Predigt vom 3. August 2025 – Gottesdienst am 7. Sonntag nach Trinitatis

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

Lesungen und Predigt zum „Rendevous der Träume“ anlässlich der Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle


 

Von Träumen in Romantik und Surrealismus

 

Mit RENDEZVOUS DER TRÄUME präsentiert die Hamburger Kunsthalle eine umfassende Ausstellung zum internationalen Surrealismus anlässlich des 100. Jubiläums der Gründung dieser Bewegung. Bedeutenden Werken von Malern wie Max Ernst, Meret Oppenheim, René Magritte, Salvator Dali und Paul Klee werden Meisterwerke der Romantik gegenübergestellt, z.B. von Caspar David Friedrich und Philipp Otto Runge, und der Betrachter staunt über die Geistesverwandtschaften beider Richtungen.

 

Denn Leitthemen wie die Faszination der deutschen romantischen Künstler*innen und Dichter*innen für den Traum – als ein Sehen höherer Art begriffen – die Einbildungskraft, die Nacht, ein besonderes Naturgefühl gehörten zu den Inspirationsquellen, die sich der Surrealismus ein Jahrhundert später zu eigen machte. Auch von der romantischen Dichtung ließen sich die Surrealisten inspirieren.

 

Dies erstaunlicherweise besonders in den Jahren des Krieges, in Widerstand und Exil. Der Surrealismus knüpfte an die Romantik als Reaktion gegen die »Entzauberung der Welt« an und spiegelte ihre revolutionäre Dimension; Ziel beider Bewegungen war ein Lebensgefühl, die Infragestellung einer scheinbar gegebenen Realität und ihrer Grenzen (vgl. Auststellungskatalog)


Das innere Sehen

 

„Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann fördere zu Tage, was du im dunklen gesehen, daß es zurück wirke von außen nach innen.“ Caspar David Friedrich 1829–31

 

Den Künstler*innen der Romantik sowie des Surrealismus ging es in Wort und Bild darum, eine neue innere Form des Sehens zu entwickeln.

 

Die Romantiker*innen suchten Empfindungen und „Sehnstücke“ poetisch auszuloten. Dabei war für Novalis der Sinn für das Poetische an die Mystik gekoppelt. Dichtenden bescheinigte er einen „Sehersinn“, sie könnten das Geheimnisvolle in ihrem inneren entdecken und in die Welt tragen.

 

Magisches Denken, Poesie als verwandelnder Prozess und das besondere Verhältnis von nach innen gerichtetem Blick und äußerer Wirklichkeit sind auch den Surrealist*innen zu eigen. Sie suchen die Welt aus dem Unbewussten zu erschließen. André Bretons Credo „Das Auge lebt im Urzustand“ verweist darauf, dass nur ein unzensiertes, von der Vorstellungskraft gelenktes Sehen, die vollständige Realität erfasst. Durch diesen neuen Blick auf die Welt, fühlen sich die Surrealist*innen befähigt, diese zu verändern, sie in gemeinschaftlicher Kreativität zu revolutionieren.

 

Dabei führt auch ach das innere Sehen dazu, dass das Alltägliche als ungewöhnlich wahrgenommen werden kann. (Testtafel in der Ausstellung zum Kapitel „Träume“)

 

Biblische Lesung: Jakobs Traum von der Himmelsleiter, Genesis 28, 10-22

 

Predigt: Rendevous der Träume: Von Engeln und Ungeheuern  

 

„Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann fördere zu Tage, was du im dunklen gesehen, daß es zurück wirke von außen nach innen.“ Caspar David Friedrich 1829–31

 

Liebe Gemeinde,

 

dieses Zitat von Caspar David Friedrich lese ich wie eine Anregung, den eigenen inneren Wahrnehmungen zu trauen, in sich hinein zu sehen und zu hören, den inneren Menschen zu finden. Das sog. „innere Sehen“ führt in die Tiefen der Seele, zu den verschütteten Sehnsüchten und Wünschen, oder auch Ängsten und Konflikten.

 

Wenn ich die Augen schließe z.B. zu Klängen schöner Musik, dann beginne ich oft zu träumen, dann malen meine Gedanken innere Bilder, von stillen oder stürmischen Gewässern, von Bergen und Tälern, von Wiesen und Wolken. Solche Träumereien bei geschlossenen Augen entspannen, erbauen und weiten die Seele – vielleicht probieren wir es einmal und schließen unsere Augen und schauen nach innen …

 

Haruka Kinoshita spielt Musik zum Träumen …

 

In Tagträumen hängen wir so unseren Wünschen und Visionen nach, lösen uns von der Realität, heben ab und lassen die alltägliche Wirklichkeit hinter uns. Wir träumen von einer heilen, einer besseren Welt, frei nach Martin Luther King: „Ich hatte einen Traum …aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen …“. Wir träumen vom Frieden zwischen Völkern, von Menschen, die wir lieben, von einem besseren Morgen, einem Paradies im Himmel und auf Erden.

 

Im Traum ist alles möglich. In Träumen können wir fliegen, einfach so mit ausgestreckten Armen. In Träumen können wir übers Wasser gehen, Länder bereisen, die es auf Landkarten gar nicht gibt. In unseren Träumen werden uns Dinge gezeigt, die wir im wachen Zustand nicht erkennen. Weite Räume, die eben noch verborgen waren, öffnen sich. In Träumen begegnen wir Menschen, die längst gestorben sind. In Träumen begegnen wir Gott.

 

In der Bibel wird der Traum als eine wesentliche Form der Gotteserfahrung beschrieben. Die Träumenden hören Gottes Stimme, oft in Gestalt von Engeln, die ihnen die Zukunft ansagen oder sie zu bestimmten Taten auffordern. Durch einen Traum wird Josef eröffnet, dass seine Verlobte Maria ein Kind gebären wird. Auf dieselbe Weise wird er später vor Herodes gewarnt und flieht mit Maria und dem kleinen Jesus nach Ägypten. Ach, unzählige Träume ranken sich um das Leben der Israeliten in Ägypten. Der Urahne Joseph erwirbt das Vertrauen des ägyptischen Pharaos, weil er dessen Träume zu deuten versteht. So kann er später seine Brüder vor der Hungersnot retten. Und seinem Vater Jakob wird im Traum von der Himmelsleiter eine segensreiche Zukunft vorhergesagt.

 

Aber, es gibt auch die anderen Traumarten, apokalyptische Visionen, Albträume von Ungeheuern und Drachenwesen, die eine düstere Zukunft vorhersagen und Ausdruck tiefer Verzweiflung und Verunsicherung sind.

 

An solche Albträume musste ich bei dem Bild des surrelistischen Malers Max Ernst denken, dem eindrucksvollen Titelbild zur derzeitigen Ausstellung. Es ist vorn auf Ihren Gottesdienstblättern abgedruckt.

 

Was sehen wir?

 

Ein gewaltiges Ungeheuer, ein Vogel-Drachen-Wesen mit einem weiß gefederten Kopf, gefletschten spitzen Zähnen und Händen, die wie ausgefahrene Krallen wirken. Mit menschenähnlichen Beinen, der Fuß links unten knapp über der Erde, der andere erhoben mit Nägeln oder Stacheln an seiner Unterseite, bereit zum Niedertrampeln. Das Tier trägt einen dunklen, bräunlichen Anzug mit einem roten Tuch und schwebt über einer grünen Hochebene. Es will zupacken oder zuschlagen.

 

Ein kleines grünes Wesen, ebenfalls mit krallenartigen Endgliedern ausgestattet, scheint ihn aufhalten zu wollen und zerrt an seinem Arm. Es ist Max Ernst‘ „Alter Ego“. Aber die Größenverhältnisse sind eindeutig, es wird nichts ausrichten können gegen die Macht der Gewalt, die dieser hässliche Drache verströmt.

 

Ein faszinierendes Bild, abstoßend und packend zugleich, man bleibt davorstehen und staunt. Dann schaut man auf den Titel und reibt sich ungläubig die Augen: „Der Hausengel“, steht darunter. So hat Max Ernst dieses Ungetier betitelt. Der Hausengel. Dazu schreibt er selbst:

 

„Das ist natürlich ein ironischer Titel für eine Art Trampeltier, das alles, was ihm in den Weg kommt, zerstört und vernichtet. Das war mein damaliger Eindruck von dem, was in der Welt wohl vor sich gehen würde, und ich habe damit recht gehabt.“

 

Das Gemälde entstand 1937 unter dem Eindruck des Spanischen Bürgerkriegs. Die spanische Stadt Gernika war am 26. April 37 von einer deutschen Legion zu einem großen Teil zerstört worden. Pablo Picasso malte anlässlich des Geschehens sein Antikriegsbild: Guernica.
Max Ernst zeigt hier, dass zum Traum auch immer der Albtraum gehört und dass beide visionär sein können. Hier sah Ernst voraus, was in Deutschland passieren würde. Es ist eine hochpolitische Deutung seiner Zeit: Das wütende Trampeltier spiegelt die Gewalt und die Zerstörung wider, die Krieg und Terror unter uns Menschen verbreiten. Zugleich will es die gegebene Realität und ihre Grenzen infrage stellen und künstlerisch zu Neuem aufbrechen.

 

Ich vermute, liebe Gemeinde, auch in ihren nächtlichen Alpträumen gibt es Ungeheuer, tierische Unwesen oder Gestalten, die sie verfolgen oder bedrohen. Da wacht man schon mal schweißgebadet auf und fragt sich: Was war das denn? Und kaum ist man wach, ist das Bild auch schon wieder verschwunden, zurück bleibt nur ein mulmiges Gefühl - oder aber tiefe Dankbarkeit, dass man ja nur geträumt hat.

 

Die Faszination von Träumen ist unbestreitbar, und die Psychologie oder die Psychoanalyse haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Sprache der Träume als Sprache des Unbewussten zu deuten. In Träumen verarbeiten wir Erlebnisse, Wünsche oder Ängste, und erkennen Dinge, die wir am lichten Tag übersehen. Manchmal werden uns in unseren Träumen Wahrheiten offenbart, für die wir sonst nicht empfänglich wären.

 

So geschieht es in der Erzählung von Jakob und der Himmelsleiter.

 

Jakob ist auf der Flucht vor seinem Bruder Esau. Den hatte er nämlich kurz zuvor um den Segen des Erstgeborenen betrogen. So hatte der erblindete Vater Isaak Jakob gesegnet, und nicht Esau, dem dieser väterliche Segen eigentlich zustand. Als es Nacht wird auf seiner Flucht, sucht sich Jakob eine Stätte, an der er ausruhen kann und legt sich schlafen. Im Traum erscheint ihm eine Leiter, die von der Erde mit der Spitze bis in den Himmel reicht, und daran steigen Engel herab und wieder hinauf. Ein wunderbares Traumbild, oft gemalt, von Kindern und von Künstlern. Zugleich hört Jakob aus dem Himmel die Stimme Gottes. Gott gibt sich zu erkennen als der Gott seines Großvaters Abraham und seines Vaters Isaak und kündigt ihm und seinen Nachkommen eine segensreiche Zukunft an. Gott will Jakob trotz seines Betrugs an Esau auf seinem Weg in die Ferne behüten und bewahren, ihn nicht mehr verlassen, bis er wieder hierher zurückkehrt, um an diesem Ort und in diesem Land mit seinem Volk sicher zu leben. Als Jakob erwacht, errichtet er ein Stein-Mal zu Ehren Gottes und nennt den heiligen Ort Bethel, das bedeutet Haus Gottes.

 

Zwei Gedanken möchte ich an dieses biblische Traumbild anknüpfen, liebe Gemeinde. Der Eine speist sich aus der Realität, die wir heute in diesem sog. Heiligen Land und bei seinen Nachbarn erleben: Die Menschen im Nahen Osten leiden bitterlich unter Krieg, Terror und Gewalt. Menschen in Gaza verhungern, Kinder sterben an den Folgen der Unterernährung – und die Welt schaut zu. Die israelische Regierung missachtet das Völkerrecht, zertrampelt Menschlichkeit und das Recht eines jeden Menschen auf ein Leben in Frieden und in Freiheit. Das Bild des Hausengels ist so real! Er darf nicht weiter wüten, die Geiseln müssen frei kommen, der Krieg muss aufhören!

 

Und ein zweites: Ich gebe diese dringende Bitte um Frieden, um Versöhnung, um Freiheit auch den Engeln auf meiner inneren Himmelsleiter mit, damit sie meine Gebete zu Gott bringen. Damit er seine Segenszusage wahr macht, die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs zu bewahren, und dazu gehören Juden und Muslime, Christen und Aleviten, Menschen aller Religionen. Unser Gott ist ein Gott aller Menschen auf Erden. Er hat uns diese Erde und dieses Leben geschenkt, nicht um es zu zerstören, sondern zu bewahren. Er sendet uns seine guten Boten, dass sie uns vor Bösen bewahren und behüten auf allen unseren Wegen. Wir brauchen viele von ihnen, in Israel und Gaza, in der Ukraine und bei uns zuhause, himmlische und irdische Engel, die helfen und retten, führen und begleiten, trösten und heilen.

 

Welcher Engel wird uns sagen wie das Leben weitergeht
welcher Engel wird wohl kommen, der den Stein vom Grabe hebt
Wirst du für mich, werd ich für dich der Engel sein?

 

Welcher Engel wird uns zeigen wie das Leben zu bestehn
welcher Engel schenkt uns Augen, die im Keim die Frucht schon sehn

 

Wirst du für mich, werd ich für dich der Engel sein?

 

Welcher Engel öffnet Ohren, die Geheimnisse verstehn
welcher Engel leiht uns Flügel, unsern Himmel einzusehn

 

Wirst du für mich, werd ich für dich der Engel sein? (Wilhelm Willms)

 

Sende deine Engel Gott, dass Frieden werde. Amen

 


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