„Guter Hirte gesucht!“ (Hesekiel 34)
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Liebe Gemeinde, der alte Psalm, der bekannteste in der Bibel, trägt weit und durch Vieles hindurch. Wenn alles zuwider ist, bleibt er mir als Halt und Trost. Wo alles nach finsterm Tal aussieht, steht am Ende die Perspektive: Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang. Und als ob das an Gewissheit nicht genug wäre, heißt es am Schluss: Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.
Welch Quelle für unser Leben! Für unser Leben, für das es hier in St. Katharinen heißt: „klug – mutig – schön“ und das vom Kirchentag unter das Ziel und Motto gestellt ist: „mutig – stark – beherzt“.
Ja, der Psalm vom guten Hirten gründet, das stärkt, das ist Ausdruck von Urvertrauen und zugleich Grundorientierung zu Menschlichkeit und Barmherzigkeit, ohne die wir nicht Menschen bleiben. Solche Erinnerungen sind nötig in Zeiten wie diesen.
A.
Der lange Text aus dem Buch Hesekiel öffnet den Raum, über den individuellen Horizont geht er weit hinaus. Es geht mit prophetischer Schärfe um Gesellschaftskritik. Die Alternative zwischen (wie es in der Überschrift heißt) den schlechten Hirten und dem rechten Hirt hilft genauer hinsehen.
Gleich mit einem Weheruf und einer pointierten Charakterisierung geht es los: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden – und nicht die Herde! Die das Fett essen, die das Schwache nicht stärken, das Verlorene nicht suchen und sogar das Starke niedertreten mit Gewalt. Und die Folgen solch egoistischer Herrschaft werden auch gleich beschrieben bis an die Grenze der Schmerzhaftigkeit: zerstreut sind die Schafe und zum Raub geworden, zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten. Aber die Schafe werden nicht nur als Opfer untätiger oder falscher Hirten gesehen, sondern inmitten der Gewalt auch selbst als Opfer-Täter: Ist’s euch nicht genug, die beste Weide zu haben, dass ihr die übrige Weide mit Füßen tretet und auch noch das klare Wasser trübe macht? Ja, dass ihr sogar mit Seite und Schulter die Schwachen drängt und sie mit euren Hörnern stößt, bis ihr sie hinausgetrieben habt?
Wir können in Palästina und Israel bleiben, wir wissen, was hierzulande Stimmung ist, wir können aber auch in die USA und andere Länder autokratischer Herrschaft schauen – was für ein aktueller Text!
B.
Wie im Gegenüber dazu rechte Hirten handeln, das sich genau vorzustellen, bleibt den Hörerinnen und Hörern selbst überlassen. Das wird nicht eigens beschrieben. Stattdessen ist Gottes Wort an die schlechten Hirten zu hören: Ich will an die Hirten und meine Herde von ihren Händen fordern und ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind. Ich will mich meiner Herde selbst annehmen. Inmitten der Völker ist es Gott selbst, der für gute Lebensbedingungen sorgen will. Ich selbst will meine Schafe weiden und sie suchen und erretten von allen finsteren Orten, wohin sie zerstreut waren.
Es ist Prophetenwort an Israel, eine Abrechnung mit dem Königtum in Israel und Juda nach deren Ende, nach der Zerstörung Jerusalems und Israels, schon damals ein Festhalten am Versprochenen wider allen Augenschein. Mit den Hirten hat es ein Ende gegeben. Aber zu einem sicheren Wohnen im gelobten Land ist es nicht gekommen. Hesekiel weiß: die Welt bleibt ein gefährlicher Ort. Hesekiels Botschaft ist, das Volk, das völlig zerschlagen ist, wieder aufzurichten. Aber seine Hoffnung auf Sicherheit und Frieden bleibt bescheiden, zugleich erstaunlich ganzheitlich: Ich will einen Bund des Friedens mit ihnen schließen und alle bösen Tiere ausrotten, dass sie sicher wohnen und schlafen können. Gnädige Regen sollen dafür sorgen, dass die Bäume ihre Früchte bringen und dass sie nicht mehr Hunger leiden. Ihr sollt meine Herde sein, und ich will euer Gott sein.
Diese Verheißung hat Hesekiel in unübersichtlichen, unruhigen, unsicheren Zeiten bewahrt, allen Zweifeln zum Trotz. Solche Visionen von Sicherheit und Frieden in aller Natur sind kostbare Widerstandssprache.
Um es sehr pointiert zu sagen: Auch wir wissen, dass Gott immer wieder nicht gehandelt hat und Tausende, wie es bei Hesekiel heißt, zum Fraß geworden sind. Holocaust und kein Eingreifen – das ist die schwerste Infragestellung des Glaubens. Dass Juden inmitten dessen an Gott festgehalten und in Menschen am Galgen Gott selbst bei ihnen gesehen haben – das ist die kostbarste Bewährung des Glaubens, auch des christlichen.
Auf diese Weise hat der Gekreuzigte und alles, wofür er im Leben eingestanden ist, Bedeutung behalten. Seine Bilder vom guten Hirten: von der Suche nach dem verlorenen Schaf, vom barmherzigen Samariter, vom Vater, der sich der Rückkehr seines verlorenen Sohnes freut. Ja, Jesus nachfolgen heißt, zum guten Leben beitragen, Verantwortung übernehmen und versuchen, guter Hirte zu sein. Und es gibt sie mitten unter uns, gute Hirten, in denen uns Gott selber guter Hirte ist.
Wir haben gegenwärtig vielfach mit Neubeginn zu tun. Und ob die, die in der Ferne und in der Nähe neu beginnen, sich dann als gute oder schlechte Hirten erweisen, bleibt dahingestellt: in der Katholischen Kirche, im NDR, mit der neuen Bundesregierung und dem Hamburger Senat, in Palästina und Israel, in zahlreichen Kriegsgebieten und hoffentlich irgendwann auch in Russland, in den USA. Allenthalben: Guter Hirte gesucht!
C.
Das Bild aber, das Bild vom guten Hirten, bleibt. Dem alten Prophetentext wie dem Neuen Testament ist Entscheidendes zu entnehmen, was einen guten Hirten ausmacht. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken; ich will sie weiden, wie es recht ist. Es geht um die Verlorenen und Schwachen – das ist das Erste. Die Herde kann selbst, aber es gibt besonders Unterstützungsbedürftige.
Wie es um die Qualität einer menschlichen Gesellschaft bestellt ist, zeigt sich an der Art und Weise, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht.
Alle Menschen machen auf die eine oder andere Weise Erfahrungen damit, Hirtin oder Hirte zu sein. Schließlich haben wir alle die Aufgabe, unserer Schwester oder unseres Bruders Hüterin oder Hüter zu sein. Und ich denke, wir alle wissen, als Eltern zumeist, um Gefährdungen und unsere Grenzen dabei.
Ich habe selbst einmal intensive Erfahrungen mit dem Bild vom Hirten gemacht: In meinem kirchlichen Berufsleben bin ich dreißig Jahre lang erst in Hamburg, dann in der Nordelbischen bzw. der Nordkirche insgesamt an Leitung beteiligt gewesen. Und dann kam eine Situation, wo ich verschärft darüber nachdenken musste, als ich nämlich auch die Personalverantwortung für eine große Zahl von Pastorinnen und Pastoren und anderen Mitarbeitenden übertragen bekam. Wenn man immer schon mitgearbeitet hat – wie geht man dann in die Leitung selbst? Heißt das, nun plötzlich als Hirte mehr oder weniger einsam vorweggehen zu müssen? Oder ist die Position eher, hinteran zu gehen und die Herde vor sich herzutreiben? Ist man mitten drin, als ob es keinerlei Unterschiede gäbe? Oder schaut man eher von der Seite her beobachtend drauf, wohin die Herde läuft? Am Ende ist es ganz etwas anderes gewesen, was nicht nur mir, sondern allen geholfen hat: gleich bei der ersten Zusammenkunft in neuer Konstellation die klare Unterscheidung der Aufgaben: Ich bin hier nicht der Oberseelsorger, sondern für gute Seelsorge seid ihr kompetent, je an eurem Ort verantwortlich und das erwarte ich auch; meine Verantwortung ist, dafür zu sorgen, dass ihr gut arbeiten könnt. Andere wachsen und groß werden zu lassen, das war für mich die eigentliche Kunst.
Die Aufgabenorientierung ist wichtig. Zum Hirtesein gehört, genau zu unterscheiden, wofür man verantwortlich ist und wofür nicht – das ist das Zweite.
Ich trete voll dafür ein – und das ist das Dritte – in der Wahrnehmung der eigenen Verantwortung Gott den eigentlichen Hirten sein zu lassen, Gott, so wie wir ihn durch Jesus Christus kennen. Wer das Gras wachsen lassen will, indem er ständig an ihm zieht, wird es irgendwann welk darniederliegend vorfinden. Es kommt darauf an, die Freiheit und damit Gott selbst ins Spiel kommen zu lassen. Das hilft, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und die Autorität des Hirtenamtes nicht zu missbrauchen. Wir sind nur Beauftragte, aber gehören tun die Schafe einem anderen.
D.
Am Ende geht es um die Zentrierung auf Gott selbst als Guten Hirten. Ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr. Mit seinem Volk schließt er einen Bund des Friedens und wird ihm David als ihren Guten Hirten erwecken, wie es bei Hesekiel messianisch heißt. An diese Linie wird im Evangelium nach Johannes angeknüpft, in dem es nun Christus selbst ist, der spricht: Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen. Die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Ich lasse mein Leben für die Schafe.
Es sind ganz nahe, intime Worte, mit denen die einzigartige Vertrauensbeziehung beschrieben wird: Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich. Gott ist mir näher und kennt mich besser als ich mich selbst. Für Angst, Protest, Verzweiflung gibt es keinen intimeren Adressaten als Gott. Von diesem Hirten kann nichts uns scheiden.
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.
Amen.
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