„… und hätte der Liebe nicht” – Ausstellung von Mareile Schröder und Sylvia Kornmacher

1997

Mareile Schröder

Mareile Schröder

Mareile Schröder

Sylvia Kornmacher

Sylvia Kornmacher

Sylvia Kornmacher

Mareile Schröder stellt ihr „memento mori" mit einer Bodeninstallation aus 70 Schieferfragmenten, 800 schwarzen Transparentpapieren und Carrara-Kieseln auf 130 Japanbögen vor.

 

Gazehüllen symbolisieren den gehäuteten Menschen bei Sylvia Kommacher

 


Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Mareile Schröder und Sylvia Kornmacher "...und hätte der Liebe nicht..."

in der Hauptkirche St. Katharinen
Hamburg, im September 1997

 

Der Kirchenraum als Kunstraum führt die Kunst zu ihrem ursprünglichen Ort zurück. Es ist der geheiligte Ort, an dem Mittels der Kunst eine Brücke geschlagen wird vom Bekannten, dem Irdischen zum Unbekannten, Unbegreiflichen, dem Göttlichen. Erinnern wir uns an die ersten Höhlenmalereien, beispielsweise der in Lascaux in Frankreich, wo die Bewohner ihre Ängste, ihre Hoffnungen, ihre Erkenntnisse in Erdfarben anschaulich machten. Immer im Bewußtsein mit der anschaulichen Darstellung, das was wir heute Kunst nennen, dem Unbegreiflichen näher zu kommen. Auch später von der Antike, über das Mittelalter bis ins Zeitalter der Moderne, wurde in der Kunst die Transzendenz gesucht. Heute, mit all unserem Wissen verliert sich die Gegenwartskunst oft im Alltäglichen und thematisiert nicht mehr offen das Verhältnis zwischen Kunst und Spiritualität. Nicht das die Beziehung generell nicht mehr vorhanden wäre, nein Kunst, Kreativität im Allgemeinen wird auch-heute noch als "nicht von dieser Welt" erachtet. Es ist eher so, daß der spirituelle Aspekt von Kunst zwar dem zeitgenössischen Werk immanent ist, aber als Thema nicht explizit formuliert wird.


Anders verhält es sich in der Arbeit von Mareile Schröder und Sylvia Kornmacher. Für beide Künstlerinnen sind die fundamentalen Fragen des Seins Antrieb und Grund für ihr künstlerisches Schaffen. Kunst erscheint hier erneut als Medium für Spiritualität.
Mareile Schröders Arbeit ist für sie selbst wie auch für uns Betrachter eine persönliche Offenbarung und Meditation.
"Nichts ist so wie es scheint" lautet ihre Kunstthese, also begibt sich Mareile Schröder auf den Weg das Wesen der Dingen zu ergründen. Die Wahl der Mittel wird bewußt reduziert: Papier und Wasser, hin und wieder Farbe, Steine, klare, konzentrierte künstlerische Handlungen. Schwerer ist es dem Einfachen als dem Komplexen sein Geheimnis abzuringen.


Für die Arbeit "GESTERN IST HEUTE" sind 800 Blätter Transparentpapier zu einem Grabhügel geschichtet. Jedes einzelne Blatt wurde zuvor in schwarzer Farbe getränkt, mit den Händen geformt, losgelassen und zum Trocknen ausgelegt. "Es braucht viel Zeit, Geduld und Einfühlung, der wiederholenden Monotonie des Prozesses und der Menge der aufgetürmten Papiere die Langsamkeit als aufbauende Qualität abzugewinnen." schreibt Roswitha Siewers. Der Arbeitsweg der Künstlerin entwickelt sich in drei Abschnitten: Die Konzentration, eine Art meditative Stille stimmt ein auf den zweiten Schritt, dem spontanen aber gezielten Eingriff am Papier. Die Formierung der Einzelteile zum Kunstobjekt erfolgt zum Schluß. Nun ergibt die Summe der Teile sein Ganzes. Das abstrakte Papierfragment in sich bereits voller Sinn und Gehalt wandelt sich zum Schluß in eine symbolische lnszenierung von atmosphärischer Dichte. Sicher ist das Endproduk, das Kunstwerk von entscheideneder Bedeutung für die Künstlerin. Nicht minder wesentlich ist aber der Arbeitsweg dort hin.

 

Die Ruhe und meditative Konzentration setzt Kräfte frei. Es ist eine Zeit des sich Erinnerns, eine Zeit der Begegnung mit sich selbst und anderem. "GESTERN IST HEUTE" kommentiert dies bereits im Titel.


MOMENTO MORI - Gedenke des Todes! Als Untertitel ein weiterer lateinischer Spruch aus dem 8.Jhr: MEDIA VITA IN MORTE SUMUS. Übersetzt heißt dies wohl: "Mitten im Leben sind wir vom Tod gefangen". G. Fr. Hegel hat in seiner Phänomenologie des Geistes den gleichen Gedanken ein wenig freudiger beschrieben: "Nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut .... sondern das ihn erträgt und ihn in sich erhält, ist das Leben des Geistes..." heißt es dort.

Mareile Schröder legt 70 Schieferfragmente auf 70 weißen Kartonbögen aus. Jedes der Fragmente offenbart Gesichter des Todes. Schiefer als Archivmaterial dient für erneutes Erinnern an den ewigen Zusammenhang von Leben und Tod. In vierer Reihen formiert ist die Arbeit der ordentlichen Reihe verpflichtet. Im Einzelnen wirkt sie jedoch immer wieder neu gesichtet und gerichtet.


Die Arbeit METHAMORPHOSE nimmt die Form von Rechteck und Flügelfigur auf. Das Innenfeld aus weißen Kieselsteinen wird von ca. 120 weißen Japanpapierbögen eingerahmt. Die Bögen sind übereinander und aneinander gelegt. Konträre Materialien stoßen hier aufeinander. Marmorkiesel steht für Härte, Dauerhaftigkeit und Ewigkeit, das Papier ist weich, durchscheinend, symbolisiert Leichtigkeit und Vergänglichkeit. Die Metamorphose hält die Spannung zwischen den Extremen.


Mareile Schröder kommentiert ihre Arbeit zur Ausstellung mit den Worten: METAMORPHOSE - GESTERN IST HEUTE - MEMENTO MORI drei Arbeiten zu dem Thema "....und hätte der Liebe nicht..." Die Arbeiten zeigen, daß durch die Liebe und nur durch sie - die Verwandlung aus dem Unbeseelten ins Beseelte, aus dem Toten ins Leben, aus der Materie in den Geist möglich ist. Treffender kann man die Bezüge nicht formulieren!


Sylvia Kornmachers Arbeit ist eine Art persönliche Poesie zum Thema Wandlungen. Die Künstlerin und ihr Werk sind auf engste miteinander verbunden. Ausgangspunkt und Gegenstand ihrer Kunst ist sie selbst, ist ihre eigene Körperwahrnehmung. Ihre Objekte, Fotografien und Installationen sind ähnlich den Arbeiten Mareile Schräders Resultate, hier einer zuvor sorgfältig geplanten Aktion. In "BURNING BODIES" sammelte die Künstlerin Holzstücke und legte diese zu einer Figur aus, die in der Größe und in der Form einem, ihr damals aktuellen Körpergefühl entsprachen. Es war ein Gefühl, das sie ablegen wollte, - wandeln - verwandeln wollte um etwas neuem Raum geben zu können. Vier unterschiedliche Figuren - Körpererfahrungen - hat sie so beschworen und in einer Tag- und einer Nachtaktion rituell verbrannt. Die Kamera dokumentiert die Kraft des Feuers, die hellen Flammen, das Glühen aus sich selbst heraus. Übrig bleibt die Aschefrau und die Magie der Vorstellung eines reinigenden Feueropfers!


Inspiriert wird Sylvia Kornmacher von indianischen Mythen und Legenden, von ihren Träumen. Sie läßt sich vom Emotionalen leiten, das macht ihre Arbeit so expressiv. Dis Narrativer oder das Illustrative ist ihre Sache nicht.

 

Sylvia Kornmacher bietet dem Betrachter mit ihrer Kunst einen flüchtigen Blick in private, geheime Bereiche, das Privileg etwas zu sehen was nicht veröffentlicht werden sollte, etwas das ins Licht rückt durch eine Änderung des Planes oder durch einen glücklichen Zufall. So ist der Eindruck von Intimität, den die KÖRPERHÜLLEN AUS GAZE erwecken sprachlich auch nicht faßbar. Diese leichten, transparenten Figuren liegen auf dem Boden, hängen im Raum, tauchen aus Wandnischen hervor, sind im Begriff sich aufzulösen oder vielleicht auch sich gerade zu manifestieren Ein Feld gleicher Körper, das läßt auf ein kollektives Geschehen schließen. Die embrionale Haltung ist zukunftsweisend, die Art und Weise wie die Figuren in den Boden versinken bzw. in den Raum hinein entschweben, rundet den Lebenskreislauf:


"Warum macht das, was die Wesen lebendig macht, sie zugleich sterblich?" fragt Paul Valéry


Gibt es eine Antwort? Ich weiß es nicht, aber lässt uns die Liebe nicht alle Unsicherheiten und die Sehnsucht nach Klarheit ertragen?
Ich danke den Künstlerinnen für die Gedanken, die sie mit ihrer Arbeit freisetzen.


Nasim Weiler, Kunsthistorikerin 28.09.1997

 

 

 

Die Hauptkirche St. Katharinen ist ein Ort der Ruhe inmitten einer lauten Stadt.
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