Neue Töne: 70 Jahre Hamburger Bach-Preis (1950 – 2020) (DIGITAL)

Kategorie: Stiftung Johann Sebastian, Veranstaltung, Kirchenmusik
Startdatum: Sonntag, 17. Januar, 18:00 Uhr
Ort: Digital

Sonntag, 17.1 2021 18.00 Uhr (DIGITAL)
NEUE TÖNE - 70 Jahre Hamburger Bach-Preis (1950-2020)
Orgelkonzertreihe mit Andreas Fischer 

Derzeit sind leider keine Live-Konzerte in St. Katharinen möglich. Das ursprünglich für den 20.12.2020 geplante und dann auf den 17.1.2021 verschobene Orgelkonzert der Reihe NEUE TÖNE wurde daher in leicht veränderter Form für Sie aufgezeichnet. Es wird am 17.1. ab 18.00 Uhr über YouTube:

https://www.youtube.com/watch?v=pnbyI5uYGXY&feature=youtu.be


und auch über unsere Homepages erreichbar sein.

Wir freuen uns natürlich über möglichst zahlreiche „Zuhörer“ und - falls es Ihnen gefallen hat - auch über eine kleine Spende i.H.v. 10 € anstelle eines Eintrittspreises, die Sie auf folgendes Konto überweisen können:

STIFTUNG JOHANN SEBASTIAN
IBAN: DE37 2019 0003 0008 8668 80
BIC GENODEF1HH2

Falls Sie bereits eine Karte im Vorverkauf erworben haben sollten, gilt diese Bitte natürlich nicht. Sie können Ihre Karte aber auch zurück geben und erhalten den Preis dann erstattet.

 

 Olivier Messiaen (1908-1992)
Hamburger Bachpreisträger 1979
aus: „La Nativite du Seigneur“ (Die Geburt des Herrn 1935)
I. La Vierge et l’enfant (Die Jungfrau und das Kind)
„Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben. Freue dich, Tochter Zion! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ (Jes. 9,5; Zach. 9,9)
 
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Einige canonische Veränderungen über das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch, da komm ich her" BWV 769: Canone all’ ottava

Olivier Messiaen (1908-1992)
aus: „La Nativite du Seigneur“ (Die Geburt des Herrn 1935)
II. Les Bergers (Die Hirten)
„Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten.“ (Luk. 2,20)

Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Einige canonische Veränderungen über das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch, da komm ich her" BWV 769: Canone alla quinta

Olivier Messiaen (1908-1992)
aus: „La Nativite du Seigneur“ (Die Geburt des Herrn 1935)
III. Desseins eternelles (Gottes ewiger Heilsplan)
„Gott hat uns in seiner Liebe zu seinen Kindern bestimmt, durch Jesus Christus, zum Lobe seiner herrlichen Gnade.“ (Eph. 1, 5-6)

Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Einige canonische Veränderungen über das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch, da komm ich her" BWV 769: Canone alla settima
 
Olivier Messiaen (1908-1992)
aus: „La Nativite du Seigneur“ (Die Geburt des Herrn 1935)
V. Les enfants de Dieu (Die Kinder Gottes)
„All denen, die es empfangen haben, hat das Wort die Macht gegeben, Gottes Kinder zu heißen. Und Gott hat in ihre Herzen den Geist seines Sohnes gegeben, der ruft: ‚Abba, lieber Vater!‘“ (Joh. 1,12; Gal. 4,6)

Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Einige canonische Veränderungen über das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch, da komm ich her" BWV 769:  Canon per augmentationem

Olivier Messiaen (1908-1992)
aus: „La Nativite du Seigneur“ (Die Geburt des Herrn 1935)
VI. Les Anges (Die Engel)
„Die Menge der himmlischen Heerscharen lobte Gott und sprach: ‚Ehre sei Gott in der Höhe!‘“ (Luk. 2,13 – 14)

Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Einige canonische Veränderungen über das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch, da komm ich her" BWV 769:
Canto fermo in canone e al rovescio (alla sesta, alla terza, alla seconda, alla nona)

Olivier Messiaen (1908-1992)
aus: „La Nativite du Seigneur“ (Die Geburt des Herrn 1935)
VIII. Les Mages (Die Weisen)
„Die Weisen machten sich wieder auf den Weg, und der Stern leuchtete vor ihnen.“ (Matth. 2,9)

Johann Sebastian Bach
Fantasia G-Dur BWV 572

 

Die Orgel nimmt im Œuvre Olivier Messiaens, der heute zu den einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts zählt, einen zentralen Platz ein. Das ist zweifellos der Tatsache zuzurechnen, dass er selbst ein bedeutender Organist war und  60 Jahre lang das wichtige Organistenamt an der Pariser Kirche La Trinité bekleidete. 1908 in eine literarisch geprägte Familie in Avignon geboren begann er ab dem achten Lebensjahr erste ungewöhnliche musikalische Interessen zu entwickeln. Im Klavierunterricht begegnete er erstmals der Musik Ravels und Debussys, die prägenden Einfluss auf ihn ausübte, was besonders für Debussys Oper Pelléas et Mélisande gilt. Zu den frühen Einflüssen gehört auch der katholische Glaube, der eine lebenslange Wirkung auf Messiaens Schaffen entfaltete. Von 1919 bis 1930 studierte Messiaen am Pariser Conservatoire. Hier besuchte er u.a. die Orgelklasse von Marcel Dupré , später die Kompositionsklasse von Paul Dukas. In die 1930er Jahre fällt der Beginn seiner Organisten- und Lehrtätigkeit, es entstehen erste bedeutende Werke. Im Jahr 1939 wurde Messiaen zum Kriegsdienst einberufen und geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Knapp neun Monate verbrachte Messiaen in einem Görlitzer Konzentrationslager. Hier entstand das Quatuor pour la fin du temps (Quartett für das Ende der Zeit), das er zusammen mit anderen Lagerinsassen auch zur Uraufführung brachte. Nach seiner Rückkehr nach Paris wurde Messiaen 1941 zum Lehrer am Conservatoire ernannt, ab 1966 als Professor für Komposition. Bis 1978 bildete er ganze Generationen von wichtigen Komponisten des 20. Jahrhunderts aus, darunter Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen, Mikis Theodorakis, Iannis Xenakis und Luigi Nono. 1975–1983 schrieb Messiaen nach eigenem Libretto seine einzige Oper Saint François d’Assise, deren acht Bilder das Eingehen der göttlichen Gnade in die Seele Franz von Assisis darstellen.

Die musikalischen Einflüsse, die in Messiaens Musik Eingang fanden, sind außerordentlich vielfältig und reichen von der Zahlenmystik und indischen Rhythmen über die Gregorianik, den Vogelgesangs (Messiaen war ein beschlagener Ornithologe) und die  Klangwelt javanischer Gamelan-Orchester bis hin zur Musik Claude Debussys und Igor Strawinskys. Über all diese verschiedenartigen Inspirationen hinaus ist seine Musik von spiritueller Energie und einem tiefen, katholischen Glauben geprägt. Er war außerdem Synästhetiker, der Klänge mit Farben assoziierte.
All diese Facetten ordnete Messiaen in einem eigenen komplexen musikalischen System, dass harmonisch in seine sieben „Modi mit begrenzten Transpositionsmöglichkeiten“ und rhythmisch in sog. „nicht umkehrbare Rhythmen“ mündete. Die Modi systematisieren die bereits aus der Musik von  Liszt, Debussy, Skrjabin, Ravel und Bartók bekannten distanziellen Oktavteilungen, die den Tonraum in gleichbleibende Intervallfolgen teilt, deren Glieder nach einigen Transpositionen wieder mit dem Ausgangspunkt identisch und daher nur begrenzt transponierbar sind.. Messiaen erfand auch einige „Spezialakkorde“, wie zum Beispiel den akustischen Achtklang „Akkord der Resonanz“ oder den diatonischen Siebenklang „Akkord auf der Dominante“ und viele andere mehr. Die rhythmischen Formeln entwickelte er aus symmetrischen Multiplikations- und Divisionsreihen und dem sog. valeur ajoutée, einem kleinen Notenwert, der regelmäßigen Reihen hinzugefügt wird, was eine schwebende Rhythmik erzeugt.  Mit seinem Klavierstück Mode de valeurs et d’intensités initiierte er 1949 die serielle Musik. Diesen Ideen blieb er trotz Verfeinerung der Techniken sein ganzes weiteres Leben weitgehend treu. Dies führte zu einem in sich geschlossenen, unverkennbaren „Messiaen-Stil“, der sich durch alle seine Werke zieht.

In seinem ersten eigenständigen Orgelzyklus, der 1936 entstandenen „La Nativité du Seigneur“ sind die meisten dieser Kompositionsprinzipien bereits voll entfaltet und werden in einem Vorwort auch erläutert. Formal handelt es sich um 9 Meditationen, die verschiedene Aspekte des Weihnachtsgeschehens musikalisch-theologisch deuten. Als Deutungsrahmen sind ihnen entsprechende Bibelverse vorangestellt. Im heutigen Konzert werden aufgrund der instrumentalen Rahmenbedingungen (das Werk ist nicht für eine Barockorgel geschrieben, kann aber auf einem solchen Instrument gleichwohl größtenteils dargestellt werden) drei Meditationen ausgelassen. Die übrigen seien kurz erläutert:

 
La Vierge et l’enfant (Die Jungfrau und das Kind)
Das Stück ist dreiteilig; der erste und dritte Teil schlagen den Ton eines Wiegenliedes an, das am Schluss zu großer Ruhe kommt. Der Mittelteil führt uns die Freude der jungen Mutter vor Augen, wobei der gregorianische Introitus zum Weihnachtsfest „Puer natus est nobis“ von der rechten Hand verziert und der Tonsprache des 6. Modus angepasst wird. Im Pedal erklingt ein Ostinato-Motiv, das aus dem melodischen Material der beiden Außenteile besteht.

Les Bergers - Die Hirten
Eine Einleitung (die aus unterschiedlich langen, übereinander geschichteten Ostinati besteht) schildert sowohl die glitzernden Sterne am Himmel (rechte Hand), wie die sich vor dem neugeborenen König verneigenden Hirten (linke Hand, polymodal). Eine kurze einstimmige Überleitung führt zu einem „Noel“, einem typischen französischen Weihnachtslied, das bereits die Meister der klassischen französischen Orgelmusik zu ähnlichen Orgelkompositionen angeregt hat. Messiaen nimmt dazu ein altes Weihnachtslied aus der Campagne zur Vorlage und gleicht es  dem 6. Modus an. Die Schalmeien der Hirten sind zu vernehmen. Viermal erklingt die Melodie; zweimal in Originalgestalt, zweimal variiert, die Wiederholung jeweils als Echo.

Dessins éternels - Gottes ewiger Heilsplan
Eine lange und zarte Phrase schwebt über langen und tiefen Akkorden und versinnbildlicht den Abstieg des Wortes aus der Höhe auf die Erde.

Les Enfants de Dieu - Die Kinder Gottes
Die überströmende Freude mit Anschwellen des Klanges und der Beschleunigung des Tempos gipfelt in dem Ausruf „Vater, Vater!“
Es folgt eine verinnerlichte Phrase, die langsam und leiser werdend absteigt, voller Zärtlichkeit mit himmlischen Stimmen (voces coelestes). Insgesamt ist dieser Satz nahezu durtonal, zunächst über einem Dominant-Orgelpunkt, im Schlussteil über der Tonika.

Les Anges - Die Engel
„Es sind die Engel, die das erste ‚Gloria in excelsis’ singen. Frei und körperlos scheinen sie sich der Erde nur zu nähern, um wieder (Schlussteil) gemeinsam davonzufliegen, in einem Wirbel von Licht und einem Rauschen ihrer Flügel.“ Der Hörer lernt bei diesem Satz den Vogelstimmenforscher Messiaen kennen, der mit den Lauten der irdischen Flügelwesen die himmlischen musikalisiert.

Les Mages - Die Weisen
Geführt von dem Stern (Akkorde in der rechten Hand, s. „Die Hirten“), durchqueren die Weisen die Wüste (Melodie im Pedal), so wie sie Messiaen beschreibt „mit ihren Kamelen, ihren Dienern, ihren Geschenken“, eine ruhige und majestätische Karawane auf ihrem langen und beschwerlichen Weg. Das Stück endet innerlich und zart bewegt: Die Weisen fallen vor dem Kinde nieder.