Predigt vom 18. Januar 2026 – 2. Sonntag nach Epiphanias

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

„Trotzdem Hoffnung“, Jeremia 14, 1–9 und Johannes 2, 1–11


 

 Liebe Gemeinde, 


was ist für Sie eine Quelle der Hoffnung? Woraus schöpfen Sie Zuversicht, Lebensfreude? Mut, weiter zu machen oder gar neu anzufangen? Wo liegen Quellen lebendigen, frischen Wassers in einer Zeit der Dürre? Woher nehmen z.B. die Menschen im Iran ihren Mut gegen das menschenverachtende Regime der Mullahs zu demonstrieren? Woher ziehen die Menschen in der Ukraine ihre Widerstandskraft gegen den russischen Angreifer, und dies nun schon im 4. Jahr? 


Oder schauen wir auf uns in Deutschland? Woher kommt unsere Hoffnung trotz großer Unsicherheit und Sorge, trotz mieser wirtschaftlicher Prognosen, trotz wachsender Gefahren für unsere Demokratie, trotz Klimawandel und Pflegenotstand? 


Wo finden Sie Quellen der Hoffnung, liebe Gemeinde, wenn Sie – um ein anderes Beispiel zu geben - einen Angehörigen pflegen, der demenziell verändert ist, sich nicht mehr allein zu helfen weiß, Sie nicht mehr erkennt, ihnen ständig dieselbe Frage stellt, oft ganz verwirrt und verängstigt ist? Wie schaffen Sie es, darüber nicht zu verzweifeln, sich treu zu kümmern und an seiner, an ihrer Seite zu bleiben? Andere zu trösten, zu ermutigen, zu ermuntern? Und wie sieht es dabei in Ihnen selbst aus, liebe Gemeinde? Wohin mit Ihrer eigenen Erschöpfung, ihrer Müdigkeit, dem Gefühl der inneren Leere? Ausgelöst durch schwere Zeiten, Dürrezeiten, privat oder beruflich, persönlich oder allgemein. 


In der schönen Geschichte von der Hochzeit zu Kana rettet ein Wunder die Festlaune und Feierlichkeiten der Hochzeitsgesellschaft und bewahrt den Bräutigam vor einer unangenehmen Blamage. Er hatte zu wenig Wein besorgt und es wäre enorm peinlich, wenn er seinen Gästen nur noch Wasser reichen könnte. Jesus und seine Mutter waren eingeladen, und sie erfährt davon. Als sie Jesus darauf hinweist, weist er sie barsch zurück. Seine Stunde sei noch nicht gekommen, das heißt, er könne hier nicht helfen. Seine Mutter aber weiß, dass er es kann, und fordert die Diener auf, zu tun, was Jesus ihnen sagt. Und es folgt das erste Wunder seines Lebens: Jesus verwandelt das Wasser in den Wasserkrügen in Wein. Das soll ein Zeichen sein, erklärt der Evangelist Johannes, ein Zeichen seiner Herrlichkeit, seiner Göttlichkeit. Aber es ist ein verborgenes Zeichen, denn außer den Dienern, seiner Mutter und den Jüngern wissen die Gäste und ihr Gastgeber nichts davon. Sie genießen die Fülle, die Freude, den köstlichen Wein und feiern das Hochzeitsfest ohne von dem Wunder zu erfahren. Sie erleben die Fülle der Gnade Gottes, die sich ohne Ankündigung, ohne vorangestellte Bedingung ereignet. Sie feiern ausgelassen, denn Gottes Liebe und Freundlichkeit war mitten unter ihnen. 


Liebe Gemeinde, dieses herrliche Bild von einem fröhlichen Hochzeitsfest ist ein Symbol für ein Leben im Glauben, für das Vertrauen, das Gott gibt, was wir zum Leben brauchen, dass er unter uns ist, wenn wir uns miteinander freuen und füreinander da sind. Ein Hochzeitsfest als Symbol für die Überzeugung, dass Jesus Christus gekommen ist, uns die Liebe Gottes zu zeigen, uns von unserer Angst und Enge zu befreien, uns Mut zu machen für eine friedliche und gerechte Welt aufzustehen. Dankbarbarkeit für und Freude über das Geschenk des Lebens und der Liebe, das können Quellen der Hoffnung sein.


Nur hat das neue Jahr 2026 bisher wenig von dem gezeigt. Das Gute, Friedliche und Segensreiche, das wir uns zum Jahreswechsel gewünscht haben, scheint noch nicht eingetreten. Ganz im Gegenteil: Die Nachrichten aus den USA (Trump will Grönland „kaufen“), dem Sudan, dem Iran und der Ukraine sind verstörend, deprimierend, erschütternd. Und sie kommen mir als erstes in den Sinn, wenn ich die Worte des Propheten Jeremia über die große Dürre höre:


„Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden und Jerusalems Wehklage steigt empor. Die Mächtigen schicken ihre Diener nach Wasser, aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser…Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen voller Scham ihre Häupter.“  Der Prophet klagt über vom Krieg zerstörte Städte und die Not ihrer Bewohner. Ich assoziiere die Trümmer der Städte im Donbass und in Gaza, die Klage, die Trauer, den Schmerz und die Wut der betroffenen Menschen. Es gibt kein fließendes Wasser, keinen Strom, keine Heizung in diesem bitterkalten Winter in der Ukraine und zu wenig zu essen in Gaza. 


Auch die große Dürre, unter der die Menschen damals litten, scheint uns nicht fremd. Sie ist ganz real in einigen Ländern des globalen Südens, in den trockenen Regionen Afrikas oder den abgeholzten und verödeten Zonen Südamerikas. Eine existentielle Bedrohung für Mensch und Tier. Hinzu kommt die Nachricht, dass 2025 das drittwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung ist und noch stärkere Dürre- und Hitzeperioden bevorstehen. Wie aktuell diese alten Texte doch sind! 


Jeremia wendet sich an Gott, der Trost Israels, der Nothelfer. Er bekennt den Ungehorsam, die Schuld und die Sünden seines Volkes und bittet Gott um Hilfe. Mit innigen, eindringlichen Worten: Warum hält Gott sich von ihnen fern wie ein Fremdling im eigenen Land, wie ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt und rasch weiterzieht? Warum reagiert er hier wie einer, der verzagt ist? Wie einer, der nicht helfen kann, fragt Jeremia und fährt fort: „Du bist doch unter uns, Herr, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!“ Du bist unser Helfer in der Not, unser Halt, unsere Hoffnung!


Jeremia appelliert an Gottes Versprechen, immer bei ihnen zu sein. Er erinnert Gott an seine gütige Seite, seine Zuwendung und Liebe zu den fehlbaren Menschen, an seinen Bund mit ihnen. Am Ende die leidenschaftliche Bitte: Verlass uns nicht! Wir gehören doch zu dir.


Kann das Gebet zu einer Quelle der Hoffnung werden, liebe Gemeinde? Können die die Klage und die Bitte zu Gott aus der Trostlosigkeit und Ohnmacht heraushelfen? Kann die anklagende Frage „Warum, Gott?“ ein erster Schritt sein, um die gefühlte Abwesenheit Gottes, die geistliche Dürrezeit zu überwinden? Derzeit müssen wir ja konstatieren, dass auch unser religiöses Leben zu vertrocknen scheint. Jedenfalls in der äußerlich satten und selbstbezüglichen westlichen Wohlstandswelt sehen wir das: religiöse Rituale, christliche Werte und kirchliche Feste verlieren an Bedeutung, die Kirchen werden leerer und kleiner. 


Zugleich aber stelle ich fest, dass Menschen etwas fehlt, wenn sie die die Religion aus ihrem Leben verbannen. Ich mache die Beobachtung, dass die Sehnsucht nach Spiritualität nicht vergeht, sondern Quellen der Hoffnung und der Zuversicht auch im christlichen Glauben gesucht und manchmal auch gefunden werden: Die übervollen Weihnachtsgottesdienste zeugen davon, die Weihnachtskonzerte und die Krippenspiele. Menschen kommen hierher, halten ein stilles Gebet und entzünden eine Kerze. Über 100 Anmeldungen hat Charlotte Krohn für ihren neuen Popchor. Ein Hinweis darauf, wie sehr die Musik die Seele weiten und heilen kann, wie sie Menschen frh machen und zusammenführen kann. 


Haben Sie zwischenzeitlich eine Antwort auf meine Eingangsfrage nach Ihren Quellen der Hoffnung gefunden, liebe Gemeinde? Ist es der Glaube, die Freude, die Dankbarkeit, das Gebet, die Liebe, die Musik, das Licht, die Natur, die Gemeinschaft, der Trotz, der Segen?


Ich möchte meine Quellen schützen, pflegen und bewahren. Ich möchte dieses Jahr damit beginnen, auf sie zu achten und das heißt für mich dreierlei: 1. Meinem Gespräch mit Gott, meinem Gebet Raum zu geben in meinem Leben. 2. Mit Menschen zusammen zu kommen, die sich auch für eine gerechtere und friedlichere Welt einsetzen wollen. Und 3. gemeinsam Feste zu feiern und für all das zu danken, was Gott uns zum Leben gegeben hat.


Und Sie? Und Du? Aus welchen Quellen willst Du schöpfen?
Ich schließe mit einem irischen Segenswunsch für Euch:
Mögen die Regentropfen sanft auf dein Haupt fallen.
Möge der weiche Wind deinen Geist beleben.
Möge der sanfte Sonnenschein dein Herz erleuchten.
Mögen die Lasten des Tages leicht auf dir liegen.
Und möge unser Gott dich hüllen in den Mantel seiner Liebe.


Amen.

 


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