Predigt vom 02. März 2025 – Kantatengottesdienst am Sonntag Estomihi

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

Johann Sebastian Bach (1685–1750): Gott ist mein König BWV 71
Lukas 10, 38–42: „Lass dich unterbrechen!“

 


Liebe Gemeinde!

 

Lass dich unterbrechen! Lege deine Arbeit aus den Händen, halte für einen Moment inne, werde still, höre zu, höre in dich hinein oder auf den, der zu dir spricht: in Worten und Gebeten, in Symbolen und in der Kunst, in der Musik von Johann Sebastian Bach und in den alten Melodien unserer Liturgie.

 

Lass dich unterbrechen! In deiner alltäglichen Routine, in deiner Geschäftigkeit und Sorge, in deiner Termindichte, in der Fülle von Posts und Tweets, von traurigen Nachrichten und bedrückenden Fernsehbildern, in deiner Furcht vor bedrohlichen Entwicklungen weltweit und hier bei uns.

 

Lass dich unterbrechen! Mit einem Kantaten-Gottesdienst am Sonntag Estomihi, einer anschließenden Ausstellungsbesichtigung oder – wenn`s beliebt - mit Helau und Alaf und den Jecken des Karnevals am Rosenmontag und Faschingsdienstag, und dann ab Aschermittwoch mit dem Innehalten und Perspektivwechsel der Passionszeit.

 

Lass dich unterbrechen!

 

Liebe Gemeinde, der katholische Theologe Johann Baptist Metz hat einmal geschrieben: „Unterbrechung ist die kürzeste Definition von Religion“, ein Votum, dass ich sehr treffend finde. Alle Religionen sind dadurch geprägt, das Alltägliche, Diesseitige und Gewöhnliche zu unterbrechen bzw. es durch Gottes Wirken unterbrechen zu lassen: siehe das Freitagsgebet des Islam, den Sabbat des Judentums oder die Feier des Sonntags im Christentum.

 

Die Aufforderung zur Unterbrechung vernehme ich auch aus der biblischen Erzählung dieses Sonntags:

 

Auf dem Weg nach Jerusalem kommen Jesus und seine Jünger in das Dorf, in dem die Geschwister Marta, Maria und Lazarus wohnen. Als Marta davon erfährt, lädt sie Jesus in ihr Haus ein. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie ihn herein bittet, ihm einen Stuhl und ein Glas Wasser anbietet und sich dann in die Küche verabschiedet, um für ihn rasch ein Essen zu bereiten. Sicherlich möchte sie eine gute Gastgeberein sein und ihm ein etwas Schmackhaftes servieren. Einen solchen Gast hat man nicht alle Tage, wahrscheinlich ist es ein Erlebnis von dem wir heute sagen würden: it happens just once in a lifetime.

 

Martas Reaktion ist ganz typisch für die Rolle, die Frauen damals innehatten. Sie besuchten keine Schulen, sie durften auch keinen eigenen Beruf ausüben. Sie waren verantwortlich für Haus und Hof, für die Kinder und die Küche und natürlich für die Pflege der älteren oder kranken Angehörigen. Sie waren das Herz der Familie, sorgten für deren Zusammenhalt und für ein sicheres Zuhause.

 

Umso überraschender und erstaunlicher ist die Reaktion ihrer Schwester Maria. Als Jesus kommt, setzt sie sich zu seinen Füßen und hört ihm zu. Sie verhält sich wie eine Schülerin oder Jüngerin, die sich ihrem Lehrer zuwendet, weil sie von ihm lernen will. Dass Maria hier so agiert, und dass die Autoren der Bibel später auch noch davon berichten, ist äußerst bemerkenswert, liebe Gemeinde, und hat nicht nur in der feministischen Theologie viel Beachtung gefunden.

 

Um ehrlich zu sein, wenn ich die Wahl gehabt hätte, das Essen in der Küche vorzubereiten oder Jesu Worten zu lauschen, ich hätte mich definitiv auch zu ihm gesetzt und zugehört oder lieber noch mit ihm diskutiert und ihn gefragt:

 

Was tut not? Was müssen wir tun, um aus der Spirale der Gewalt herauszukommen? Wie finden wir das rechte Maß im Umgang mit der Schöpfung und dem Planeten Erde? Wie entwickeln wir eine Kultur der Achtsamkeit und des Respekts gegenüber Menschen in Not? Und wie finden wir zurück zur Religion, die vielen in unserer Gesellschaft nichts mehr bedeutet? Was müssen wir tun, damit es gut wird? Liebe Gemeinde, Sie hätten wahrscheinlich ähnlich viele Fragen an Jesus und wären begierig, seine Antworten zu hören.

 

Während Maria also da sitzt und zuhört, ist Marta unablässig in Bewegung, kümmert sich, dient, sorgt für das Wohl ihres Gastes, müht sich sehr, und - ärgert sich über ihre Schwester: „Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester allein lässt dienen?“ Warum hilft sie mir nicht in der Küche? Warum sitzt sie nur hier herum anstatt sich ein wenig nützlich zu machen? 
Sicherlich anders als von Marta erhofft, antwortet Jesus: „Marta, Marta. Du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt. Das soll ihr nicht genommen werden!“

 

Krass, diese Reaktion hat es in sich. Damit hatte wahrscheinlich niemand gerechnet. Tat doch Marta genau das, was man von ihr erwartet wurde. Nun wissen wir nicht in welchem Tonfall Jesus gesprochen hat: Belehrend und kopfschüttelnd: „Marta, Marta“ oder verständnisvoll und zugewandt: „Du hast so viel Sorge und Mühe …“ Offen bleibt auch, was denn das Eine ist, das er für notwendig erachtet, was also Not wendet? Was ist das Gebot der Stunde, das gute Teil, das Maria erkannt hat? Dazu gibt es in der Auslegungstradition zahlreiche Deutungen und wir sind gefragt, was es denn heute sein mag.

 

Was ist Not, was tut not? Diese Frage sollten Sie sich unbedingt beantworten, bevor Sie heute zur Wahl gehen, liebe Gemeinde, und das tun, was auch in Bachs Kantate geboten wird: dem neuen Stadtrat, den wir heute wählen, Gottes Segen zu wünschen: „Friede, Ruh und Wohlergehen, müsse stets zur Seite stehen dem neuen Regiment“. Als ich vorhin den Chor singen hörte: „Du wollest dem Feinde nicht geben die Seele deiner Turteltauben“, also deiner Liebsten, deiner Nächsten, kamen mir die Fernsehbilder aus dem Oval Office in Washington in den Sinn und der bittere Eklat zwischen Trump und Selenskyi. Was wird nun aus der Ukraine werden? Werden die Ukrainer den Feinden übergeben? Die Welt steht Kopf, verlässliche Regeln und Werte gelten nicht mehr, Europas Zukunft? Ungewiss.

 

Was also tut not? Für uns? Für diese Stadt und unser Land? Je weiter wir den Bogen ziehen, desto schwieriger wird die Antwort, desto komplexer die Zusammenhänge, desto unübersichtlicher diese Welt. Die Lage verführt zu einfachen, populistischen Antworten, zu Angstmacherei, zu Spaltungen und Polarisierungen.

 

Not aber tut etwas anderes: Innehalten und Nachdenken, zuerst besonnen abwägen und dann entscheiden und handeln, einander zuhören, auf die innere Stimme achten, die Stimme des Glaubens und der Liebe, auf Gottes Wort hören, auf Jesus, der sein Wort ist. 
Lass dich unterbrechen! Von Gottes Wort. Höre auf seine Stimme - durch die Musik von Bach, durch Worte der Bibel, den Segen für Dich, durch Brot und Saft beim Abendmahl, das gemeinsame Singen und Beten. Vernimm seine Stimme durch die liebenden Augen deines Lebensmenschen, die lachenden Augen eines Kindes, die bittenden eines kranken oder bedürftigen Menschen.

 

Lass dich unterbrechen und halte inne in den kommenden Wochen der Passionszeit. Vielleicht mit dem diesjährigen Motto der Evangelischen Kirche: „Luft holen. Sieben Wochen ohne Panik“. Vielen von uns stockt ja der Atem angesichts der Weltlage – aber Panik hilft nicht weiter, sondern eher einmal ordentlich Luft holen und dann die Kräfte stärken, die einen fairen Frieden wollen und für diesen arbeiten.

 

Lass dich unterbrechen! Die große Politik müssen wir nicht machen, aber schon im Kleinen beginnt der Wandel zum Guten, z.B. indem wir fest an das Gute glauben, an Gottes Kraft und Wirken unter uns, an seine Liebe, die wächst, wenn wir sie teilen, an den guten Geist, der Menschen zusammenführt und Frieden schafft.

 

Der Wandel zum Guten beginnt in Stunden wie diesen.

 

Amen.

 


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