Predigt vom 25. Mai 2025 – Gottesdienst am Sonntag Rogate

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

„Bittet, so werdet ihr empfangen“ (Johannes 16, 23b–28.33)


 

Liebe Gemeinde,

 

beim Thema Beten muss ich immer an die alte Anekdote vom Busfahrer denken. Wahrscheinlich kennen Sie die, aber das macht nichts, man kann trotzdem immer wieder drüber lachen:

 

Kommen ein Busfahrer und ein Pastor an die Himmelspforte. „Du kommst sofort rein“, sagt Petrus zum Busfahrer. Der Pastor ist enttäuscht. „Nun habe ich mein Leben lang für das Reich Gottes gearbeitet, habe getauft, konfirmiert und beerdigt, Menschen getröstet und über Gottes Liebe gepredigt – und dieser Busfahrer da kommt sofort in den Himmel, während ich noch warten muss.“ „Tja“, sagte Petrus, „wenn du gepredigt hast, haben alle geschlafen, - aber wenn er Bus gefahren ist, haben alle gebetet.“

 

Also, ich hoffe natürlich, dass meine Rede Sie heute nicht ermüdet und in den Schlaf säuselt, sondern ganz im Gegenteil zum aktiven Beten ermutigt. Aber, man weiß ja nie, wie`s rüberkommt. Erst recht nicht bei diesem Thema: dem Gebet!

 

Auf den ersten Blick scheint es ganz einfach, denn gebetet hat wohl jede und jeder schon, ähnlich wie die Busreisenden in der Anekdote. Stoßgebete kennen wir alle, wenn ein Busfahrer riskante Manöver fährt und man sich fürchtet, von der kurvigen Bergstraße ins tiefe Tal zu rutschen. Not lehrt Beten, heißt es im Volksmund, und zwar alle, die Frommen wie die Zweifler. Wenn wir uns gar nicht mehr zu helfen wissen, dann versuchen wir es schon mal und wagen ein Bittgebet zu Gott, auch wenn wir darin gar keine Übung haben und wir uns gar nicht sicher sind, ob das Gebet etwas bewirkt.

 

Das erzählen mir Menschen, die sich von der Kirche und den christlichen Traditionen lange entfernt haben und kaum noch das Vaterunser kennen. Wenn die Not richtig groß wird, wenn die Angst übermächtig ist und man nicht mehr weiß, wie man den morgigen Tag überstehen soll, wenn Schmerzen einen quälen oder einem die Worte fehlen angesichts tiefer Trauer, dann hilft ein Gebet, „lieber Gott“, es muss nicht lang sein: „Hilf mir, steh mir bei!“. „Ich schaff es nicht allein“.

 

„And so we pray“ – so lautet der aktuelle Superhit der britischen Pop-Band Coldplay zusammen mit anderen Stars hören wir einmal rein, er läuft derzeit ständig auf den einschlägigen Radiostationen:

 

I pray that I don‘t give up, pray that I do my best
Pray that I can lift up, pray my brother is blessed
Prayin‘ for enough, pray Virgilio wins
Pray I judge nobody and forgive me my sins

 

I pray we make it, pray my friend will pull through
Pray as I take it unto others, I do
Prayin‘ on your love, we pray with every breath
Though I‘m in the valley of the shadow of death

 

And so we pray for someone to come and show me the way
And so we pray for some shelter and some records to play
And so we pray, we‘ll be singin‘ „Baraye“
Pray that we make it to the end of the day

 

(And so we pray,) I know somewhere that Heaven is waitin‘
(And so we pray,) I know somewhere there‘s something amazin‘
(And so we pray,) I know somewhere we‘ll feel no pain
Until we make it to the end of the day

 

So singt die junge Generation vom Beten – ganz natürlich, leichtfüßig und wie selbstverständlich bringt der Song zur Sprache, dass Menschen sich nach Liebe, Schutz und Sicherheit sehnen, für sich und für andere um Segen bitten, auf eine bessere Zukunft hoffen, auf einen Himmel, in dem wir keinen Schmerz mehr fühlen. Gott wird nicht explizit beim Namen genannt, aber er klingt in jedem „and so we pray“ mit, der (tillich`sche) „Gott über Gott“, dem einen christlich, dem anderen muslimisch, dem nächsten hinduistisch - ein religionsübergreifendes oder religionsverbindendes Lied über die Kraft des Gebets ist momentan weltweit erfolgreich! Ich finde das höchst bemerkenswert.

 

Natürlich ist es musikalisch ein Ohrwurm, den man sich schnell überhört. Das ist bei dem Orgelstück aus dem Jahr 1627 von Johann Ulrich Steigleder nicht der Fall. Seien sie gespannt auf die feine schöne Komposition zum Vaterunser, die wir gleich von der Orgel hören werden, eine Vertonung des Gebets, das Jesus seinen Jüngern gelehrt hat.

 

„And so we pray“ – ich singe diese Worte im Kontext unserer religiösen Tradition, mit einem christlichem Gottesbild im Sinn, mit den Symbolen und Gleichnissen, die Jesus mir vermittelt. Ich verstehe das Beten als ein persönliches oder auch gemeinsames Gespräch mit meinem, mit unserem Gott, also konkreter, direkter, unmittelbarer und verbindlicher als in jenem Song oder dem zuvor zitierten Stoßgebet. So habe ich es gelernt, so ist es mir vertraut, so habe ich es eingeübt. Das ist nicht besser oder wahrhaftiger als andere Formen, es ist meine Art, oder genauer es ist unsere christliche Art, mit Gott zu sprechen. Sie gründet in dem Gebet des Vaterunser, also der direkten Anrede Gottes als Vater.

 

„Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er`s euch geben“, verheißt Jesus seinen Jüngern in dieser Abschiedsrede kurz vor seinem Tod. „Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen werde“…“denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin“.

 

Das besondere dieses christlichen Betens ist, dass sich darin eine Gottesbeziehung ausdrückt, eine reale Beziehung zwischen Mensch und Gott. Oder anders formuliert: es öffnet sich ein spiritueller Beziehungsraum, wenn wir uns Gott in Jesu Namen zuwenden. Der Evangelist Johannes unterscheidet hier zwei Zeitebenen, das muss ich kurz erläutern:

 

die Zeit, in der Jesus mit den Jüngern unterwegs ist und sie durch Jesu Worte und Taten, Gleichnisse und Symbole zu Gott in Beziehung treten. Und die nachösterliche Zeit, in der Jesus zu seinem Vater zurückgekehrt ist und die Jüngerinnen und Jünger direkt zu Gott sprechen und ihn um das bitten, was Not tut.

 

Gott wird sie erhören, und sie werden empfangen, was sie erbitten, weil er sie liebt, so wie er seinen eigenen Sohn geliebt hat. Das ist johanneische Theologie: „Wer mich liebt“, sagt Jesus, „der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen“ (Joh 14,23). So ist es im Gebet: Gott kommt zu uns und nimmt Wohnung bei uns, er zieht ein in unsere Herzen und Sinne.

 

Stellen wir uns vor, wir wären dabei gewesen und hätten diese Rede mitgehört – was für starke, ermutigende und kraftgebende Worte!

 

Bittet, so werdet ihr empfangen! Ihr dürft von Gott alles erwarten, ihr dürft ihm alles zutrauen, denn nichts ist ihm unmöglich. Ich entwickle den Gedanken einmal weiter: Seid nicht schüchtern, seid nicht zögerlich, seid nicht zu bescheiden im Gebet: Sagt Gott, dass ihr euch nach Frieden sehnt, hier in unserer Stadt, rund um den Hauptbahnhof, und in der ganzen Welt, in Gaza, in der Ukraine, im Sudan! – Bittet ihn um Frieden in Jesu Namen, der ein Friedenstifter und Versöhner war.

 

Bittet Gott um Brot für die 733 Millionen Menschen, die weltweit hungern, für die unterernährten Kinder, für die Flüchtlinge auf dem Wasser und an Land. Bittet in Jesu Namen, der von sich sagte: Ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern.

 

Bittet Gott um seinen Schutz und Segen für Eure Liebsten, die kranke Ehefrau, den demenziell verwirrten Großvater, den früh geborenen Säugling – bittet in Jesu Namen, der zu den Kranken ging und sie heilte.

 

Und bittet für Euch persönlich, um Geduld und Umsicht, um Vergebung und Neuanfang, um Mut und Courage, um Zuversicht und Gottvertrauen.

 

Nun wissen wir alle, wenn Gott unsere Bitten erhört, heißt das nicht, dass er sie auch erfüllt. Beten ist kein Wunschkonzert! Und mit einem Gebet hört die Welt nicht auf, ein Ort der Not, der Angst, der Schmerzen und Bedrängnis zu sein. So endet auch unser Text mit den Worten: In der Welt habt ihr Angst, immer noch, damals wie heute, die Angst verschwindet nicht, sie gehört zu uns Menschen und wird uns immer bedrücken und bedrängen. Aber – sie ist nicht allmächtig, sie kann uns letztlich nicht beherrschen, sie wird eingehegt und begrenzt. Jesus hat uns gezeigt, dass es jemand gibt, der unsere Angst in Mut verwandeln kann.

 

„In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“, spricht Jesus.

 

Liebe Gemeinde, beten hilft. Beten verändert die Welt und uns selbst, mit welchen Worten auch immer! So dürfen wir Gott Vater, aber auch Mutter nennen. Wir bringen vor ihm zur Sprache, was uns bedrückt und was wir erhoffen, unsere tiefsten Sorgen und unsere kühnsten Hoffnungen. Wir vertrauen darauf, dass unsere Worte von Gott erhört werden, dass sie seine schöpferische Güte und Gerechtigkeit anspornen und Kräfte in uns freisetzen, um die Not zu wenden. Und wir stärken uns im Beten gegenseitig: Wenn wir z.B. das Vaterunser im Gottesdienst zusammen beten, mir geht immer ein Schauer über den Rücken, weil wir viele sind, viele verschiedene, einzelne, die in diesem Gebet mit einer Stimme sprechen und Gottes Segen mitten unter uns spürbar wird.

 

Also „Bittet, so werdet ihr empfangen!“ Amen

 


Download [PDF]