Predigt vom 14.Juni 2026 - 2. Sonntag nach Trinitatis

Pfr. Britta Taddiken

Predigt über Messe in g-moll (BWV 235) und Mt 11,28-30, Hauptkirche St. Katharinen Hamburg, 14. Juni 2026 (2. So nach Trinitatis)

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

was für eine Kraft hat die alte Form der Messe – vor allem, wenn sie wie heute gesungen wird! Was ich meine mit dieser Kraft - eine kurze persönliche Geschichte dazu. Über Ostern bin ich durch Albanien gereist. Unser Reiseleiter meinte: Leute, wir müssen morgen früh unbedingt ein paar Minuten in die Ostermesse in die römisch-katholische Kathedrale von Skodra. Gesagt getan, wir kamen in einen imposanten Raum aus dem 19. Jh. In der Zeit der Hodscha-Diktatur war er eine Turnhalle. Und das hatte dieser Kirche das Leben gerettet. In Albanien war es jahrzehntelang verboten, seine Religion auszuüben. Wir kamen rein, ich war überwältigt. Aber nicht vom Raum. Sondern von den ca. 1000 Menschen, die mit einer Andacht bei der Sache waren, wie sie wohl nur die aufbringen, die sich noch daran erinnern, wie das war, als man dafür streng bestraft wurde. Ich verstehe kein Wort Albanisch. Aber nach wenigen Sekunden wusste ich genau, was in diesem Gottesdienst – in dieser Messe - gerade geschah. Ein paar lateinische Worte konnte ich aufschnappen. Und das reichte, um mich verwandeln zu lassen. Von einem Touri, der zuguckt zu jemandem, der mit feiern konnte. Ein paar Worte – und ich war mittendrin statt nur dabei. Wir tauschten den Friedensgruß aus, Schwestern und Brüder über Sprach-und Kulturgrenzen hinweg. Das ist die Kraft der Messe. Das ist die Kraft dieser alten Form. Ja, alt ist sie. Aber in ihrer Tiefe und in dem, was sie vermag, modern und zeitgemäß. Alle neueren gottesdienstlichen Formen müssen sich daran erst mal messen lassen. Auch hier in Katharinen habe ich’s früher erlebt wie auch in der Thomaskirche in Leipzig: Gerade auch Menschen werden davon berührt, die nichts mit Kirche im Sinn haben. Sie merken, da ist irgendetwas, das sie unbedingt angeht. Und das ist in der gesungenen Form der Messe umso mehr so. Denn wer singt, betet doppelt, das wusste schon der alte Augustinus. 

Hat Bach das damals auch so ähnlich gedacht, als er sich in den 1730er/40er Jahren mit der Messe beschäftigte? Üblich war damals in den Leipziger Hauptkirchen die sog. „Hauptmusik auf das Evangelium“. Das war die geistliche Aufgabe des Thomaskantors: das Evangelium in einer Kantate musikalisch auszulegen. Vor der etwa 60minütigen Predigt. In den 30/40 er Jahren änderte sich das offensichtlich. Bach schrieb viele Werke aus der katholischen Tradition ab, möglicherweise stellte er sich ein neues Repertoire zusammen. Und vor allem die Form der sog. „Missa brevis“, der kurzen Messe, hatte es ihm angetan. Vielleicht, weil sie sich immer wieder verwenden ließ ohne konkreten Anlass. Bzw. und das soll uns gleich vor allem beschäftigen: Ihre Texte nehmen alle Themen und Seiten unseres Menschseins auf. Alle Themen des Lebens und Glaubens. Und so ging Bach auch selbst ans Werk, wie unsere heutige g-moll-Messe zeigt. Und sie scheint ihm besonders wichtig gewesen zu sein. Denn er greift zurück auf schon komponierte Musik. Und zwar auf die besten, gelungensten Kantaten des dritten, uns vollständig überlieferten Kantatenjahrgangs 1725. Man nennt das Parodieverfahren. Oder: Recycling. Gar nicht schlecht, denn die Melodien werden wieder in den Kreislauf gebracht, die Leute haben die Kantaten damals in der Regel ja nur ein einziges Mal gehört oder erst einmal länger nicht mehr. Der Anlass für diese Messe ist nicht bekannt, auch der Predigt-Text dazu ist nicht überliefert. Aber, wie gesagt, zur Messe passt jeder Text. Auch derjenige aus dem Matthäusevangelium, der für heute vorgesehen ist im Jahr 2026. Man könnte ihn geradezu als Grundlage für genau diese Messvertonung verstehen. Jesus sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will Euch erquicken. Nehmt auf Euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11,28-30) 

Bringen wir die Messe mit diesem Text ins Gespräch. „Kyrie eleison - Herr erbarme Dich!“ Damit geht es los. Dass da zur Sprache kommt: Wir kommen immer auch als Mühselige und Beladene in den Gottesdienst. Leben ist immer belastetes Leben. Und das dürfen wir aussprechen. Ablegen vor Gott. Bach greift zurück auf den Eingangschor seiner Kantate BWV 102 „Herr, Deine Augen sehen nach dem Glauben“, eine dreiteilige Komposition, so wie das Kyrie dreiteilig ist. Erstaunlich, wie ihm das in den Sinn kommt. Und das nicht nur aus formalen Gründen, sondern auch inhaltlich. Denn in der ursprünglichen Kantate geht es um die Klage des Propheten Jeremia, in die wir auch manchmal einstimmen angesichts dessen, wie die Welt aus den Fugen ist. Warum lernt der Mensch eigentlich nicht dazu, warum kriegen wir es nicht besser hin, dass wir besser miteinander umgehen, dass wir fähig werden, Frieden zu halten, warum geht das nicht in unsere Köpfe und Herzen? Bach macht die Klage des Propheten zu unserer. Alles, was uns bewegt, was uns traurig macht oder zornig, aber all das, wo wir selbst versagt haben, wo wir nicht mehr weiterwissen und das Gefühl haben, das ist doch alles vergeblich – all das steckt in diesem „Erbarme dich doch, erbarme dich doch endlich“. Vielleicht haben Sie noch im Ohr, wie besonders dringlich das ist im „Christe eleison“, wie Hammerschläge: Wo ist eigentlich das Ebenbild, das Gott uns eingeprägt, eingehämmert hat? Immer dichter und flehender Musik wird die Musik dann im zweiten „Kyrie“, chromatisch geht es da zu, alle Stimmungen des Lebens rauf und runter, der ganze Stimmumfang des Chores ist gefragt. 

Warum das am Anfang des Gottesdienstes? Können wir nicht mit dem großen Gotteslob anfangen? Und vielleicht auf das Gute gucken, auch in uns? Machen wir uns da nicht unnötig klein? Nein, gerade nicht. Denn all das soll eben nicht das letzte Wort haben über uns. Aber dafür muss es raus und dafür muss es einen Ort geben. Sonst verselbständigt sich das und macht uns fertig und verzagt. Ich brauche den Ort, wo das bleiben kann und wo es gut aufgenommen ist. Ich befürchte, viele haben diesen Ort nicht mehr und die müssen sich dann im Internet austoben. Wer das „Kyrie“ singt, gesteht sich zu: Ich bin, wie ich bin, eben immer auch mühselig und beladen. Und alles, was jetzt kommt in der Messe, im Gottesdienst, soll mich aufrichten, „erquicken“. 

Und dafür rückt die andere Sphäre ins Licht, in der sich mein und dieser Welt auch immer abspielt, auch wenn mir das so oft in den Hintergrund rutscht: dass der Himmel nicht so weit weg ist, wie ich oft denke. Dass er immer auch schon da ist als Realität in meinem Leben. Das kommt jetzt mit dem „Gloria in excelis“ in den Blick, dem „Ehre sei Gott in der Höhe“, das der Chor eben gesungen hat: das weihnachtliche Element in jeder Messe - wir singen mit den Engeln! Der Himmel öffnet sich. Gloria: es geht um die Herrlichkeit Gottes, das hebräische Wort „kabod“ bedeutet eigentlich das Gewicht Gottes, das, was größer ist und tiefer als alles Geschaffene und was alles zu überwinden weiß, alle Herren und Herrinnen dieser Welt, die sich als größte Könige und Präsidenten aller Zeiten fühlen und sich daran ergötzen, die ganze Welt in Unruhe zu versetzen. Aber ihre Tage sind bereits gezählt. Es wird besungen, die Ordnung wird klargestellt: Ehre sei Gott in der Höhe. „Soli Deo gloria“ steht hier am Kirchturm und Bach schrieb das unter seine Werke. 

Die Musik jubiliert hier nicht ganz so ganz so wie im „Gloria“ der h-moll-messe oder wie an der Stelle im Weihnachtsoratorium. Es ist ein „Gloria“ in moll. Was mühselig und beladen ist, bleibt im Fokus, das moll schimmert durch. Hier hebt nichts ab. Bach bedient sich einer Vorlage, in der das genau so ist. Denn dieser Chor stammt ursprünglich aus der Kantate BWV 72 „Alles nur nach Gottes Willen“. In deren Eingangschor heißt es: „In Lust und Traurigkeit, bei Gewölk und Sonnenschein, in guter und böser Zeit soll Gottes Wille mich stillen… Stillen - ich höre das in des Wortes usrsprünglicher Bedeutung. Gestillt zu werden von Gott: Wie ein Neugeborenes! Sich vollsaugen mit dem, was mich wachsen lässt und stärker macht wie Muttermilch. Und zwar allem zum Trotz, mitten durch alles hindurch, was wir erleben. Hier ist die gute, die gesunde Grundnahrung. Wenn ich sie aufnehme und mir sozusagen ein passables Grundvertrauen bzw. Gottvertrauen anfuttere – dann kann ich unendlich viel aushalten. Auch, weil im weihnachtlichen Licht dieses „Gloria“ ein für alle Mal deutlich wird: Der Schöpfer dieser Welt wird selbst ein Kind, das gestillt wird. Er tritt als Bruder und Mitmensch an meine Seite. Und dieser Mensch ruft uns zu: Nehmt Euer Joch auf – und lernt von mir. Das ist ganz oft bei Jesus der erste Schritt, wie er den Mühseligen und Beladenen begegnet. Dass er sagt: Leute, bleibt nicht in der Opferrolle. Steht auf, wagt es, geht, seht wieder hin. Wollt Ihr heil werden? Oder wollt Ihr bleiben wo ihr seid? Es geht immer darum, die Lebensgeister wieder zu wecken. Das, was eben auch in uns gelegt ist. Dieser himmlische Gloria-Funke, wenn man so will. Lasst Euch wieder orientieren, lernt, sagt Jesus. Von ihm. Von dem, wie er mit Menschen umgeht. Dass er sie zurückbringt in die Gemeinschaft. Und auch: Wie wir mit uns mit uns selbst umgehen dürfen: Gott lieben, den Nächsten wie sich selbst. Sich selbst, ob Du es glaubst oder nicht, so wie Du bist, bist Du geliebt! Lass dich von diesem Wort erquicken: Auf dass Du es selbst willst, wieder einen Weg zu suchen. Jeden Tag, immer wieder. Raus aus der Opferrolle. Wie sehr drehen wir uns da manchmal hinein und merken nicht, wie wir an dieser destruktiven Sicht auf unser Leben leiden. Aber: Wir sind berufen, Kinder des Himmels zu sein. Uns daran zu orientieren, dass der Himmel offen ist, dass Weihnachten ist und war und wir seitdem auf dem Weg sind, in dieser Welt davon etwas zu leben. Wie viel Drive und Dringlichkeit liegt im Gloria dieser Messe. Mitreißend! 

So ist der erste Schritt weg vom mühselig und beladen getan und nun geht es um das, was wir unserem Leben zu Grunde legen sollten, um weiter lernen zu können. Das ist nunmehr Thema der Bass-Arie: „Gratias agimus tibi“. Wir sagen Dir Dank. Vorlage für diesen wie für die weiteren Sätze der Messe ist die Kantate BWV 187 „Es wartet alles auf Dich“. Das ist Bachs leider viel zu unbekannte Bergpredigtkantate. Mit der Botschaft: Gott weiß schon, was ihr braucht. Darum sorgt Euch nicht. In der Kantate geht es darum, wie ich von der Sorge zum Dank als Grundhaltung meines Lebens komme. Das: Von der Sorge zum Dank kommen - ist immer wieder Thema ins Bachs Kantaten, fast immer hören sie mit Chorälen auf, die einem ins Gedächtnis rufen, was mich dankbar macht, was wirklich wertvoll ist – und eben – ein Geschenk. Und wenn wir uns heutzutage fragen, wie können wir resilienter werden, widerstandskräftiger, dann ist Bach mit seiner Haltung eine gute Schule. In seiner Zeit war es normal, Hungerphasen zu erleben, es war normal, dass die Pest anklopfte, es war normal, dass von 20 Kindern wie bei Bach die Hälfte starb. Die Leute waren wie wir, sie fühlten denselben Schmerz. Aber konnten sie damals besser damit umgehen? Waren sie mehr in Übung darin? Vollgesogener mit Gottvertrauen als wir heute. Ich frage mich das und kann für mich selbst nur sagen: Bachs Kantaten haben bei mir in der Hinsicht therapeutische Wirkung. Sie holen mich immer wieder raus aus meinem Kreisen um mich selbst, sie richten mich neu auf und aus. Wenn ich Ärztin wäre, würde ich das verschreiben: Jeden Tag eine Bachkantate hören – und damit vollsaugen. Und nicht so viel mit dem ganzen anderen Kram, den wir täglich zu uns nehmen…

Und es gibt noch weitere gute Gründe dafür, zumal es in der Messe theologisch jetzt ans Eingemachte geht. Es geht nicht nur um das, was Jesus gesagt und getan hat. Sondern es geht um seinen Weg, auf dass wir immer wieder lernen, was er für uns bedeutet in all dem, was wir erleben an Freud und Leid. Mit der Altarie „Domini Filii“ beginnt das, mit einer frühlingshaften Melodie mit dem ursprünglichen Text: „Du Herr, krönst allein das Jahr mit Deinem Gut“. Ja, es geht um das Gut, das unser ganzes Leben gut macht – auch und gerade in den dunklen Zeiten. Es hat damit zu tun, dass Jesus unseren Weg gegangen ist von der Krippe bis zum Kreuz. Also dahin, wo es tiefer nicht mehr geht. Das Kreuz ist Sinnbild für alle Orte, an denen Menschen verlassen sind, verhöhnt werden, unendlichen Schmerz leiden und wo alles aussichtslos ist. Die Messe erinnert uns hier Sonntag für Sonntag, dass es keinen Ort mehr gibt, den Gott nicht selbst ertragen und erlitten hat. Und dabei geht es um die Last der ganzen Welt. Die Tenorarie nimmt das auf, eine ursprüngliche Sopran-Arie, in der es heißt „Gott versorget alles Leben, jeden Tag wird es neu und alles wird mir täglich neue durch Vaterliebegeschenk“. Alles wird neu! Alles, was ich beim Kyrie abgelegt habe, bleibt eben nicht bei mir! Im „Quoniam tu solus sanctus“ wird es immer bewegter, immer heiterer. Nach Weihnachten im Gloria geht es jetzt um Ostern. Alles Leid, all das, was Jesus mit uns durchleidet – es erfährt am Kreuz seine Niederlage. Neues, anderes Leben bricht auf. Am dritten Tage – so bekennen wir es – und die drei, sie ist das uralte Symbol in der Bibel, dass etwas ganz Neues, ganz Anderes beginnt, drei Tage ist Jona im Wal, drei Tage ist Paulus blind, bis in die Märchen hat es der oder die Dritte geschafft, die dann die Lösung bringt, alles erlöst. Der dritte Tag, der Sonntag. Tag der Messe, Tag der Erinnerung: Jesus sorgt mit seinem Weg auch für mein Heil, denn wir haben jetzt schon Anteil an seinem neuen Leben, in dem er für uns gegenwärtig ist. Es geht nicht nur darum, in diesem Leben erquickt, erfrischt zu werden, sondern es geht um das in seiner Qualität ganz und gar neue Leben, das schon da ist. In der alten Form der englischen Übersetzung des Glaubensbekenntnisses kommt das übrigens wunderbar zur Sprache. Da heißt es an der Stelle „Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“: „The quick and the dead.“ The „quick, nicht „the living“. Die „Erquickten“ - das sind die, die am neuen Leben Jesu schon Anteil haben! 

 

Und diese Kraft heißt in der Bibel und Messe: Heiliger Geist. Und so kommt es im Schlusschor dieser Messe, im „Cum sancto spiritu“ im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Geistdusche. So wie in der Kantatenvorlage, wo es heißt: „Wenn Du Hand deine Hand auftust, so werden sie mit Güte gesättigt.“ Und Bach schüttet davon reichlich aus, Kaskaden des Heiligen Geistes im Überfluss, noch mal und noch mal. Wer nach diesem Schlusssatz nicht innerlich erquickt ist - ich weiß nicht, was da noch kommen sollte. Das macht die Messe mit uns. Sie lässt uns spüren: Wir sind immer mehr als der mühselige und beladene Erdenmensch, als der wir uns so oft fühlen. Wir sind immer auch von Gott mit seinem heiligen Geist überschüttete Geschöpfe. In diesem Gedanken können wir Ruhe finden für unsere Seelen. Und damit können wir in die neue Woche gehen, immer wieder. Wegzehrung gibt es dafür im Abendmahl. Es ist in dieser Messe nicht mehr vertont. Aber wir feiern es gleich. Machen uns auf den Weg zum Altar. Gemeinsam, als Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen und in verschiedenen Kulturen zuhause sind. Aber alle dazu berufen, als aufgerichtete, gestillte und mit Segen überschüttete Menschen diese verrückte Welt zu gestalten. Mögen uns Wort und Musik dazu Mut machen und vor allem auch Lust! 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

Pfarrerin Britta Taddiken

 

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