Predigt vom 7. September 2025 – Kantaten-Gottesdienst

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

„Gold und Silber habe ich nicht, was ich aber habe, gebe ich dir“ (Apg 3, 1–10)


 

Liebe Gemeinde,

 

seit einiger Zeit habe ich mit den Heilungswundern im Neuen Testament so meine Schwierigkeiten. Ich will ihnen zu Beginn meiner Ansprache gern erläutern, woran das liegt. In meinem Familien- und Bekanntenkreis begegne ich immer wieder Menschen, die wir heute als Menschen mit Behinderungen bezeichnen, sei es dass sie einen Schlaganfall erlitten haben und mit einseitigen Lähmungen klarkommen müssen, sei es dass sie mit einem erhöhten Krebsrisiko oder mit einer andersartigen chronischen Krankheit leben müssen. Ich begegne Menschen, die sich nicht ohne Hilfsmittel fortbewegen können und einen Rollator oder einen Rollstuhl brauchen, die schlecht sehen oder schlecht hören können … und das sind keineswegs nur ältere Freundinnen und Freunde. Auch zu meiner großen, weit verzweigten Familie gehören Kinder und Erwachsene mit Depressionen, mit autistischen Zügen, mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen. Und wer weiß, mit welchen Krankheiten oder Behinderungen ich im Alter zurechtkommen muss.

 

Anders als zu Jesu Zeiten bedeutet all das – Gott sei Dank – nicht, dass wir als kranke oder behinderte Menschen aus der Gemeinschaft der Christen oder aus dem Reich Gottes ausgeschlossen wären. Anders als zu Jesu Zeiten deuten wir Behinderungen oder Krankheiten nicht mehr als Folge von Sünde und Schuld. Das Befreiende und Großartige des Wirkens Jesu ist ja, dass er zu den Leprakranken, den Blinden oder Gelähmten ging, ihnen auf Augenhöhe begegnete, sie ansah, ansprach und ihnen Gottes Heil und Segen zusagte. Dadurch wurden sie gesund, heil und wieder ein anerkannter Teil der Gesellschaft. Jesus holte die Kranken aus der Isolation und führte sie zurück in die Gemeinschaft der Kinder Gottes. Heilungswunder werden im NT daher als Zeichen für die anbrechende und kommende Herrschaft Gottes interpretiert. Sie nehmen vorweg, was wir dereinst erhoffen, ein vollkommenes Leben in Gottes ewigem Reich.


Aber, und jetzt kommen meine Bedenken, liebe Gemeinde. Mit diesen Heilungsgeschichten wurden auch Vorstellungen transportiert, die Menschen mit Behinderungen zur recht als übergriffig, diskriminierend und ausgrenzend erlebt haben – und leider noch bis heute erleben:

 

Dieser Gelähmte wurde von Petrus gar nicht gefragt, ob geheilt werden will, sondern wie selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass der gesunde Petrus schon weiß, was für den behinderten Kranken das Beste ist …
Ein weiterer Gedanke beschäftigt mich, seit ich die Heilungsgeschichten aus der Perspektive der Betroffenen lese: „Wenn Jesu Heilungen Zeichen für Befreiung und Neubeginn sind, verweisen Krankheit und Behinderung umgekehrt auf einen Zustand, den es zu überwinden gilt“ (Ferrari, zit. in Predigtstudien, S. 160). Gesunde und Menschen ohne Behinderung scheinen offenbar näher dran zu sein am Reich Gottes. Krankheit und Behinderung bedeuten demnach einen Makel, ein Defizit, das scheinbar nicht zur Vision einer heilen, vollkommenen, göttlichen Welt zu passen scheint und daher erstmal beseitigt werden muss.

 

So könnte auch die Heilungserzählung aus der Apostelgeschichte missverstanden werden und Deutungen transportieren, die Menschen mit Behinderungen weh tun, weil sie als unsensibel, als abwertend und ausgrenzend empfunden werden. Schauen wir nochmal genau hin.

 

Petrus und Johannes gehen am frühen Nachmittag hinauf zum Tempel, um zu beten. Die junge Christengemeinde feiert ihre Gottesdienste nämlich noch zusammen mit der jüdischen Gemeinde im jüdischen Tempel. Schon früh am Morgen haben hilfsbereite Menschen den namenlosen Gelähmten vor das Tor des Tempels getragen, wo dieser die Eintretenden um ein Almosen bittet. Petrus bleibt stehen, sieht ihn an und spricht zu ihm: Sieh uns an! Der Gelähmte blickt auf und erwartet, dass sie ihm etwas geben. Aber Petrus wirft nichts in seine Schale, sondern sagt:

 

Gold und Silber habe ich nicht; was ich aber habe, gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth, steh auf und geh umher! Petrus greift seine Hand und hilft ihm aufzustehen. Und das Wunder geschieht: Seine Füße und Fesseln werden fest. Er ist wie befreit, springt in die Luft, lobt Gott und geht mit den Betenden in den Tempel. Und danach läuft er jubelnd durch die Straßen und preist Gott für dieses Wunder. Er ist geheilt und fühlt sich wie neu geboren – seine Freude ist ansteckend und sei ihm gegönnt. Hier ist etwas Wunderbares geschehen – ein Vorzeichen eines zukünftigen Lebens, der Liebe Gottes, die befreit und versöhnt.

 

Die Freude des Geheilten möchte ich mitnichten kleinreden, liebe Gemeinde – im Gegenteil, so fühlen wir, wenn wir von einer Last, einer Angst, einer physischen oder psychischen Einschränkung befreit werden. So geht es uns allen, wenn wir nach einer Erkrankung wieder zu Kräften kommen und Heilung erleben. Das ist oft eine Folge guter ärztlicher Behandlung und zugleich ist es wunderbar. Aber ich möchte hier zwei Ebenen unterscheiden: Das persönliche Erleben des Einzelnen und die theologische Deutung: auch ein Mensch mit einer Behinderung oder unheilbaren Krankheit hat Teil am Heil Jesu Christi und an dem Segen, der uns verheißen ist.

 

Denn Gott liebt alle Menschen, die mit und die ohne Behinderungen, die kranken und die gesunden. Er liebt sie so wie sie sind, nicht weil sie etwas können oder nicht können, leisten oder nicht leisten. Er liebt das Kind, wenn es so klein ist wie Clara und noch ganz und gar angewiesen ist auf die Fürsorge und Hilfe von Ihnen, liebe Eltern. Er liebt den epileptischen Sohn, den gelähmten Vater, die demente Mutter – niemand auf Erden ist vollkommen heil und gesund, und ich glaube, auch im Reich Gottes wird es nicht anders sein, als dass wir mit den Wunden und Narben unseres Lebens, mit unseren Brüchen und Mängeln auferstehen werden – so wie der auferstandene Jesu Christus ja noch immer gezeichnet war mit den Wundmalen an seinen Händen.

 

„Gold und Silber haben wir nicht, aber was wir haben geben wir dir“ – Petrus gibt dem Gelähmten vor dem Tempel das Evangelium Jesu Christi. In seinem Namen heilt er ihn, im Namen des von Schmerzen und Leiden Gezeichneten und Auferstandenen. 
Im Namen Jesu haben wir dich, Clara getauft und in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen und wünschen dir von Herzen, dass du den Weg gehen wirst, der zu dir passt, damit du die Persönlichkeit werden kannst, die in dir steckt.
Im Namen Jesu sind wir eine große Gemeinde aus gesunden und kranken Christenmenschen, starken und schwachen, freien und schutzbedürftigen, erfolgreichen und scheiternden, queeren und binären, so verschieden und vielfältig wie Gottes gesamte Schöpfung – und niemand von uns ist vollkommen, perfekt, makellos, ideal, vollendet oder gar göttlich. Wir sind Menschen mit Brüchen und Schmerzen, mit Wunden und Narben – und so sind wir bei Gott willkommen.

 

Daher sage ich ihnen so wie Petrus damals: Im Namen Jesu lassen sie sich rufen und stehen sie auf, so wie sie sind, und tun das, was sie können und loben Gott für das Wunder ihres Lebens. Amen.

 


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