Text: 2. Kor 3,17 und Lukas 5, 1-11
Liebe Gemeinde,
wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.
Dieses Wort aus dem 2. Korintherbrief des Apostels Paulus möchte ich meinen Gedanken an diesem Tag voranstellen.
Zum einen weil der 4th of July von heute an mein persönlicher Unabhängigkeitstag ist (was ich mir noch gar nicht so recht vorstellen kann). Ich werde mich nicht von meiner Kirche lösen (das könnte eine lebenslange Beziehung werden), aber ich werde frei gesprochen von den Pflichten meines Amtes. Zum anderen weil die Freiheit einer der Kernbegriffe unseres christlichen Glaubens ist und mein theologisches Denken und kirchliches Handeln wesentlich geprägt hat.
In den USA ist der 4th of July ein nationaler Feiertag. Heute erinnern die Amerikaner an den 250. Jahrestag der Unterzeichnung ihrer Unabhängigkeitserklärung (1776), in der so großartige Sätze stehen wie „all men are created equal“ – alle Menschen sind gleich geschaffen! Man wünscht den Amerikanern von Herzen, dass sie die darin wurzelnden Freiheitsrechte eines jeden Menschen nicht nur erinnern, sondern auch beherzigen.
Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit. Zahlreiche biblische Texte erzählen davon. Schon der Schöpfungsmythos der Bibel symbolisiert diesen Gedanken (oh je, werden sich einige von Ihnen fragen, fängt sie jetzt bei Adam und Eva an? Tut sie!). Adam und Eva nehmen sich die Freiheit und essen von dem Baum, der ihnen verboten war. Damit verwirklichen sie ihre Neugier, ihren Wissensdrang, ihren Möglichkeitsraum. Die Folgen sind existentiell: Die Beziehung zu Gott ist gestört, sie entfremden sich von einander und von Gott. Doch der Mythos erzählt, dass Gott sie trotzdem bewahrt.
Die bekannteste Freiheitsgeschichte der Bibel ist sicherlich die Befreiung des Volkes Israel aus der Unterdrückung und Sklaverei Ägyptens. Gott sieht die Not seines Volkes und führt es in ein freies Land.
Und ein drittes und letztes biblisches Beispiel sind die Wunder- und Heilungsgeschichten Jesu. Sie berichten, wie er Menschen von Schuld und Sünde, Hunger und Armut, Isolation und Aussichtslosigkeit befreit.
Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit. Im Unterschied zur absoluten Freiheit Gottes ist die menschliche Freiheit begrenzt. Wir kennen die Grenzen nur zu gut, die uns lähmen, unser Handeln einschränken und uns an Aufbrüchen hindern: Gesetze, Regeln, verfestigte Strukturen, Gewohnheiten und ganz häufig Ängste. „Das ist viel zu riskant. Das haben wir doch noch nie gemacht. Das geht nicht, nicht in einer Kirche!“ (Denken wir nur an die riesige Hüpfburg für Kinder vorgestern hier im Nordschiff der Kirche – das geht nicht?) „Warum denn nicht?“ Hier ein paar Antworten, die wir im Kirchenkreis und in St. Katharinen gut kennen: Weil der Denkmalschutz dagegen ist…, außerdem haben wir eh kein Geld und auch kein Personal…, und überhaupt: wir dürfen unsere Gemeinde nicht überfordern.
Meine Erfahrung ist eine andere, liebe Gemeinde, und sie wird bestärkt durch den Satz von der geschenkten Freiheit. Da eröffnen sich neue Perspektiven, überraschende Alternativen, oder wie ein Fußballtrainer sagen würde: Da öffnen sich Spielräume! Diese brauchen wir in Kirche und Gesellschaft, um mit Mut und Phantasie, Transparenz und Zuversicht, und einer ordentlichen Portion Risikobereitschaft die anstehenden Transformationen zu gestalten. Die ersten Spielzüge, die wir in fünf Innenstadtgemeinden und an einigen anderen Orten im Kirchenkreis geprobt haben, stimmen mich optimistisch. Sie ermutigen zu neuen Aufbrüchen.
Über dem Eingang von St. Katharinen steht der wunderbare Satz: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, die zukünftige suchen wir“ (Hebräer 13,14). Er beschreibt die Vision einer himmlischen Stadt, in der sich die Menschen frei bewegen können, in der alle - gleich welcher Nation, Religion und Lebensform- friedlich zusammenleben und genug zum Leben haben. Der Satz wurde uns zum Auftrag aufzubrechen, rauszugehen aus unseren Kirchenmauern und an dieser zukünftigen Stadt wenigstens in Ansätzen mitzubauen.
Ich möchte an dieser Stelle einen ganz großen Dank aussprechen an den klugen, mutigen und schönen Teamgeist von St. Katharinen, im Gemeindebüro, im Kirchengemeinderat und im Förder -und Freundeskreis. Ich danke Andrea Wagener für 19 gemeinsame Jahre, unserem unermüdlich einsatzbereiten Küster Vadim Dukart und Oliver Schridde, vielen Ehrenamtlichen, unseren Kirchenmusikern Andreas Fischer, Haruka Kinoshita und Charlotte Krohn, den Katharinenpastor*innen Frank Engelbrecht, Maren Trautmann, Andrea Busse, Meike Barnahl, Carolin Sauer, Katharina Fenner und meinen wunderbaren Referent*innen Steffen Kühnelt, Anne Wehrmann, Dorothea Frauböse, Lukas Brinkmann, Ann-Kathrin Brenke und Katharina Vetter. Es war mir eine große Freude, und ich werde Euch vermissen, wenn ich jetzt ohne Euch aufbreche!
Liebe Anne Arnholz, Du wirst dieses schöne Doppel-Amt bald übernehmen, und das verheißt für unsere Kirche viel Gutes. Ich kann gut loslassen, weil Du kommst.
Der Predigttext für den morgigen Sonntag erzählt auch von einem Aufbruch. Der Evangelist Lukas berichtet von vielen Menschen, die gekommen sind um Jesus zuzuhören. Die Szene ereignet sich am See Genezareth in den Morgenstunden. Fischer sind gerade dabei, ihre Netze zu säubern. Jesus steigt in eines der Boote und bittet den Fischer Simon Petrus ein Stück hinauszufahren, damit mehr Menschen ihn sehen und hören können. Und dann fordert er ihn auf: Fahrt hinaus, wo es tief ist und werft eure Netze nochmal aus. Sie sollen wieder rausfahren? Nachdem sie die ganze Nacht auf dem See waren und nichts gefangen haben? Das ist doch sinnlos. Das haben sie noch nie gemacht. Das widerspricht ihrer langjährigen Erfahrung als Fischer, man könnte es als Beleidigung ihrer Fischer-Ehre begreifen. Doch Simon Petrus vertraut diesem Mann, der so viel Zuversicht verbreitet, und wirft seine Netze aus. Sie fangen so viel, dass nicht nur eines, sondern zwei Boote voll werden bis zum Rand. Es ist so überwältigend, dass Simon Petrus vor Jesus auf die Knie sinkt und bekennt: Ich bin ein sündiger Mensch, ich habe das nicht verdient. Jesus sieht in ihm etwas ganz anderes und spricht: Fürchte dich nicht. Von nun an wirst du Menschen fangen. Ohne weitere Worte bringen Simon Petrus, Jakobus und Johannes ihre Boote an Land und folgen Jesus. Sie brechen in eine ungewisse Zukunft auf.
Aber, machen wir uns nichts vor: Unsere kirchlichen Boote werden heutzutage nicht mal halbvoll. Und das liegt nicht daran, dass der See leer gefischt ist. Der Mitgliederverlust gehört zu den bitteren Erfahrungen meiner 22 Jahre als Pröpstin und Hauptpastorin. Die vielschichtigen Gründe dafür muss ich hier nicht erwähnen. Ihr kennt sie alle – einige können wir nicht beeinflussen. Andere haben mit uns Kirchenleuten zu tun, mit Versäumnissen, Verirrungen, Verkrustungen und Strukturen, die dem Missbrauch Raum gaben. Die Gespräche mit Betroffenen sexualisierter Gewalt haben mich tief bewegt, erschüttert und geprägt. Ich bin dankbar für den Aufbruch, den wir initiiert haben: Wir unterstützen heute diejenigen, die Leid erfahren haben, wir schulen unsere Haupt- und Ehrenamtlichen in der Prävention, wir entwickeln eine Kultur der Achtsamkeit und des Respekts. Ich danke unserer Geschäftsstelle, dem Kirchenkreisrat, der Synode, meinen pröpstlichen Kolleg*innen und dem Geistlichen Kollegium, meiner Bischöfin, und dem Team von Prävention und Intervention für ihre kritische Beratung, mannigfaltige Unterstützung und die Freiheit, hier neue und andere Wege zu gehen.
Der Theologe Henning Luther hat einmal gesagt: Glauben heißt, aufbrechen ins Neue, Unbekannte, Fremde. In eine offene Zukunft. Aber nicht in Furcht, sondern im Vertrauen auf Gottes Geist, der uns begleitet. Der uns von der Sorge um uns selbst befreit, damit wir frei werden für andere, für eine gute Zukunft.
Was werde ich nun anfangen mit dem Zugewinn an Möglichkeiten, frei verfügbaren Zeiten, einer ganz neuen Unabhängigkeit? Vielleicht halte ich es wie der Urlauber, der vor seiner Reise von seinem Kollegen gefragt wurde: Na, was hast Du denn alles vor in deinem Urlaub? Ach, antwortet er, den ersten Tag werde mich in aller Ruhe in eine Hängematte legen und entspannen. Und dann? Was planst du am 2. Tag? Da werde ich vielleicht, aber nur ganz vielleicht ein wenig schaukeln…
Bleiben Sie behütet!
Amen!
