Predigt vom 24. August 2025 – Israelsonntag

Pastor em. Sebastian Borck

„Liebe deinen Nächsten – er ist wie du“ (Markus 12, 28–34)


 

Begrüßung und Hinführung zum Gottesdienst

 

Gott spricht:
Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen,
das Verwundete verbinden und das Schwache stärken.

 

Mit diesem Wort aus dem Propheten Hesekiel seien Sie herzlich begrüßt zum Gottesdienst-Feiern in St. Katharinen! Gottesdienst am 10. Sonntag nach Trinitatis, dem sog. Israelsonntag. Die Verbundenheit mit Israel, die bleibende Verbindung zwischen Christen und Juden ist das grundlegende Thema.

 

Aber wie sollen wir diesen Gottesdienst feiern angesichts dessen, was am 7. Oktober 2023 über Israel hereingebrochen ist und was seitdem in Gaza angerichtet wird? Wir haben die schrecklichen Bilder alle vor Augen. Und wie eine menschliche Zukunft überhaupt aussehen kann, dafür gibt es kein Bild – daher muss auch auf dem Gottesdienstzettel, wo sonst immer ein Bild ist, diesmal eine Leerstelle bleiben.

 

Gottesdienst angesichts von solchen Schrecken und Ausweglosigkeiten – wie kann das gehen? Für uns hier, für uns Christen in Deutschland, kommt dabei so vieles zusammen: die Grundlagen des Glaubens, die bleibende Erwählung Israels und die Besonderheit Jesu, der Kampf um die Bleibe Israels durch Jahrhunderte hindurch und die systematische Vernichtung der Juden durch Nazi-Deutschland, die mühsame Abkehr vom christlich geprägten Antijudaismus, der Aufbau eines neuen Verhältnisses zu Israel und die ungelösten Fragen der Palästinenser. Und dann die gegenwärtigen Konflikte: die Retraumatisierung der Juden durch den Überfall der Hamas mit 1200 Toten und 250 Entführten, zum Teil bis heute, und die maßlose Zerstörung Gazas, zu mehr als 80%, mit über 50.000 Toten.

 

Wer wollte davor nicht am liebsten die Augen verschließen? Aber das können wir nicht, weil wir Deutsche auf verschiedene Weise Beteiligte sind und auch weil die Grundlagen unseres Glaubens aus den Quellen Israels kommen.

 

Der Herausforderung dieses Israelsonntags nicht ausweichen, sondern sich ihr stellen – dazu lade ich Sie ein. Es wird ein anspruchsvoller Weg werden. Ich hoffe, die Bibel, das Evangelium von heute, in dem Erstes und Zweites Testament verbunden sind, wird uns dabei helfen.

 

Wir wollen den Gottesdienst nicht überfrachten. Darum verzichten wir heute auf das Abendmahl. Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes ist genug. Er ist es, der spricht: Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen, das Verwundete verbinden und das Schwache stärken.

 

 

Predigt

 

Das Evangelium für den Sonntag heute, liebe Gemeinde, ist die Grundlage seit alters her und zugleich der Schlüssel zum Verstehen heute. Dem wollen wir nachgehen durch die Geschichte hindurch und bis in die aktuelle Zeit hinein, in zehn Schritten.

 

1.
Für Juden wie für Christen ist es die Zusammenfassung. Das Schema Israel: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft. Und damit verbunden: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

 

Selbstverständlich hat der Jude Jesus, als er nach dem höchsten Gebot gefragt wurde, sich dazu bekannt, zum Doppelgebot der Liebe (aus 5.Mose 6,4f und 3.Mose 19,18). Selbstverständlich ist es christliche Glaubensgrundlage, auch wenn sich das Christentum um der Bedeutung Jesu Christi willen schrittweise aus dem Judentum heraus zu einer eigenständigen Kraft entwickelt hat. Gegen alle Abkehr aber von den jüdischen Ursprüngen, von den Glaubensgeschichten, den Psalmen, den Propheten (wir haben einiges gehört), gegen alle Abkehr geht Paulus im Brief an die Gemeinde in Rom energisch an: Nicht du trägst die Wurzel – schärft er uns Christen ein – die Wurzel trägt dich. Machen wir uns das klar: Ohne diese gemeinsame Grundlage wären wir heute nicht hier! Das ist das Erste. Das Zweite:

 

2.
Nach dem Holocaust und u.a. der antijudaistischen Vorbereitung, dem Versuch der Deutschen Christen, das Alte Testament auszumerzen, haben Christen die Haltung der Überlegenheit des Christentums gegenüber dem Judentum nur schwer überwinden können, die tief verwurzelte Gegenüberstellung hie das Evangelium voller Liebe – da das Alte Testament voller Gesetzlichkeit, hie der demütig Glaubende – da der selbstgerechte Pharisäer. Wer von uns wäre nicht damit aufgewachsen? Aber die Vorstellung einer Enterbung Israels durch die Kirche als angeblich nun eigentlicher Trägerin der Verheißung, ist falsch. Das zeigt auch unser Predigttext, die Bestätigung dessen, was seit alters gilt, durch Jesus selbst. Zukunft und Hoffnung haben Christen und Juden bei aller Unterschiedlichkeit nur gemeinsam. Solidarität zwischen Christen und Juden bleibt nach wie vor eine Lern-Aufgabe.

 

3.
Martin Buber, der so viel über Begegnungen und das Du und das Ich nachgedacht hat, hat die deutsche Übersetzung des Doppelgebots der Liebe mit einer besonderen Pointe versehen. Dem Urtext genauer folgend hat er herausbekommen, dass es am Ende gar nicht darum geht, wie man den Nächsten liebt, sondern als wer der Nächste näher charakterisiert wird. Es geht nicht um das Lieben wie sich selbst, sondern darum sie dem Nächsten zu erweisen, der wie man selbst ist. Liebe deinen Nächsten – er ist wie du. So lautet Bubers Übersetzung. Das hat etwas Entwaffnendes. Der womöglich zum Fremden Stilisierte wird entfeindet, kommt auf den Boden und ist wie ich.


Das doppelte Liebesgebot und die christliche Spitze der Feindesliebe haben eben sehr viel miteinander zu tun. In der Bergpredigt zeigt Jesus, wie radikal es mit dem Glauben und der Nächstenliebe gemeint ist.

 

4.
Liebe deinen Nächsten – er ist wie du. All das hat nicht verhindert, dass in Deutschland gegenüber Juden, gerade auch durch Christen, das Gegenteil unternommen worden ist, von langer Hand vorbereitet, hinterhältig, nach und nach alle sozialen Beziehungen zerstörend, systematisch bis ins Letzte, mit mörderischer Ungeheuerlichkeit. Deutschland ist über Jahre eine zunehmend völkermörderische Gesellschaft gewesen. Es war ja nicht so: die Nazis haben’s gemacht, und niemand hat’s gewusst.

 

Einige sind entkommen. Aber viele sind auch herumgeirrt, verzweifelt nach einem Unterschlupf suchend, immer wieder der Todesmaschinerie ausgeliefert. Einige haben auch das Wagnis auf sich genommen und Menschen versteckt, unter Todesgefahr die Menschlichkeit bewahrt. Liebe deinen Nächsten – er ist wie du.

 

5.
Wie nach all dem, was war, nach dem Krieg und nach dem Holocaust in seiner einzigartigen Monstrosität und Systematik, wie zum Leben und ins Miteinander zurückfinden?

 

Die Vereinten Nationen waren eine Form, die Deklaration der Menschenrechte, das Recht auf politisches Asyl, die Schaffung des Staates Israel – alles Versuche, das Recht auf Leben zu schützen. Liebe deinen Nächsten – er ist wie du.

 

6.
Wir wissen, wie wenig das in Israel und Palästina gelungen ist. Juden sollten in Sicherheit leben können. Aber die Schaffung des Staates Israel und der Angriff umliegender Staaten und die Vertreibung der Palästinenser bildeten von Anfang an eine unheilvolle Einheit. Niemand weiß derzeit, wie eine wirkliche Lösung aussehen könnte.

 

Der Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 ist die schwerste Erschütterung, die Israel seit dem Holocaust erfahren hat. Das Massaker war und ist Auslöser einer anhaltenden existentiellen Bedrohung sondersgleichen, einer Retraumatisierung mit allen Gefühlen, bedroht, ausgeliefert und allein zu sein, wie seinerzeit. Israel hat versucht, die Hamas zu bekämpfen und die Geiseln aufzuspüren. Bis heute ist Israel in jeder Geisel mit dem Vernichtungswillen der Hamas konfrontiert. Das treibt die Militärpolitik der israelischen Regierung noch weiter voran. Vernichtung steht gegen Vernichtung. Terroristen entgegenzutreten, ohne neue zu produzieren – wie soll das gehen?

 

All das hat weltweit den Antisemitismus anwachsen lassen. Statt nach Unrecht auf beiden Seiten zu fragen, fühlt Israel sich einseitig schuldig gemacht.

 

7.
„Gleichzeitig zerbrach die Illusion,“ so lese ich in einem Interview mit Yuli Novak, der Leiterin einer israelischen Menschenrechtsorganisation, „dass wir unser vergleichsweise sicheres Leben leben können, während Millionen Palästinenser in Gaza und dem Westjordanland unter extremen Bedingungen … leben; dass wir nichts mit ihnen zu tun haben. Das ist (jetzt) vorbei.“

 

Ob ‚Apartheid‘ das richtige Wort für das Verhältnis ist, weiß ich nicht. Im Weltkirchenrat wird darüber gestritten. Doch so zu tun – wie das oft geschieht – als wären unsere Nächsten, die Anderen, die Schwierigen, die Obdachlosen oder in Israel Palästinenserinnen und Palästinenser gar nicht da, ist in Wahrheit keine Option. In ihnen etwas wiedererkennen, wie du und ich, darum muss es gehen. Letztlich ohne Alternative. Kleine Gruppen in Israel wissen und leben das.

 

Yuli Novak beschreibt die inzwischen erfolgte Zerstörung von 80 Prozent aller Gebäude im Gazastreifen, von Krankenhäusern, Schulen, Moscheen, eine Politik des Aushungerns. Und dann wörtlich: „Es … umfasst alle Bereiche palästinensischen Lebens. Es gibt keine soziale Struktur mehr, keine internationalen Organisationen, die die Gesellschaft zusammenhalten könnten. Palästinensisches Leben als solches soll hier unmöglich gemacht, die Zukunft der Menschen ausgelöscht werden. Man muss kein Jurist sein, um zu begreifen, was in Gaza geschieht: dass hier eine Vorstellung von Menschlichkeit zerstört wird, das Prinzip, dass Menschen ein Recht auf Leben und Schutz haben.“

 

8.
Weiter sagt sie: „Ich bin Enkelin von Holocaust-Überlebenden … Ich bin aufgewachsen mit den Bildern vom Mord an den europäischen Juden … Wahrscheinlich weiß kein Volk so gut über Völkermord Bescheid wie wir.“ Und dann stellt sie die sehr deutsche Frage, „unter welchen Umständen eine Gesellschaft völkermörderisch wird“. Und nach einigen Differenzierungen fasst sie zusammen: „Die bittere Realität ist: Die Nachfahren derer, die den geradezu paradigmatischen Genozid durch Deutschland erlitten haben, begehen nun selbst einen.“ Mit allem, was gerade in diesen Tagen im Gazastreifen, was im Westjordanland geschieht, fürchtet sie: „Das Schlimmste liegt noch vor uns.“

 

Diese Klarheit aus Israel selbst, zu lesen Anfang dieser Woche in der Süddeutschen Zeitung, hat mich erschrocken gemacht. Um das Wort ‚Genozid‘ will ich jetzt nicht rechten. Ich weiß: es gibt verschiedene Haltungen dazu, selbst zu Israels militärischem Vorgehen. Bemerkenswert ist, dass 17 arabische Staaten die Entwaffnung der Hamas und die Freilassung der Verschleppten fordern, um den Krieg zu beenden.

 

Aber der Frage, was da eigentlich geschieht, nach den sozialen Mechanismen und wie eine Gesellschaft genozidale Züge annimmt, der müssen wir nachgehen. Weil sie Deutsche und Israelis verbindet. In Deutschland sind Deutsche und auch Christen dieser Frage nach dem eigenen Beitrag, nach der Vorbereitung des Holocaust nach 1945 lange ausgewichen. Wie sehr es breite gesellschaftliche Kreise in Deutschland, auch christlich-diakonisch führende, waren, die über Jahrzehnte die Ausgrenzung geschürt haben, bis am Ende auf dieser schiefen Ebene kein Halten mehr war, das habe ich in Alsterdorf bei der Arbeit an dem Lern- und Gedenkort für die 630 aus Alsterdorf abtransportierten Menschen mit Behinderungen gelernt. Der Holocaust ist lange vorbereitet worden. Und auch was jetzt im Gazastreifen geschieht – es ist mit damals nicht zu vergleichen – das ständige Herumscheuchen von Menschen, die nicht ausweichen können, hat seine jahrzehntelangen Vorstufen in Israel in der Verachtung und Herabsetzung der Palästinenser. All das ist auch ein zweiseitiges Geschehen, ein Wechselspiel mit negativer Rückkopplung und unheilvoller Verstärkung.

 

9.
Bei allem aber ist klar: Liebe deinen Nächsten – er ist wie du. Nur das kann die Orientierung sein.

 

Wo diese Perspektive verlassen und aufgegeben wird, haben Menschen keine Zukunft mehr. Darum ist es so gefährlich und letztlich selbstmörderisch, wenn eine Gesellschaft erstmal anfängt, sich gegen Andere zu definieren und sie systematisch auszugrenzen und sie dann auch so zu behandeln. Das kennen wir hierzulande gegenwärtig leider auch. Schließlich

 

10.
Was mitten in der kriegerischen Situation völlig unvorstellbar ist: dass der Andere ist wie ich, das muss dann von kleinen Gruppen zuerst, in mühevollen Schritten, mit Rückschlägen, aber mit langem Atem gesellschaftlich erst wieder gelernt werden: Begegne deinen Nächsten mit Respekt – sie sind wie du.

 

„Feinde können sich versöhnen, Menschen sich ändern“, sagt Meir Azari, Oberrabbiner in Tel Aviv. Aber es braucht Voraussetzungen dazu:

 

Israel braucht Sicherheit, ein Ende der existenziellen Bedrohung. Die Palästinenser brauchen eine sichere Bleibe, ein Ende terroristischer Instrumentalisierung. Israel braucht einen reformierten lebensfähigen palästinensischen Staat. Die Palästinenser brauchen in Israel eine demokratische nicht extreme Regierung. Ohne internationale, weltweite, amerikanische, arabische, europäische Unterstützung und Solidarität wird es nicht gehen. Es gilt, zwischen den traumatisierten Völkern ein Mindestmaß an Vertrauen zu entwickeln. Was sonst sollte unsere Hoffnung sein?

 

– Soweit mein Versuch des Nachdenkens in 10 Schritten.

 

Am Ende bleibt es beim Doppelgebot der Liebe. Es ist die Grundlage und der Schlüssel zur Zukunft, nicht nur in Israel und Palästina. Nehmen wir es als Gebet:


Höre, Israel, höre, Christenvolk,
der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,
ihn, deinen Gott, liebe von ganzem Herzen, von ganzer Seele,
von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft.
Und liebe deinen Nächsten – er ist wie du.

 

Amen.

 


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