein Verstand sagt mir, det is ein Eichhörnchen. Aber wie ick den Laden hier kenne, wird dat wohl wieder dat liebe Jesulein sein…

Mit dem Liebesgebot verhält es sich genauso, denn es ist zusammen mit dem „lieben Jesulein“ die Mitte und zentrale Verheißung der christlichen Bibel: Auf die Liebe zielt das alttestamentlichen Gesetz, ja sie wird hier von Paulus als Erfüllung des Gesetzes beschrieben: „Seid niemandem etwas schuldig, außer, dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt“. Alle 10 Gebote münden in das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe. Und – die Liebe ist die Kraft, die Hoffnung, die Zusage, die mit dem Kommen Jesu Christi unmittelbar verbunden ist: „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen“ (1. Joh 4,7ff). Und nun steht seine Wiederkehr kurz bevor: Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen, das Licht, das angesagte Heil, die Zukunft bricht an.

 

Der Apostel Paulus lebte noch in der Erwartung, dass der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus sehr bald wiederkommen und das Reich Gottes für alle verwirklichen werde. Er glaubte an die sog. Naherwartung. Diese Endzeitstimmung teilen wir im 21. Jahrhundert nicht, wir singen stattdessen „Alle Jahre wieder“ und freuen uns gerade im Advent an den alljährlichen Re-Inszenierungen unserer Hoffnungen und Sehnsüchte. Ich freue auf die kommenden Wochen mit ihren Liedern, ihrer Glühweinseligkeit, ihren Süßigkeiten und ihrem Glanz. Ich gehöre nicht zu denen, die Kitsch und Konsum beklagen, sondern zu denen, die nach dem tieferen Sinn unserer Adventsbräuche fragen. Und genau den formuliert Paulus hier:

Es ist die Sehnsucht nach Liebe und Licht. Beides erhellt die Dunkelheiten unserer Zeit, die Not der Flüchtlinge, die Trauer der Terror- und Kriegsopfer, die Trostlosigkeit der Einsamen und die Angst der Ohnmächtigen. In der Liebe, die uns entgegengebracht wird und die wir selber im Herzen haben, erleben wir schon heute, was es heißt geheilt, erlöst, gerettet zu sein. Denn in unserer Liebe ist Gott gegenwärtig. Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm…. Mehr Verheißung geht nicht, liebe Gemeinde.

In deiner Liebe zu deinen Kindern, zu deinem Mann, zu deiner Frau, zu deinem Freund, deiner Freundin, in der Liebe zu deinen Eltern und Großeltern, zu deinen Schwestern und Brüdern verwirklicht sich Gott. Und das bedeutet zugleich: Er lebt in dir, er wirkt in deinem Herzen, er macht dich zu dem liebenswerten, einzigartigen und besonderen Menschen, der du bist. Er ist auch in der Liebe, mit der du dich selber liebst, auf dich achtest, barmherzig und gnädig bist mit dir. Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!

Liebe Gemeinde, dieser zweite Teil des Liebesgebotes, ach er wird ja so oft unterschlagen in unseren Sonntagsreden. Ein Beispiel aus der Flüchtlingshilfe, das mir nachgeht. Ein junge Studentin, die sich am Hauptbahnhof engagiert und jeden Abend, jede Nacht geholfen hat, die ankommende Flüchtlinge, Mütter mit ihren Kindern versorgt, ärztliche Hilfe organisiert und ihre Übernachtung in kirchlichen Räumen vorbereitet, die sich der Not empathisch angenommen und Leid geteilt hat, die sagte mir nun, sie könne nicht mehr, sie schaffe das nicht länger und quäle sich mit der Entscheidung, sich aus dem Helferteam zurückzuziehen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, sagte ich ihr. Das Liebesgebot betont beides: Die Hinwendung zum Anderen und die Achtsamkeit für die eigenen Kräfte und Möglichkeiten. Du darfst auch sagen – das schaffe ich nicht. Ich kann das nicht! Und du brauchst dabei kein schlechtes Gewissen zu haben!

Ihr sollt euren Nächsten lieben, wie euch selbst. Weil ihr die Zeit erkennt, sagt Paulus weiter. Weil die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf und unser Heil näher ist als zu der Zeit als wir getauft wurden. Tun wir das? Erkennen wir die Zeit, die Herausforderung dieser Stunde? Politisch steht derzeit viel zur Diskussion und wir alle fragen uns, welcher Weg ist der richtige? Soll sich Deutschland noch aktiver am Krieg gegen den sog. IS beteiligen? Wenn die Solidarität mit den Flüchtlingen und den europäischen Nachbarn dies erfordert, bleibt die Frage, wie wir eingreifen? Mit Waffengewalt oder mit Worten? Mit Drohungen oder mit der Friedensbotschaft? Der sog. IS verhandelt nicht. Der verweigert sich Gesprächen, Kompromissen, demokratischen Modalitäten. Er ist mörderisch, diktatorisch, hass gesteuert. Er verbreitet Angst, existentielle Angst. Eine große Bedrohung besteht darin, dass er in uns ähnliche Hassgefühle und Kriegsrhetorik hervorruft und wir uns durch ihn vom Bösen überwinden lassen.

Damit das nicht geschieht, feiern wir Advent, liebe Gemeinde. Die Ankunft des Friedenboten schlechthin! Ich habe gelernt zu unterscheiden: Politiker und Präsidenten müssen nach anderen Kriterien und Handlungsdynamiken entscheiden als wir hier an diesem Ort. Wir sind diejenigen, die in die heutigen Kriegshandlungen hinein vom Frieden erzählen, die in der Finsternis für Licht sorgen, die in der Not von der Möglichkeit ihrer Überwindung zeugen, die für den Frieden beten, die Geschichten vom guten Leben besingen und bezeugen, die Liebe üben, Nächstenliebe und Feindesliebe. Nur im Zeichen des Kommenden kann gesehen werden, was jetzt Aufgabe ist: Nämlich, den Frieden vorzubereiten!

Aydan Özoguz hat im ai-Gottesdienst am Buß und Bettag genau das als gemeinsame Aufgabe aller Religionen beschrieben: Für Frieden, Gerechtigkeit und Menschlichkeit einzutreten.

Paulus fordert uns hier auf, die Waffen des Lichts anzulegen. Waffen der Finsternis oder des Krieges gibt es wahrhaftig genug auf der Welt und dazu Männer, die diese bedienen. Waffen des Lichts aber, von denen Paulus hier spricht, die gibt es noch immer zu wenig.

Welche Waffen könnten das sein, liebe Gemeinde? Die Formulierung „anlegen“ erinnert an die Taufe, in der wir Christus anziehen, ein neuer Mensch werden, gesegnet mit Güte und Barmherzigkeit. Die Formulierung erinnert an das Tauflicht, das wir entzünden und mit dem wir bekennen, dass Christus das Licht in unserem Leben ist. Sie weist uns in das Licht des Advents, die erste Kerze, die wir heute entzünden. Es soll heute ein Licht für das Leben, für die Liebe, für das Lachen sein.

Das wünsche ich Ihnen von Herzen, liebe Gemeinde und sende Sie in diesen Advent mit dem Segen Gottes.

Amen