Predigt vom 6. Juli 2025 – Gottesdienst am 3. Sonntag nach Trinitatis

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

Zum Start der 6. Gaia-Woche mit dem Titel: „Zukunft? Machen wir!“


 

Liebe Gemeinde,

 

wenn man den Klima- und Artenforschern zuhört, und das tun wir in diesen Wochen mit großem Interesse und hoher Aufmerksamkeit, dann könnte man zu dem Schluss kommen: Es dauert nicht mehr allzu lange, dann steigen die Temperaturen so stark an, dass Menschen auf der Erde nicht mehr leben können. Dann sterben auch die letzten Vögel, Würmer, Schnecken und Insekten und unser Ökosystem bricht zusammen. Dann werden wir die Schöpfung Gottes vernichtet haben. Die heutigen Klimaforscher sind sich in ihren Erkenntnissen und Prognosen weitgehend einig. Sie können zudem darauf verweisen, dass zwischenzeitlich all das eingetreten ist, was ihre Vorgänger z.B. im Club of Rome in den 70ger Jahren vorhergesehen und - berechnet haben. „Mit der Physik kann man nicht verhandeln“, sagen sie.

 

Man könnte auf den Gedanken kommen, der Mensch ist ziemlich ignorant, dass er all diese wissenschaftlichen Forschungen so wenig beachtet. Und der Mensch handelt reichlich egozentrisch, als sei die Erde nur für ihn geschaffen. Als hätte er - als „Krone der Schöpfung“ - das Recht, sie sich für den eigenen Genuss und Machterhalt untertan zu machen. Was nach ihm kommt, was er nachfolgenden Generationen überlässt, das scheint ihm recht egal zu sein. „Nach mir die Sintflut“ sagt man dann in Anlehnung an die Bibel.

 

Man könnte angesichts dieser Diagnose ziemlich pessimistisch werden, oder auch zynisch, liebe Gemeinde.


Aber! Das überraschende und ermutigende der Abendgespräche mit Wissenschaftlern, Autorinnen, Fachjournalisten und Klimaaktivistinnen war die Erkenntnis: Soweit muss es nicht kommen! Wir können den Klimawandel stoppen. Für viele Umwelt- und Naturprobleme gibt es Lösungen: Schutzgebiete im Wasser und an Land, Renaturierung bebauter oder bewirtschafteter Flächen, Ausweitung der Moore und Wälder, Reduktion des Energieverbrauchs, Recyceln, CO2 einfangen etc. Wir haben unendlich viele Möglichkeiten, anders zu handeln! Als Wirtschaftsmacht, als Gesellschaft und als Einzelpersonen!


Fast alle Referentinnen und Referenten, die wir hier unter der Weltkugel trafen, wurden irgendwann im Verlauf des Gesprächs gefragt, woher sie ihre Kraft und ihren Mut nehmen? Sie sind oft schon jahrelang für den Klimaschutz aktiv und noch immer begegnen ihnen Menschen, die den Klimawandel leugnen (nicht nur in den USA), Unternehmen, die die Energiewende bremsen, Politiker, die andere Prioritäten setzen. Was macht dir Hoffnung und woher kommt deine Zuversicht, dass sich zukünftig etwas ändert, wurden sie gefragt. Und die Antwort: Hoffnung kommt auf, wenn wir etwas machen, gemeinsam, mit anderen, wenn wir konkret ins Handeln kommen, in der Familie, in der Nachbarschaft, in der Kirche.

 

„Zukunft? Machen wir!“ So haben wir die kommende Ausstellungswoche von Gaia überschrieben und legen den Focus auf uns selbst, auf den Menschen, und fragen: Was macht der Mensch mit dieser Erde? Was ist sein Auftrag, was ist seine Verantwortung? Ist er der Herrscher über die Natur oder nicht vielmehr selbst nur ein Teil derselben und von ihr abhängig?

 

Die Schöpfungsgeschichte der Bibel gibt darauf eine Antwort. In der sechsten Ausstellungswoche schauen wir auf das, was Gott gemäß der biblischen Erzählung am sechsten Tag erschaffen hat: Die Tiere und den Menschen. Hören wir nochmal die Worte, durch die er den Menschen ins Leben ruft:

 

„Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. 27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ (Gen 1, 26–28)

 

Diese Verse hat man in der Vergangenheit umfassend missverstanden! Als sollte der Mensch die Erde nicht nur füllen, sondern überfüllen, überbevölkern, beherrschen und sich untertan machen, also einverleiben. Gemeint ist eher das, was der 2. Schöpfungsbericht so beschreibt: Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. Das war und ist der Auftrag, den Gott seinen Geschöpfen gibt: die Erde bebauen und bewahren, verantwortungsvoll mit den Mitgeschöpfen und der Natur umgehen, nachhaltig handeln. Ist der doch Gottes Ebenbild.

 

Auch dieser Begriff wurde in der Theologie lange Zeit so gedeutet, als würde sich aus der Gottebenbildlichkeit des Menschen ein Herrschafts- und Allmachtsanspruch ergeben.


Aber so ist es nicht gemeint: Wir sind nicht allmächtig, das ist allein Gott, der Schöpfer. Jedoch sind wir als Bild Gottes diejenigen, die seinen Willen auf Erden repräsentieren. Wir werden zusammen mit den Tieren in die Welt gerufen, was bedeutet: Wir sind aneinander gewiesen, leben neben- und miteinander auf diesem Planeten Erde, und in weiten Teilen auch voneinander. Die Natur ist unser aller Lebensraum, für den wir mitverantwortlich sind.

 

Ich möchte noch einen weiteren Gedanken hinzufügen, der oft übersehen wird. Diese Schöpfungserzählung ist ja ein Glaubenszeugnis und symbolisch zu verstehen. Die biblischen Autoren wollen damit sagen, dass die Erde kein reines Zufallsprodukt kosmischer, physikalischer und biologischer Prozesse ist, sondern sich einem göttlichen Willen verdankt. Gott wollte ein Gegenüber: „Lasst uns Menschen machen, ein Bild das uns gleich sei“. Er wollte nicht für sich sein in seiner himmlischen Ewigkeit, sondern in Beziehung, in den Dialog treten. Er wollte einen Menschen, mit dem er reden kann, für den er sorgen kann, den er lieben kann.

 

Wir sind sein Ebenbild, weil wir all das auch können: miteinander reden, füreinander sorgen und einander lieben. Wie unbedingt und unermesslich diese göttliche Liebe ist, beschreibt Jesus in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, dem Evangeliumstext dieses Sonntags. Der hat sein Erbe verprasst und kehrt nun reumütig zu seinem Vater zurück. Anders als erwartet, erfährt der heimkehrende Sohn keine Strafe, keine Ablehnung, sondern große Freude, unbändige Liebe und ein herzliches Willkommen. Ein Fest wird ihm zu Ehren gefeiert! Das ärgert den älteren Sohn, der das Verhalten seines Vaters zutiefst ungerecht findet. Aber dieser weist ihn zurecht mit den Worten: Du warst die ganze Zeit bei mir und alles, was mir gehört, gehört auch dir! Mehr geht nicht – Du hast es sehr gutgehabt. Dieser dein Bruder aber hatte sich verloren und wir hatten ihn verloren. Nun ist er wiedergefunden. Er hat uns wiedergefunden und sich selbst. Welch eine Freude!

 

Dieses Gleichnis symbolisiert die unendlich tiefe Liebe Gottes zu den Menschen. Sie ist der Grund seines schöpferischen Tuns an jedem einzelnen Tag, der da war und der da kommt. Gott will einen Menschen, mit dem er reden kann, für den er sorgen kann, den er lieben kann! Wie diesen verlorenen Sohn, wie alle, die im Lauf des Lebens ihr Ziel aus den Augen verlieren und angewiesen sind auf die Liebe und Solidarität anderer.

 

Wenn die Liebe das Wesen Gottes ausmacht, sind wir sein Ebenbild sofern wir diese Liebe achten, weitergeben, teilen und verschenken, wo immer wir können. Nicht als Herrschende, sondern als Liebende werden wir die, die wir sein können. Nicht als Zerstörende, sondern als Hütende werden wir Gottes Schöpfung gerecht. Nicht als Hoffnungslose und Zynische werden wir mit der Klimakrise fertig, sondern als von Gott geliebte und gesegnete Menschen. Angesichts dieses wunderschönen Planeten erkennen wir, welche Verantwortung Gott uns übertragen hat: nämlich seine Schöpfung zu bebauen und zu bewahren.

 

Denn, um am Ende noch mal einen Klimaforscher zu zitieren: „es ist nie zu spät, noch schlimmeres zu verhindern“

 

Also: „Zukunft? Machen wir!“ Zusammen, gemeinsam, und mit Gottes Hilfe. Amen.
 


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