Predigt vom 11. Mai 2025 – Gottesdienst am Sonntag Jubilate

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

„Vom Jubel der Frau Weisheit“ (Sprüche 8, 22–36)


 

 Liebe Gemeinde,

 

Ich finde ja, wir klagen zu viel und loben zu wenig,

 

wir meckern oft, oder jammern – auf hohem Niveau, wie wir dann anfügen, wir sind mit vielem unzufrieden, genervt, enttäuscht, wir schimpfen, kritisieren, bemängeln, monieren und beschweren uns – gern über die da oben, z.B.:

 

die Politiker können’s nicht, die Beamten auch nicht, die Pastorinnen sind zu politisch, die Lehrer sind überfordert, die Erzieherinnen erschöpft, an Pflegerinnen, Ärzten und freien Arztterminen mangelt es, die Bahn ist immer zu spät oder sie kommt gar nicht, die Brücken sind marode, das Klima nicht mehr zu retten …

 

Darin spiegeln sich natürlich die zahlreichen Krisenphänomene unserer Zeit und ja, es gibt viele Entwicklungen, die wahrhaftig zu beklagen sind: Irrtümer und Irrwege, die wir begehen, Unrecht und Gewalt, die wir zulassen, Kriege und Hungersnöte, die wir nicht beenden – darüber müssen wir klagen, es Gott ans Herz legen und ihn um seine Kraft bitten, um Mut zur Umkehr, um Segen zum Guten, um Liebe statt Hass, um mehr Weisheit im Herzen.

 

Um diese Weisheit geht es heute, liebe Gemeinde, Weisheit, die uns dazu verleitet, die Welt mit anderen Augen zu sehen und eine andere, eine glaubende Haltung einzuüben: Das Herz wird freier, der Blick weiter, die Angst weicht, die Zuversicht wächst. Von dieser Weisheit heißt es im Buch der Sprüche Salomos:

 

Am Anfang seines Schaffens schuf mich der Herr,
als erstes seiner Werke vor aller Zeit.
Als noch kein Ozean war, wurde ich geboren,
als noch kein Brunnen von Wasser quoll,
als er die Himmel bereitete, war ich schon dort,
als er die Tiefe bestimmte in den Wassern,
als er der Erde Grundfesten setzte,
war ich ihm zu Seite, sein Liebling.
Ich war seine Wonne, Tag um Tag
und spielte vor ihm zu aller Zeit.
Ich spielte auf seinem Erdboden,
und meine Wonne ist, bei den Menschenkindern zu sein …
Wohl dem Menschen, der auf mich hört,
Wer mich findet, hat das Leben gefunden und Wohlgefallen erlangt bei dem Herrn
(n. Jörg Zink)

 

Welch ein schöner, poetischer Text über die Weisheit, die Sophia. Sie ist weiblich und die erste von allem, was Gott geschaffen hat. Sie gehört nach biblischer Vorstellung schon vor der Schöpfung unseres Planeten zu Gott, noch vor den Ozeanen und Flüssen, noch vor Himmel und Erde, noch vor allen Sternen und Lichtern am Himmel ist sie da. Aus Gott geboren. Die einen sagen als Baumeisterin, die anderen als Gottes Liebling – der hier gewählte hebräische Begriff bedeutet beides.

 

Im Buch der Sprüche wird damit Gottes weibliche Seite betont, nämlich in Gestalt der Weisheit, die Gott aus sich heraus geschaffen hat. Unser Gott ist ein Gott, der nicht für sich sein will, der in Beziehung lebt und wirkt, und dabei eine spielerische Seite zeigt, nämlich die spielende oder verspielte Weisheit.

 

In Michelangelos Gemälde von der Erschaffung Adams hat „Frau Weisheit“ übrigens einen besonderen, oft übersehenen Platz: Unter der linken Schulter des Schöpfers lugt sie hervor, eine Blondine, die Adam offenbar schöne Augen macht. Schauen Sie sich dieses ikonische Bild noch einmal an – ich habe sie auch erst jetzt dort entdeckt.

 

Sie begleitet Gottes Schöpfungshandeln und regt ihn zu immer neuen Werken an. Sie freut sich an ihnen wie ein Kind, sie spielt mit ihnen. Sie freut sich mit Gott an dem, was er geschaffen hat: Die Meere und Seen, die Berge und Täler, die Schönheit der Pflanzen und Bäume, die Vielfalt der Tiere, die Einzigartigkeit des Menschen. Sie freut sich und jubelt.

 

Und weil die Weisheit bei allem dabei war, sind ihre Einsichten auch universal und jedem Menschen zugänglich. So heißt es in den ersten Versen unseres 8. Kapitels: sie wohnt bei der Klugheit, aber es geht ihr um mehr als nur Wissen. Sie gibt guten Rat, damit das eigene Leben und das Zusammenleben mit anderen gelingen kann. Sie ist überall auf der Welt zuhause, nicht nur bei den Gebildeten im Elfenbeinturm. Man findet sie in der Öffentlichkeit, bei den Menschen auf den Straßen, den ganz normalen, auch bei den vermeintlich Ungebildeten. Man findet sie in jedem Alter: im kindlichen Spiel, in der jugendlichen Neugierde, im erwachsenen Forschen und Entdecken, in der lebensklugen Rede der Alten, im Loben und Jubeln über die Wunder der Welt, im Lob Gottes. Und ich bin überzeugt, liebe Gemeinde, davon brauchen wir mehr. Denn wir klagen zu viel und loben zu wenig – wir sollten uns über die Werke Gottes häufiger freuen. Loben bestärkt, macht Mut. Wir sollten einander viel häufiger sagen: Das hast Du gut gemacht! Zu unseren Kindern, unseren Vätern und natürlich unseren Müttern, nicht nur am Muttertag. Die Weisheit gibt uns Worte dafür.

 

Ja, was ist Weisheit? Darüber haben sich Theologen, Philosophen, Wissenschaftler und viele Literaten Gedanken gemacht. Man könnte sie vielleicht so zusammenfassen: Weisheit ist erfahrungsgesättigtes Wissen, ein Verständnis von den Zusammenhängen der Welt und des Lebens. Es hilft dabei, sich in der Welt zurecht zu finden, das Leben mit all seinen Herausforderungen anzunehmen, mit unseren Möglichkeiten aber auch unseren Grenzen. Sie warnt vor Allmacht und Selbstherrlichkeit.

 

An diesem Wochenende 80 Jahre nach Kriegsende, 80 Jahre nach dem Tag der Befreiung, hilft uns die Weisheit dabei, diese Vergangenheit richtig einzuordnen und zu verstehen, der Millionen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des Krieges zu gedenken, Schuld zu bekennen, das „Nie wieder“ laut zu verkünden, den Frieden zu suchen, zwischen Völkern und Nationen und zwischen dem Menschen und der Natur. Wir sind nicht die Herren der Welt, nicht die Herren der Schöpfung und wir besitzen sie nicht. Gott schenkt sie uns als Gabe und Aufgabe. Er schenkt uns dieses Leben mit all den Wundern und Werken, über die wir immer wieder staunen. Er schenkt es uns aus Liebe, die unserem Leben Sinn und Tiefe gibt. Er schenkt es uns, damit wir erfüllt werden vom Jubel der Weisheit.

 

Es gibt einen Text, und mit dem möchte ich meine heutige Predigt schließen, der diesen Jubel auf berührende Art vermittelt. Er ist wirklich voller Weisheit und stammt aus einer Rede eines Häuptlings in Jahr 1855. Häuptling Seattle sprach vor dem Präsidenten der USA:

 

„Der große Häuptling in Washington sendet Nachricht, dass er unser Land zu kaufen wünscht … Aber wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen – oder die Wärme der Erde? Diese Vorstellung ist uns fremd. Wenn wir die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers nicht besitzen – wie könnt ihr sie von uns kaufen? … Meine Worte sind wie die Sterne, sie gehen nicht unter. Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig, jede glitzernde Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen Wäldern, jede Lichtung, jedes summende Insekt ist heilig in den Gedanken und Erfahrungen meines Volkes. Der Saft, der in den Bäumen steigt, trägt die Erinnerung des roten Mannes. Wir sind ein Teil der Erde und sie ist ein Teil von uns. Die duftenden Blumen sind unsere Schwestern, die Rehe, das Pferd, der große Adler – sie sind unsere Brüder… Was ist der Mensch ohne die Tiere? Wären alle Tiere fort, so stürbe der Mensch an großer Einsamkeit des Geistes. Was immer den Tieren geschieht – es geschieht bald auch den Menschen. Alle Dinge sind miteinander verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde … Eines wissen wir, was der „weiße Mann“ vielleicht eines Tages erst entdeckt: Unser Gott ist derselbe Gott. Ihr denkt vielleicht, dass Ihr ihn besitzt – so wie Ihr unser Land zu besitzen trachtet, aber das könnt Ihr nicht. Er ist der Gott der Menschen - gleichermaßen der Roten und der Weißen. Dieses Land ist ihm wertvoll …

 

Und ich möchte ergänzen: So wie ihr ihm wertvoll seid, jede, jeder Einzelne von euch ist Teil seiner Erde, Teil dieses Wunders auf Erden zu sein zu dürfen. Gelobt sei Gott und Amen.

 


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