Samantha Harvey „Umlaufbahnen“
Liebe Gemeinde,
haben Sie als Kind auch davon geträumt zum Mond zu fliegen? Wie in dem Märchen Peterchens Mondfahrt vielleicht? Oder haben Sie damals, 1969 oder später einmal am Bildschirm mitverfolgt, wie die ersten Astronauten auf dem Mond gelandet sind? Dabei soll Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond, den historischen Satz gesagt haben: „Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit“. Diese und darauffolgende Weltraummissionen von Amerikanern und Russen haben die sechs Menschen in diesem Roman seit ihren Kindheitstagen so sehr fasziniert, dass sie sich zu Astronauten bzw. Kosmonauten haben ausbilden lassen. Sie kreisen hier in einer internationalen Raumstation neun Monate lang um die Erde: die Frauen Nell aus England und Chie aus Japan, und die Männer Shaun aus den USA, Pietro aus Italien, Roman und Anton aus Russland.
An einem Tag umkreisen sie die Erde sechzehn Mal, sehen sechzehn Sonnenaufgänge und sechzehn Sonnenuntergänge. Und bestaunen dieses leuchtende, farbenprächtige runde Wunderwerk inmitten eines endlos schwarzen Universums: „die in der Sonne glitzernde, weich gebürstete Silberfläche des Mittelmeeres, die Falten der Dolomiten und der Alpen, indigoblaue Täler, olivgrüne Ebenen … Der Planet (leuchtet), er singt vor lauter Licht, als käme es aus seinem Innersten“ (60f.). Astronauten berichten ja tatsächlich immer wieder, wie sehr sie der Anblick der Erde aus dem All fasziniert, und dass er religiöse Gefühle weckt, eine Ehrfurcht vor dem Leben, eine Ahnung von Schöpfung.
Die Raumfahrer hier fühlen sich verlassen und geborgen zugleich, sie sind – im wahrsten Sinne des Wortes – außer sich, losgelöst von der Erde und werden doch unbändig von ihr angezogen. Manchmal überkommt sie der Wunsch, dort oben zu bleiben, dann wieder überwältigt sie die Sehnsucht, zur Mutter Erde und zu ihren Familien zurückzukehren.
Wer unentwegt um die Erde kreist, verliert jedes Zeitgefühl. Aber der menschliche Körper aber braucht Zeiten des Wachens und des Schlafens, und so wird künstlich festgelegt, wann in der Raumstation Tag ist und wann Nacht. Die Schwerelosigkeit führt dazu, dass die sechs buchstäblich keinen Boden unter den Füßen haben und auch kein Bett, in das man sich hineinlegen könnte. Die Astronauten schweben durch die Module und schlafen auch schwebend in ihren Schlafsäcken. Privatsphäre gibt es wenig, sie teilen fast alles, Raum und Zeit, unbändiges Glück und tiefe Traurigkeit, Einsamkeit und Gemeinschaft. Sie sind wie eine fliegende Familie, aufeinander angewiesen und voneinander abhängig. Grenzen und Kriege auf Erden spielen hier keine Rolle, aber eine Trennung gibt es doch und ist wirklich zum Lachen und wird von den Raumfahrern spöttisch missachtet: „Nur für russische Kosmonauten steht an der Tür des russischen WCs“ – nur für amerikanische, europäische und japanische Astronauten steht an der anderen. Nationale Toiletten – eine Groteske im Weltraum.
Ihre Tage beginnen mit Sport. Muskelaufbau auf dem Laufband und dem Tretrad, denn die Schwerlosigkeit lässt die Herzmuskeln schwächer und die Arterien steifer werden. Danach folgen wissenschaftliche Experimente, die sie an Mikroben und Mäusen, Pflanzen und Zellen durchführen. Aber immer wieder zieht es sie an die Fenster und zu dem leuchtenden Planeten unter ihnen.
Diesen Anblick verdichtet Samantha Harvey in ihrem Roman in einer Form voll poetischer Schönheit und sprachlicher Eleganz, „stellenweise ist der Roman eher eine Meditation oder ein Langgedicht“, schreibt der Rezensent der „Zeit“ Adam Soboczinski. Tatsächlich habe ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen wollen. So sehr bin ich in meiner Phantasie in Galaxien und ferne Sternenwelten eingetaucht, habe mich gedanklich mitgedreht um Meere und Kontinente und voller Spannung auf Bilder und Metaphern gewartet, mit denen Samantha Harvey den grandiosen Blick aus der Kapsel beschreibt:
„Mitunter sehen sie die Erde an und sind versucht, alles, wovon sie wissen, dass es wahr ist, über Bord zu werfen und zu glauben, dass dieser Planet im Zentrum von allem steht. Er wirkt so spektakulär, so ehrwürdig und majestätisch. Sie würden sich weismachen lassen, dass Gott selbst die Erde dort, im Zentrum des tanzenden Universums, platziert hat, ganz leicht könnten sie all die Wahrheiten vergessen, die Männer und Frau (auf einem stockenden und holprigen Weg der Entdeckung und anschließender Verleugnung, gefolgt von erneuter Entdeckung und anschließender Vertuschung) aufgedeckt haben und die beweisen, dass die Erde ein winziger Fleck im Zentrum von Nichts ist. Sie könnten denken: Wäre sie nichtig, würde sie nicht so hell leuchten. Kein entlegener, unbedeutender Satellit würde sich die Mühe machen, so schön zu sein. Und kein einfacher Stein könnte so etwas Komplexes wie Pilze oder Gehirne hervorbringen.“ (47f.)
Immer wieder fielen mir beim Lesen die Psalmen ein, diese alten Gebete, in denen die alttestamentlichen Dichter ihr Staunen über die Schönheit der Schöpfung beschreiben. Darin hat Gott Himmel und Erde geschaffen, sie sind wie sein Schmuck und ein Zeichen seiner Hoheit und Pracht: „Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie ein Zelt; du baust deine Gemächer über den Wassern, der du das Erreich gegründet hast auf festen Boden, dass es nicht wankt, immer und ewiglich“ (Psalm 104).
Die heimliche Frage, die meine Lektüre begleitete und die vielleicht untergründig diesen ganzen Roman durchzieht, ist die Frage nach dem Sinn von all dem – oder anders gefragt, ob sich unser Planet und das ganze Universum einem Schöpfer verdankt, oder nicht?
„Manchmal möchte Nell Shaun fragen, wie er Astronaut sein und gleichzeitig an Gott glauben kann, den Gott aus der Schöpfungsgeschichte, doch sie weiß, wie seine Antwort lauten würde. Er würde fragen, wie sie Astronautin sein und nicht an Gott glauben kann. Sie würden auf keinen gemeinsamen Nenner kommen. Nell würde backbord und steuerbord aus den Fenstern zeigen, hinter denen die Dunkelheit grausam und endlos ist. Wo Sonnensystem und Galaxien gewaltsam verstreut liegen. Wo das Blickfeld so tief und multidimensional ist, dass man die Verzerrung von Raum-Zeit beinahe sehen kann. Schau nur, würde sie sagen. Wer soll das alles da hingeschleudert haben, wenn nicht eine wundervolle, willenlose Gewalt?
Und Shaun würde backbord und steuerbord aus den Fenstern zeigen, auf die grausame, endlose Dunkelheit dahinter, auf dieselben gewaltsam verstreuten Sonnensysteme und Galaxien, auf dasselbe multidimensionale Blickfeld, das von Raum-Zeit verzerrt wird, und sagen: Wie soll das alles da hingekommen sein, wenn nicht durch einen wundervollen Willen?
Ist das also der einzige Unterschied zwischen ihren Ansichten - ein wenig Wille? Ist Shauns Universum dasselbe wie ihres, nur dass es mit Sorgfalt geschaffen wurde, und nach einem Plan? Ihre Welt eine Laune der Natur, seine ein Kunstwerk? Der Unterschied erscheint unbedeutend und zugleich unüberwindbar.“ (S. 75f.)
Was meinen Sie, liebe Gemeinde? Was glauben Sie? Wirkt hinter allem, was ist und sich im Universum bewegt, ein göttlicher Wille, oder ist das Weltall nur eine Laune der Natur, ein Zufallsprodukt physikalischer Prozesse? Die gängigste wissenschaftliche Theorie über den Ursprung des Alls ist ja die eines Urknalls vor 15 Milliarden Jahren. Von dem Moment an dehnen sich die Galaxien fortwährend aus. Der Urknall selbst entzieht sich bislang einer Erklärung. Und so wird weiter geforscht und geforscht, um noch mehr Erkenntnisse über Anfang und Entwicklung des Universums zu gewinnen.
Der Schöpfungsglaube widerspricht diesem Denken und Forschen nicht, sondern nimmt eine andere Perspektive auf die Frage nach dem Ursprung ein. Er behauptet nicht, dass Gott ein kausaler Vorläufer des Urknalls wäre, sozusagen sein zeitlicher Anfang. Als Schöpfer von Raum und Zeit symbolisiert Gott nicht den Anfang einer Kette von Kausalitäten, sondern den dahinter liegenden Ursprung. „Schöpfung ist das religiöse Symbol, für das Von-anderwärts-her-Sein alles dessen, was existiert“ (Barth 125). Mit diesem Symbol fragen wir nach dem Sinn dieses Geschehens, nach der Bedeutung des Ganzen. Unser Glaube ist also eine andere Weise der Weltinterpretation als die Naturwissenschaft, beide haben ihr Recht, sie konkurrieren nicht, sie widersprechen sich nicht, sondern sie ergänzen einander.
Deswegen haben die alten Psalmen noch immer eine so tiefe Bedeutung und eine Sprache, die Menschen bis heute berührt und bewegt. Sie geben der Ehrfurcht vor dem Wunder von Himmel und Erde eine Sprache. Sie spiegeln die Demut wider, die sich beim Anblick der Sterne oder eines weiten Meeres einstellt. Sie singen voller Dankbarkeit von einem Leben, das sich einem anderen verdankt, einer schöpferischen Kraft hinter allem Werden und Vergehen und Wiederauferstehen. Sie loben und preisen die Schönheit der Berge und Täler, der Sonne und des Modes, der Wolken und Winde und ja auch die Schönheit der Geschöpfe: „Gott ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele (Ps 139,14).
Wann immer in mir Zweifel aufkommen und Angst mich umklammert, dass wir die Umkehr nicht schaffen und die Erde weiter zerstören, liebe Gemeinde, greife ich zu diesen Schöpfungspsalmen und lasse mir von dem Gott erzählen, der hinter, über und vor allem ist, der unter uns wirkt, in Zeit und Ewigkeit, Quelle allen Lebens, der vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang in uns und um uns ist und bleibt, der alles in allem zusammenhält. Und vielleicht greife ich zukünftig auch wieder zu diesem schönen Buch. Die Lektüre tröstet und baut auf, sie weckt Widerstandskräfte und macht Mut, das zu erhalten, was uns zum Leben gegeben wurde. Lasst uns diese Erde bewahren und beschützen soweit es in unseren Händen liegt, und lassen wir uns dabei leiten von dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.
Amen.
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