„Rahab und das rote Seil“ (Josua 2)
Lesung einer alten Erzählung: Josua 2 (Predigttext)
kurze Einführung:
Nachdem das Volk Israel am Schilfmeer vor den Ägyptern gerettet worden war und dann, wie erzählt wird, 40 Jahre durch die Wüste wanderte, in ständigem Zweifel, das gelobte Land jemals zu erreichen, und auch allen möglichen Anfechtungen ausgesetzt, Frauen anderer Völker und ihren Göttern, da kamen die Israeliten unter Josuas Führung von Osten her zum Jordan, um ihn zu überqueren und endlich in das Land Kanaan einzuziehen. ‚Landnahme‘ wird dieser Vorgang genannt, z.T. durch allmähliches Einsickern ins Land, z.T. aber auch, da das Land besetzt war, durch handfeste kriegerische Auseinandersetzungen, verbunden mit dem ‚Bann‘, der Auslöschung von allem vorherigen Leben dort. In diese Gesamtszenerie ist als Auftakt die Erzählung von Rahab und den zwei Kundschaftern eingefügt. Wir hören eine lange Geschichte mit allerhand provokanten Details: Josua 2
Predigt
Worum geht es eigentlich in dieser Geschichte, liebe Gemeinde? Um die Kundschafter und wie es ihnen ergeht oder um Rahab und was sie tut und nicht tut?
Beginnen wir mit den Kundschaftern: Sie kommen aus Schittim, einem Wüstenort etwa 50 km östlich von Jericho. Der Ort lässt an Israels Fehltritte denken, an wüstes Verhalten: Israelitische Männer ließen sich da mit fremden Frauen ein und übernahmen deren Götzendienst. Denen, die das Jahrzehnte später so berichten, ist das wichtig, weil Reformen auf klarere Abgrenzung von den Kanaanäern und ihren Kulten drängen.
Von Schittim also sendet Josua die zwei Kundschafter aus. In Jericho angekommen, brauchen sie erstmal Ruhe, kehren, weil da viele Fremde mehr oder weniger unerkannt hinkommen und man da auch allerhand zu hören kriegt, ins Haus der stadtbekannten Prostituierten Rahab ein und dort, im Bordell also, legen sie sich nieder. – Warum wird das so erzählt? Anrüchiger geht’s eigentlich nicht. Das verstört – und das soll es offenbar auch.
Natürlich ist die Ankunft der beiden Israeliten nicht verborgen geblieben. So lässt der König von Jericho Rahab vermelden, die beiden Männer herauszugeben. Und dann tritt Rahab selbst auf den Plan: Was soll sie tun? Sie herausgeben und dem Tode ausliefern und selbst womöglich dafür geehrt werden? Alles abstreiten: ‚war keiner da‘, auf die Gefahr hin, dass dann ihr ganzes Haus durchsucht wird und sie als Kollaborateurin dasteht? Stattdessen bleibt Rahab aufrecht: ‚Ja, da waren zwei Männer, ihr wisst schon … Kunden … ich konnte ja nicht wissen, dass sie … Aber vor Einbruch der Dunkelheit sind sie schon weg. Jagt ihnen nach, ehe sie nach Osten über den Jordan entschwinden!‘ – Was für ein Risiko geht Rahab da ein! Aber die lebensrettende Lüge funktioniert. Auf dem Dach unter Flachsstängeln verborgen hat sie die beiden versteckt. Während bis zum Jordan nach ihnen gesucht wird, schließt man das Tor der Stadt. Und nun?
Das Wichtigste kommt jetzt: die Kanaanäerin Rahab – vom Wort her steht das für offen, weit, geräumig – also die Frau mit weitem Horizont, steigt nochmal zu den beiden Israeliten aufs Dach und spricht mit ihnen in geradezu prophetischer Weise: ‚Ich weiß: Der Herr hat euch dies Land gegeben, ein Schrecken ist über alle Bewohner gefallen. Denn wir haben gehört, wie der Herr euch am Schilfmeer gerettet hat und dass ihr an den Amoriterkönigen Sihon und Og jenseits des Jordans den Bann vollstreckt habt. Nun wagt keiner mehr, vor euch zu atmen. Der Herr, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden.‘ – In solch einer Grenzsituation, den unabwendbaren Krieg vor Augen, ein klarer Seitenwechsel, ein eindeutiges Bekenntnis der Kanaanäerin zum Gott Israels! Es ist nicht so sehr die Angst vor den Israeliten, sondern die Ehrfurcht vor diesem Gott, der nicht nur oben im Himmel ist, sondern auch auf Erden mit seinem Volk im Bunde wirkt.
Und dann direkt zu den Kundschaftern gewandt: ‚So schwört mir nun bei dem Herrn, dass, wie ich euch barmherzig war, auch ihr an meines Vaters Hause Barmherzigkeit üben werdet! Gebt mir ein sicheres Zeichen, dass inmitten allen Unheils, das kommen wird, ihr meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder, meine Schwestern und alles, was sie haben, vom Tode errettet!‘
Ein richtiger ebenbürtiger Vertrag also! Bei ihrem Leben und unter Eid gehen die Kundschafter ihn ein und werden – wie das in der Buchmalerei auf dem Gottesdienstzettel so herrlich dargestellt ist – von Rahab am geschlossenen Stadttor vorbei an einem Seil aus einem Fenster des Hauses ins Freie gelassen. Listig heißt Rahab sie, erstmal nach Westen zu gehen und sich in den Bergen zu verstecken, bis die Luft rein ist. Und die Kundschafter bitten, dass sie das Seil in das Fenster knüpft, aus dem sie sie herabgelassen hat, als Zeichen dafür, dass ihr Haus bewahrt wird, wenn Israels Kriegsmacht kommt. Und genau so geschieht es dann auch. Aus dem Glauben heraus ist die Kanaanäerin stark, um ihres Glaubens willen wird sie bewahrt.
Das Zeichen dafür ist das rote Seil – Rotlichtmilieu eben. Wer weiß, wie viele Kunden sie schon auf die gleiche Weise hat nach hinten hinaus verschwinden lassen? Die Erzählung steckt so voller zwielichtiger Anspielungen. Mitten darin aber handelt Rahab den beiden Israeliten gegenüber anders, grenzüberschreitend. Sollen wir sogar sagen: von einer Prostituierten wandelt sie sich zu einer gottesfürchtigen Frau? Im Neuen Testament heißt es: Wegen ihres Glaubens kam Rahab, die Dirne, nicht mit den Ungehorsamen um, weil sie die Kundschafter mit Frieden aufgenommen hatte. (Hebr 11,31) In der Überlieferung heiratet sie später den Juden Salmon, wird eine Vorfahrin König Davids, Teil also der Heils- und Erlösungsgeschichte seit Abraham, und damit sogar, zusammen mit anderen Frauen, Tamar, Ruth, Bathseba, die ebenfalls Ausländerinnen sind, zu einem Teil des Stammbaums Jesu (siehe Matthäus 1).
Da ist das Volk Israel dabei, endlich ins verheißene Land zu kommen – und dann wird die Geschichte von solch einer Frau erzählt! Was für eine Grenzüberschreitung! Was für eine verrückte Rettungstat Gottes!
Die Geschichte soll verstören, soll zeigen, dass Gottes Abläufe anders gehen. Die am Rande der Gesellschaft sind nicht dazu verurteilt, immer da zu bleiben. Genau wie Jesus in seinen Begegnungen mit Sünderinnen und Sündern steht Gott mit dieser Geschichte für einen neuen Horizont, für einen Wandel und neue Aufgaben ein. Rahab ist dazu bestimmt, selbstbewusst für Gott einzustehen.
Das rote Seil erinnert an Liebe und Leidenschaften, auch an Blut und Krieg, in unserer Erzählung an die Entlassung der Kundschafter und die Rettung von Rahab und ihrer Familie. Das rote Seil verbindet sie und die Kundschafter. Seil heißt auf Hebräisch Tikwa. Tikwa ist auch das hebräische Wort für Hoffnung. Das rote Seil der Hure Rahab wird zum Seil der Rettung und der Hoffnung auf neue Würde. Es verbindet Rahab neu mit dem Volk Israel.
Was an dieser Erzählung so großartig ist: Der Glaube ist stärker als alle Moral. Moral trennt und verleitet zu Verächtlichkeit. Aber ein Moralapostel ist Gott nicht. Glaube kann über Grenzen gehen, stärken und verbinden. Dafür steht Rahab und das rote Seil. Amen.
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