„Mit Gott Schritt halten“ (Lukas 9, 57–62)
Wir haben es hierzulande so gut, aber in der Unruhe unserer Tage – ich glaube, liebe Gemeinde, da sind wir sowas von Nachfolge-bedürftig wie selten zuvor! Da will der eine mit Krieg nicht aufhören, und dem anderen fällt jeden Tag neues Unheil ein. Verlassen kann man sich auf fast gar nichts mehr. Was einmal Ziel war: die Stärke des Rechts anstelle des Rechts des Stärkeren, das scheint bloßem Machtstreben, Machterhalt und egozentrischem Autoritarismus gewichen zu sein. Im Schatten der großen wollen auch die kleinen Kriege und Gewaltexzesse in Mittelasien, in Nahost, in Afrika, in Mittelamerika, die für die Menschen nicht weniger schrecklich sind, nicht aufhören. In Israel/Palästina ist keine verheißungsvolle Entwicklung in Sicht und für den Iran? Erst recht nicht. Wie soll da international Ordnung wachsen?
Und wie sollen wir, dies alles sehend, mit all dem konfrontiert, innerlich damit umgehen können? Ungewissheiten, Ängste und Unruhe wachsen. Die Menschen, wir alle werden dünnhäutiger. Wo können wir Orientierung suchen, wo einen Halt finden?
Der Sonntag heute lädt uns dazu ein, darüber nachzudenken, ob nicht Nachfolge eine Perspektive sein könnte, ja dass wir geradezu Nachfolge-bedürftig sind.
Jesus nachfolgen zu wollen – ich glaube, das scheint etwas aus der Mode gekommen zu sein. Es klingt wie ein altmodisches Wort, eher abständig als lebensnah. Bonhoeffer hat das, das Ende der Nazi-Zeit bereits erahnend, auf seine Weise beschrieben (Widerstand und Ergebung, Ende von: Nach zehn Jahren, an der Wende zum Jahr 1943): Wir sind stumme Zeugen böser Taten gewesen, wir sind mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt, wir sind durch Erfahrung misstrauisch gegen die Menschen geworden …, wir sind durch unerträgliche Konflikte mürbe oder vielleicht sogar zynisch geworden – sind wir noch brauchbar?
Auch wir können uns das so fragen: Sind wir für ein Leben, das für Gottes Güte durchlässig ist, das anderen aufhilft, das anpackt, wo’s nötig ist, noch zu gebrauchen? Oder sind wir so sehr Zeugen böser Taten geworden, dass wir auch selbst schon ganz korrumpiert sind und gar nicht mehr aufzustehen wagen?
Der Ruf zur Nachfolge Jesu mag in diesen Zeiten ein bisschen fremd sein. Aber – das ist das Erste, was ich sagen will – er ist: ein Geschenk! Gott fordert uns und überlässt uns nicht uns selbst! Wir werden herausgerufen, Jesus hat die Initiative. Die Augen Gottes, Okuli, sie sehen, was wir brauchen, wie Ziel- und Sinn- und Nachfolge-bedürftig wird sind.
Es ist das Geschenk einer klaren Orientierung in unsicheren Zeiten. Dorothee Sölle hat Jesus Christus „die genaueste Interpretation des Menschen, die ich kenne,“ genannt. Das ist eine Spur, der wir folgen können. Seinen Begegnungen, seinen Gleichnissen, seinen Disputen können wir nachgehen.
Zur Nachfolge gehört – das ist das Zweite – Hinderliches lassen! Sich ärgern über Sachen, die man doch nicht ändern kann, zum Beispiel. Auf andere schimpfen, die nichts dafür können. Eifersucht und Neid – all das hindert uns, für das frei zu sein, was Gott mit uns vorhat.
Manch einer denkt, Nachfolge hieße, man müsste alles aufgeben. Es sei besonders gottgefällig und Zeichen ganzer Demut, mit größter Mühe genau das zu tun, wozu man am wenigsten in der Lage ist – als ob Gott besondere Freude daran hätte, wenn einer an seinen Gaben vorbei lebt. Nein, beim Lassen geht es nicht um alles, als ob im Verzicht selbst das Heil läge. Es geht darum, mit Achtung und Respekt das Leben um einen herum wachsen und zu voller Entfaltung kommen zu lassen und alles zu meiden, was dem hinderlich entgegensteht.
Nachfolge – das ist das Dritte – hat ein Ziel. In den Begegnungen mit Jesus ist das klar geworden: dass Menschen wieder auf die Beine kommen, dass sie wieder frei und selbständig leben können, dass sie statt ausgeschlossen zu sein Zugehörigkeit erfahren, dass sie ihre Power ent-decken und ihre Lust, für andere da zu sein. Es geht um Teilhabe und Inklusion und die vielen vielen kleinen Schritte dazu.
Nachfolge: 1. das Geschenk einer Orientierung, 2. die Forderung, Hinderliches zu lassen, und 3. leben mit Zielen, die Jesu Ziele waren.
Jesus hat seine Zeit als Endzeit verstanden. Das Reich Gottes ist nah, die endgültige Selbstdurchsetzung Gottes alles in allem steht unmittelbar bevor. Das hat Johannes den Täufer, Jesus und andere seinerzeit radikal werden lassen. Ihr Leben in ihren letzten Jahren hat man als Wanderradikalismus bezeichnet, so wie wir das vorhin gehört haben und wie das im Jesuswort zum Ausdruck kommt: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Wanderradikalismus. Doch während Johannes der Täufer Schuldvorwürfe und Umkehrforderungen radikal groß gemacht hat, hat Jesus eher dazu eingeladen, so wie er selbst jetzt schon aus der Nähe Gottes zu leben. Daher kommen seine radikalen, unwirsch klingenden Worte: Nichts da mit zuvor hingehen und den Vater begraben – nein: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes. Das ist jetzt dran! Nichts da mit noch Abschied nehmen von denen, die in deinem Hause sind – nein: Blick nach vorn, richte dich ganz aus auf das, was kommt! Die Zeit ist kurz. Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Das Ende Jesu ist anders gekommen. Die Endzeit, wie Jesus sie unmittelbar vor sich sah, ist so nicht herbeigekommen. Und wir heute? Wir scheinen in anderer Weise in Endzeiten zu leben. Eher Untergangsszenarien als Verheißung des Reiches Gottes. Die alte Geschichte vom Kind im Stall, vom Frieden auf Erden und der Ehre Gottes in der Höhe ist uns, obwohl sie doch so nötig ist, beim letzten Weihnachten richtig schwergefallen.
Also: wie können wir in heutigen Zeiten, ohne die Zeitvorstellungen Jesu, mit Gott, mit Jesus Christus Schritt halten? Was kann, inmitten aller Unruhe und Ungewissheit, unser vernünftiger Gottesdienst im Alltag der Welt sein?
Nicht Genies, nicht Zyniker, sondern schlichte, einfache, gerade Menschen werden wir brauchen, hatte Dietrich Bonhoeffer geschrieben. Einige Zeit später hat er das nochmal vertieft (Widerstand und Ergebung, Brief vom 21.7.1944): Ich erinnere mich eines Gesprächs, das ich vor 13 Jahren in Amerika mit einem französischen jungen Pfarrer hatte. Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden (– und ich halte für möglich, dass er es geworden ist –); das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen. Lange Zeit habe ich die Tiefe dieses Gegensatzes nicht verstanden. … Später erfuhr ich und erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann (eine sogenannte priesterliche Gestalt!), einen Gerechten oder einen Ungerechten, einen Kranken oder einen Gesunden – und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben, – dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist Umkehr; und so wird man ein Mensch, ein Christ.
Nicht selber Christus werden wollen, sondern Mensch werden, Mensch bleiben in der Nachfolge Jesu. Sich Gott ganz in die Arme werfen. Das heißt: mit Gott Schritt halten in unseren Zeiten. Amen.
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