Predigt am 8. Februar 2015 - Predigtreihe "Abendmahl"

Von: Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann | 08.02.2015

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

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Liebe Gemeinde,

erinnern Sie noch Ihr erstes Mal? Nein, ich meine nicht den ersten Kuss o.ä., sondern Ihr erstes Mahl – mit h – Ihr erstes Abendmahl? Erinnern Sie noch den Moment, als man Ihnen das Brot reichte und später den Wein? Hatten Sie damals auch feuchte oder zittrige Hände? Haben Sie einen ganzen Schluck aus dem Kelch genommen oder nur kurz genippt? Haben Sie gestanden oder forderte man Sie auf zu knien? War die Stimmung ernst oder heiter? Haben Sie sich wohl gefühlt am Tisch des Herrn, hatten Sie den Eindruck – hier bin ich ein willkommener, ein gern gesehener Gast? Oder wurden Sie eher abgefertigt, in einer Reihe mit vielen anderen? War das Ritual für Sie ein geheimnisvoller Vorgang, vielleicht ein bisschen mysteriös? Was haben Sie gedacht, als man Ihnen die Worte zusprach: Christi Leib für dich gegeben – Christi Blut für dich vergossen! Hatten Sie auch Angst, etwas Falsches zu denken, zu deuten oder zu glauben? Ist das nun Brot und Wein oder ist darin Jesus Christus in Fleisch und Blut? Liebe Gemeinde, die letzte Frage leitet über zu dem Schwerpunkt der heutigen Beschäftigung mit dem Abendmahl – wie ist das eigentlich zu verstehen mit der Austeilung von Brot und Wein bzw. Saft? Welche Bedeutung haben diese Gaben für Sie? Sind sie nur Zeichen und Hinweise, sind sie Symbole oder kommt es auf etwas Substantielles an, das ich riechen, schmecken, kauen, schlucken und mit allen Sinnen aufnehmen kann? Mich hat diese Frage schon als Konfirmandin beschäftigt – und bei meinem ersten Mal, während meiner Konfirmation, war ich so nervös, dass ich danach ein paar Monate nicht mehr zum Abendmahl gegangen bin. Um ehrlich zu sein, ich habe mich viele Jahre überwinden müssen, hatte auch später noch zittrige Hände und fühlte mich gar nicht wohl. In meiner Kieler Gemeinde wurde das Abendmahl nur sehr selten gefeiert, und meist nach dem Gottesdienst. Man konnte die Kirche vorher verlassen oder eben sitzenbleiben und daran teilnehmen – also eine Art Winkelmesse im Anschluss an den Gottesdienst. Später lernte ich, dass genau das gar nicht in Martin Luthers Sinn war – der hatte nämlich alle Winkelmessen abgeschafft. Er distanzierte sich auch vehement von der katholischen Messe, die ja sehr stark Opfergedanken bestimmt war. In der katholischen Eucharistiefeier wurde mit der feierlichen Einsetzung des Abendmahls die unblutige Wiederholung des Opfers Christi zelebriert. Die Teilnahme an der Messe vor allem während der „Wandlung der Elemente“, der sog. Transsubstantiation durch den Priester war für die katholischen Gläubigen Pflicht, ein verdienstliches, gutes Werk zum Heilserwerb. Nach lutherischem Verständnis aber war das Wort das wesentliche Element, das das Gottesverhältnis des Christen begründet – kein Priester, kein Klerus, kein Sakrament. Gott begegnet dem einzelnen Menschen in seinem Evangelium und dadurch steht jeder einzelne Christ unmittelbar zu Gott. Er braucht keine vermittelnde, heilswirkende Instanz. Das Heil wird ihm von Gott direkt zugesprochen, und jeder bildet sich sein eigenes religiöses Urteil im Gewissen. Insofern rückt durch Luther die Predigt und der reine Predigtgottesdienst in den Mittelpunkt. Aber anders als seine reformatorischen Mitstreiter in Württemberg 1536 hat Luther an der Feier des Abendmahls festgehalten und eine gereinigte Form der lateinische Messe vorgeschlagen (1523): Darin wurde das Abendmahl in beiderlei Gestalt als Brot und Wein gereicht (denn so steht es ja auch im Neuen Testament) und die Predigt an den Anfang gestellt. Das Abendmahl wird verstanden als „verbum visibile“ – als das sichtbare Wort. In ihm wird dir die Vergebung der Sünden persönlich zugesagt und zugetan – nicht durch den Pastor, sondern durch Jesus Christus selbst. Er ist der Einladende, der dir persönlich begegnet „in, mit und unter“ den Gaben Brot und Wein. Der Gedanke der persönlichen Gabe ist mir besonders wichtig geblieben, liebe Gemeinde: Du bist gemeint, daher werden Brot und Wein dir persönlich gereicht, „für dich gegeben“! Niemand kann sich dieses „für dich gegeben“ selber sagen, sondern es braucht den Nachbarn, den Mitchristen, der dir beides zuspricht. Du bist geladen, du bist gemeint, Du persönlich (Brot des Lebens für dich, Kelch des Heils für dich). Der Philosoph und Soziologe G. Simmel hat einmal geschrieben: „Von allem nun, was den Menschen gemeinsam ist, ist das Gemeinsamste: dass sie essen und trinken müssen. Und gerade dieses ist eigentümlicherweise das Egoistischte, am unbedingtesten und unmittelbarsten aufs Individuum Beschränkte: was ich denke, kann ich andere wissen lassen; was ich sehe, kann ich sie sehen lassen; was ich rede, können Hunderte hören – aber was der Einzelne isst, kann unter keinen Umständen ein anderer essen“. Das ist doch eine interessante Beobachtung, dass das Essen ein höchst individueller Vorgang ist, den man aber am liebsten in Gemeinschaft vollzieht. Das Individuum, du und die Gemeinschaft, genau das feiern wir im Abendmahl: Jesu Gabe gilt dir ganz persönlich, aber zugleich allen anderen. Er hat alle eingeladen. Die neutestamentliche Wissenschaft unterscheidet heute zwei Traditionsstränge zum Abendmahl. Eine Linie ergibt sich aus den vielen Mahlzeiten, die Jesus mit Menschen unterschiedlichster Couleur gehabt hat. Immer wieder wird erwähnt, dass er mit Sündern und Zöllnern zu Tisch saß. Sie sieht das Abendmahl Jesu als Fortsetzung dieser Gastmähler und deutet es im Zusammenhang seines ganzen Wirkens. Die andere Linie legt den Focus auf die Einsetzungsworte Jesu und verbindet diese mit seiner bevorstehenden Kreuzigung. Hier steht der Opfergedanke im Vordergrund. Er ergibt sich aus der zeitlichen Nähe zum jüdischen Passahfest und war auch für den Juden Jesu ein vertrautes Mittel, um die Vergebung der Sünden sichtbar zu machen: Einer musste sich für die Sünden der anderen opfern, nur so konnte der Frieden zwischen den Menschen und mit Gott wieder hergestellt werden. Dieser Opfergedanke ist heute höchst strittig, ja er wird von vielen als anstößig erlebt. KlausPeter Jörns nennt ihn im Blick auf Jesu Kreuzestod ein Zerrbild des Glaubens. Hans-Martin Gutmann hält an ihm fest und deutet ihn im Sinn einer Selbsthingabe Jesu. Schauen wir in den Text: Schon hier kann man eine Vielzahl von Deutungen feststellen und das, liebe Gemeinde, ist bedeutsam: Es gibt nicht die einzige, wahre, ex cathedra verkündete Wahrheit des Abendmahls, sondern es kommt darauf an, dass es für Dich (!) stimmig ist. Der Brief des Paulus an die Korinther zeigt, dass es schon dort verschiedene Traditionen gab. So meinten einige, man solle sich vor dem Abendmahl noch einmal richtig satt essen und trinken - und kamen ziemlich betrunken zum Abendmahl. Soziale Unterschiede in der Gemeinde führten zu zahlreichen Konflikten und standen damit im krassen Gegensatz zum Charakter des Abendmahls, das die Einheit der christlichen Gemeinde abbilden sollte. Steht im Korintherbrief die Formulierung: „Das ist mein Leib, der für dich gegeben wird. Das tut zu meinem Gedächtnis“, heißt es bei Matthäus nur kurz und knapp: „Nehmet, esset, das ist mein Leib“. Kein „für dich“, keine Ermahnung zum Erinnern oder Vergegenwärtigen Jesu. Bei Matthäus wird der Gedanke der Sündenvergebung betont: „Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden“. Unterschiedliche Deutungen und Liturgien von Anfang an, liebe Gemeinde. Das ist die Lage und das erklärt auch, warum sich die christlichen Konfessionen seit 2000 Jahren so schwer tun mit einer gemeinsamen Deutung. Gemeinsam ist den Autoren der Bibel, dass sie kein Totengedächtnismahl feiern, sondern die Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen. Wie aber geschieht diese Vergegenwärtigung in Brot und Wein? Wie ist diese Gegenwart zu verstehen? Mich haben zwei Perspektiven überzeugt, liebe Gemeinde. Zum einen bleibt es bei Brot und Wein – das hat Jesus Christus auch gegeben bei seinem letzten Mahl mit seinen Jüngern. Beides wird zum Symbol für sein Leben: Er hat sich hingegeben für viele, indem er die Liebe Gottes zu den Menschen brachte und an ihr festhielt bis zum Tod am Kreuz. Brot und Wein sind das Symbol seiner Liebe zu uns, der vergebenden Liebe, der Gnade, der Versöhnung, der Heiligung, der Befreiung (ich könnte weitere Begriffe anfügen). Von dem Theologen Paul Tillich habe ich gelernt, zwischen einem Symbol und einem Zeichen zu unterscheiden: Beide haben gemeinsam, dass sie auf etwas hinweisen, das außerhalb ihrer selbst liegt. Brot und Wein weisen hin auf Leib und Blut. Ein Zeichen aber hat keinen Anteil an der Wirklichkeit und Mächtigkeit dessen, was es bezeichnet. Symbole partizipieren an der Macht und dem Sinn dessen, was sie symbolisieren. Religiöse Symbole öffnen tiefere Schichten der Wirklichkeit, und zugleich tiefere Schichten in der eigenen Seele. Die Gabe von Brot und Wein beim Abendmahl erschließt uns eine tiefere Wirklichkeit, nämlich die der Gegenwart Gottes mitten unter uns. Wo aber Gott im Spiel ist, geschieht Veränderung, da verwandelt sich die Welt, meine und deine, da wird Befreiung spürbar, sinnlich erfahrbar. Wenn wir also zusammen an den Tisch des Herrn treten, entsteht eine Gemeinschaft, die nicht wir schaffen, sondern die er schafft. Wir werden ein Teil seiner Gemeinde, (oder wir Paulus sagt) seines Leibes. Entscheidend ist nicht, dass wir uns etwas einverleiben, sondern dass er uns annimmt, so wie wir sind, so wie wir glauben, so wie wir lieben. Nicht vollkommen, nicht selbstgewiss, nicht hochmütig, nicht schuldlos. Er lädt uns ein, damit wir uns in unserer Bedürftigkeit und Sehnsucht von ihm stärken lassen. Er lädt uns ein, damit wir unsere Gewissen und unsere seelische Not entlasten und uns durch sein vergebendes Wort verwandeln lassen. (Da darf dann eben auch gelächelt werden während der Austeilung!). Er lädt uns ein, damit wir nicht vereinzelt bleiben, sondern eine Gemeinschaft erfahren, die immer größer ist als der eigene Horizont und als die eigenen Erklärungen von etwas Wunderbarem: Gottes Gegenwart mitten unter uns. Amen.