Predigt vom 8. Juni 2025 – Gottesdienst am Pfingstsonntag

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

„Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern“


 

Liebe Gemeinde,


seit gut einer Woche dreht sich die Erde über uns und fasziniert fast alle, die hier hereinkommen: Menschen staunen, schauen und staunen über ihre Größe und Schönheit. Sie betrachten sie von allen Seiten, legen sich in Sitzkissen, die wir im Altarraum verteilt hatten, oder verharren andächtig auf den Stühlen. Der Anblick dieser Erde löst unterschiedliche Gefühle aus: Ehrfurcht und Bewunderung angesichts ihrer Größe, aber auch Dankbarkeit und Demut, denn aus der Astronautenperspektive fragt man sich noch einmal mehr nach der Bedeutung der eigenen Existenz angesichts dieses riesigen Planten inmitten eines unendlichen Universums. Das stimmt nachdenklich - und fromm, denn zu meinem Dasein auf Erden habe ich Menschenkind gar nichts beigetragen, sondern darf sein, darf leben, darf lieben, weil ein schöpferischer göttlicher Geist unter uns wirkt, von Ewigkeit her, sich dreht und weht, braust und rauscht, ähnlich wie es durch diese leuchtende Kugel rauscht. 


Diesen Geist feiern wir heute am Pfingstsonntag, liebe Gemeinde, Gottes Geist, der Leben schafft, von dem es im Buch Genesis heißt, er schwebte über den Wassern. Er ist die schöpferische Kraft Gottes, die man ahnen und spüren kann, wenn man sich von dieser Kunst inspirieren lässt. 


Eltern kommen hier herein, zeigen und erklären ihren Kindern, was sie dort sehen, sie stellen sich darunter und lassen sich mit erhobenen Armen fotografieren als hielten sie die Welt in ihren Händen, und wissen doch zugleich, wir halten sie nicht, im Gegenteil sie hält uns. Diese Erde schenkt uns das Wasser, ohne das wir nicht leben könnten, und die Luft, ohne die wir nicht atmen könnten, und die Früchte des Feldes und die Tiere an Land und im Meer. 


Überhaupt das Meer. Diese Installation macht deutlich, wie sehr die Oberfläche des Planeten von Wasser geprägt ist: 70,8 % der Erdoberfläche bestehen aus Wasser. Die blauen Flächen beherrschen den Erdball, sie sind außerdem alle miteinander verbunden, auch das ist mir so noch nie bewusst geworden. Die Meere gehen ineinander über. Dieser Planet ist wahrlich ein blaues Wunder! An vielen Stellen überzogen von weißen bizarren Wolkengebilden. Die Geschichte der Evolution besagt, dass alles Leben aus dem Wasser kommt. 


Auch die Autoren der Bibel wussten um die Bedeutung des Wassers. Noch ohne die naturwissenschaftlichen Kenntnisse der Moderne beschreiben sie im Schöpfungsmythos Genesis, wie Gott am 2. Schöpfungstag die Wasser bändigt. Am ersten Tag schuf er das Licht und sein Geist schwebte über den Wassern, der Urflut oder dem Urmeer, das offensichtlich schon da war, allerdings gefährlich und chaotisch. Am 2. Tag schuf Gott eine Feste und setzte diese zwischen die Wasser, heißt es dann in der Glaubensgeschichte von den Anfängen allen Lebens. Er schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. 


Die Menschen der Antike stellten sich die Erde als eine Scheibe vor. Darüber setzt Gott eine Feste, wir können auch sagen ein Firmament, einen Himmel, um so das Wasser über der Erde von dem Wasser unter der Erde zu trennen. Auf Abbildungen wird er wie eine Käseglocke dargestellt, ein Dach, an dem später die Himmelskörper befestigt werden. Durch dieses Firmament hindurch versorgt Gott die Erde mit Regen und Tau aus dem Himmel und mit den Wassern aus der Tiefe. Wasser gilt in der Bibel als Segensgabe Gottes.


Wie sehr Gott mit dem lebenspendenden Wasser verbunden ist, zeigt auch der Text des Propheten Jesaja, der in Gottes Namen schreibt: Höre Jakob, höre Israel: „Ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: Ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen“ (Jesaja: 44,3F). 


Am Pfingstmorgen, so lesen wir dann in der Apostelgeschichte, gießt Gott seinen Geist aus auf die Jünger Jesu. Uns fehlen die rechten Worte, um das Pfingstwunder zu beschrieben, denn die Assoziation, dass Gott zur Gießkanne greift, scheint mir ebenso sehr naiv wie die Vorstellung, dass der Geist in Strömen vom Himmel regnet. Auch die biblischen Autoren sind sich da nicht einig: mal heißt es, der Geist käme im Sturm und brausend, dann wieder säuselnd und leise, oder mit Strahlen und Feuerzungen wie auf unserem Altar, oder als Taube wie bei der Taufe Jesu im Jordan, oder als heilende und befreiende Kraft wie bei Jesu Heilungswundern. Gottes Geist ist nicht zu fassen, weder in Worten, noch mit Händen, aber seine Wirkung können wir erkennen und leibhaftig spüren. So war es auch am Pfingstmorgen: 


Die Jünger erwachen aus ihrer Lethargie, in der sie seit Jesu Himmelfahrt verharrten. Sie stehen auf, gehen hinaus auf die Straßen und predigen mitreißend und überwältigend in den Sprachen der Pilger und Touristen, so dass sie von allen verstanden wurden. Menschen aus aller Herren Länder werden von ihrer Begeisterung angesteckt und lassen sich taufen. Deswegen nennen wir Pfingsten den Geburtstag der Kirche, ein fröhliches Fest, ein Tauffest – und deswegen ist es besonders schön, dass wir heute Iselins Taufe feiern und sie mit lebendigem Wasser gesegnet wurde. Auch in der Taufe ist es das Wasser, das den Segen Gottes symbolisiert. Es erweckt zu einem neuen Leben im Geist und in der Liebe Gottes. 


Die Bedeutung des Wassers kann man sich für die Stämme und Völker des alten Israels nicht groß genug vorstellen, damals in der Wüste, wo jeder Tropfen Wasser kostbar war. Kämpfe um Brunnen und Quellen gehörten zu ihrem Alltag. In vielen Ländern des globalen Südens sind Wasserknappheit, Dürren und lange Trockenzeiten bis heute ein gewaltiges Existenzproblem. Hinzu kommen die Wasserverschmutzung, die Flutkatastrophen und der stetige Anstieg des Meeresspiegels. Darüber haben wir in der vergangenen Woche im Rahmen der Hamburg Sustainability Week eindrückliche Vorträge gehört. Wasser spendet Leben, aber zu viel davon bedroht Mensch und Natur, lässt Inseln im Pazifik untergehen und zerstört die Lebensgrundlagen vieler Völker. 


Ich habe gelernt: Wenn wir den menschengemachten Klimawandel nicht stoppen, wird menschliches Leben auf diesem Planeten eines fernen Tages unmöglich werden. Aber wir können ihn stoppen, wir können handeln, klimaschonender leben und innovativ agieren. Auch dazu ermutigen uns die vergangenen Tage. Und dazu ermutigt uns ein Pfingstfest wie dieses: „Komm heilger Geist, mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft“.


Dass wir dieses Pfingstfest 2025 unter Gaia, der Mutter Erde feiern, freut mich total und ist in meinen Augen zutiefst sinnbildlich: 


Im Wasser dieser Erde spiegelt sich die Schöpferkraft Gottes. Durch ihre Drehung kommt vieles in Bewegung, in unseren Köpfen und um uns herum. Wir wagen neue Wege, suchen mutig und innovativ nach Möglichkeiten, Gottes wunderbare Schöpfung zu bewahren. Er gibt uns die Kraft und den Segen, um loszulegen. Jede und jeder an dem Ort, für den sie/er verantwortlich ist. 


Gottes Geisteskraft ist wie ein Erwachen nach einer Zeit der Enttäuschung und Erschöpfung, der geistigen Dürre und Trockenzeit, in der Natur und - machen wir uns nichts vor - auch in der Kirche. Um angesichts der rückläufigen Mitgliedszahlen nicht zu verzagen, brauchen wir seine Inspiration. Gottes Geistkraft ist wie ein warmer Regen in der Wüste, wie eine sprudelnde Quelle oder ein weites Meer. Sie wirkt in uns und durch uns, lässt uns aufstehen, aufrecht gehen, einer guten, einer besseren Zukunft entgegen. Nicht jammernd und klagend, sondern „klug, mutig und schön“!


Und: Gottes Geistkraft hält uns Christenmenschen wie eine Familie zusammen, schenkt Gemeinschaft untereinander, in der Kirche, in der Nachbarschaft - oder wie man so schön sagt in der community - und im Privaten: Gottes Geistkraft stiftet die Liebe der Verliebten, der jungen wie der alten, weckt die Liebe der Eltern zu ihren Kindern und der Kinder zu ihren Eltern und Großeltern. Sein Geist macht uns zu Liebenden und lässt diese Liebe wachsen, indem wir sie weitergeben. 


An Iselin und Jesper, Carolin, Katharina, Andreas, Haruka, Vadim, Martin, Horst und Stefan und an alle, die Gottes Kinder sind und heute den Geburtstag seiner Kirche feiern.


Erzählt euren Freunden von diesem blauen Wunder über dem der Geist Gottes schwebt und ladet sie alle ein, in den kommenden sechs Wochen in St. Katharinen vorbeizukommen und unter Gaia mit uns über die Zukunft dieser Erde nachzudenken. Mein früherer Kollege Johann Claussen schreibt dazu in seiner aktuellen Kolumne, und damit möchte ich schließen: 


„ …diese Idee und ihre Präsentation in dieser Kirche machen einen auf eine nachdenkliche Weise glücklich. Das gelingt nicht jedem Kunstwerk. Es hilft sehr, einmal das vor sich zu sehen, worauf man zeit seines Lebens mit den Füßen steht und geht. Dafür muss man nicht wie ein verantwortungsloser Tech-Oligarch mit eigener Rakete ins All fliegen. Es genügt, in die Kirche zu gehen.“
Amen.
 


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