Liebe Gemeinde,
der Jahresanfang ist für viele ein Moment des Aufbruchs. Eine Zeit, um innezuhalten, zurückzuschauen, Gewohnheiten zu prüfen, Prioritäten neu zu ordnen und vielleicht Schritte zu wagen, die bisher noch nicht möglich schienen.
Solche Anfänge sind hoffnungsvoll und zugleich verletzlich. In ihnen liegt die Sehnsucht nach etwas Neuem, das Gestalt annehmen möchte – sei es in der Hoffnung auf neue Möglichkeiten oder darin, dass Seiten von uns selbst ans Licht kommen, die verborgen waren oder bisher nicht zugänglich schienen. Neuanfängliche Aufbrüche lassen uns lebendig fühlen und zugleich unsicher, weil sich erst zeigen wird, wohin sie führen.
Diese spannungsreiche Offenheit erlebe ich derzeit auch selbst. Seit November bin ich als Gemeindepastorin und Referentin in St. Katharinen tätig und mitten im Ankommen, im Kennenlernen und im Aneignen des Neuen.
Hannah Arendt beschreibt das Menschsein als von Anfängen geprägt. Mit der eigenen Geburt setzt jeder Mensch einen Anfang. In dieser Gebürtlichkeit, die Hannah Arendt Natalität nennt, liegt unsere Freiheit. Sie befähigt uns, neue Anfänge zu initiieren und bestehende Prozesse zu unterbrechen. Durch unser Handeln bringen wir etwas Unvorhergesehenes hervor, das so noch nicht existierte.
Die menschliche Sehnsucht nach Neuanfang und die Offenheit für Neues spiegeln sich auch in der Jahreslosung 2026 wider:
„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5).
Die diesjährige Losung stellt unseren persönlichen Anfängen eine große Verheißung zur Seite. Die Johannesoffenbarung verbindet die Sehnsucht nach einem guten Leben mit der Vision einer neuen, gerechten Welt – ohne Leid, ohne Tod, ohne Krankheit. Sie beschreibt diese Welt als das himmlische Jerusalem: eine Stadt mit offenen Toren, geschmückt mit Edelsteinen, in der Gott in einem einfachen Zelt mitten unter den Menschen wohnt.
In St. Katharinen bekommt diese Vision einen eigenen Ausdruck im großen Gloria-Fenster des Künstlers Hans Gottfried von Stockhausen hinter dem Altar. Licht und Farbe ziehen den Blick nach oben, die zwölf Tore und funkelnden Edelsteine machen die Verheißung sichtbar.
Gerade in Zeiten größerer Verunsicherung, geprägt von Leid, Gewalt und Krieg – schmerzlich präsent etwa im bevorstehenden vierten Jahrestag des Beginns des Ukrainekriegs –, mag diese hoffnungsvolle und radikale Verheißung zunächst fern erscheinen. Und doch bleibt sie, geglaubt, nicht abstrakt. Heilsames Neues beginnt nicht erst am Ende der Zeit, sondern schon jetzt. Wenn Gott spricht, ist das kein fernes Wort, sondern ein schöpferischer Impuls, der unsere Gegenwart berührt. Diese Vision verbindet unsere Neuanfänge mit Gottes umfassendem Neubeginn und regt uns an, unser Leben und Handeln an dieser Verheißung auszurichten.
Auch 2026 freuen wir uns im Team auf all die Begegnungen in St. Katharinen und sind gespannt auf das, was das neue Jahr bringt.
Für alle großen wie kleinen Neuanfänge wünsche ich uns Mut für die Schritte in eine ungewisse Zukunft und Freude am Neubeginnen.
Ihre Katharina Vetter
Gemeindepastorin und Referentin der Hauptpastorin