Predigt am 7. April 2024 – Sonntag Quasimodogeniti

Pastor i.R. Sebastian Borck

Geheimnisvolle Verwandlung
Mit Tania Blixen und mit Jesus von Nazareth zu Tisch


 

Einführung in Tania Blixens Erzählung Babettes Gastmahl


Vor zwei Jahren ist Tania Blixens Erzählung Babettes Gastmahl in neuer deutscher Übersetzung und vollständig erschienen [Manesse Verlag, München 2022]. Das Bild Festmahl bei Skagen von Peder Severin Krøyer ziert den Einband des kleinen Bändchens. Bekannt geworden ist die Dänin Tania Blixen, gespielt von Meryl Streep, mit dem Film Jenseits von Afrika 1985. Auch ihre Erzählung, 1950 zuerst auf Englisch, 1958 dann auf Dänisch erschienen, ist vor allem durch den Film Babettes Fest 1987 zu einem Welterfolg geworden. Der Oscar-prämierte Film habe eine Langsamkeit, die man im heutigen Kino nicht mehr erwarten würde, hat es seinerzeit in der ZEIT geheißen. Wer sich sehne nach der zerbrechlichen Einheit von Wort und Bild, die das Kino noch manchmal erreiche, für den sei „die Tafel gedeckt“.


Babettes Gastmahl ist die bekannteste der in den 40er Jahren geschriebenen Erzählungen der dänischen Autorin Karen Christence von Blixen-Finecke, geborene Dinesen, wie sie jenseits aller Pseudonyme hieß. Die Erzählung kommt wie ein Märchen daher, in knapper treffsicherer Sprache entstehen Bilder von innerer Kraft. Sorgfältig in 12 Abschnitte gegliedert, führt die Erzählung vom asketisch-kargen Leben im von pietistischer Strenge gezeichneten Pfarrhaus in Berlevaag im nördlichen Norwegen am Rande der Zivilisation hin zu einer Überraschung, die die Haushaltshilfe, die es aus Paris dorthin verschlagen hat, fabriziert. So gestreng ist es zugegangen in dem christlichen Haus, dass die beiden sehr schönen Töchter des Pfarrers Martine und Philippa allen Avancen abhold und also unverheiratet bleiben und wohl auch zu anderen als altruistischen Beziehungen nicht in der Lage sind. Niemals klopfte, so heißt es, eine notleidende Seele vergeblich an ihre Tür. Babette, auf diese Weise aufgenommen und als Haushaltshilfe tätig, die in Paris sehr anderes kennengelernt hatte, aber wegen aufrührerischer Umtriebe von dort flüchten musste, ordnet sich in Berlevaag allen strengen protestantischen Regeln unter, tagaus tagein ist Brotsuppe und Stockfisch zuzubereiten, so wird im Pfarrhaus selber Armut gelebt und noch mehr für Verarmte getan.


Als nach langer Zeit der hundertste Geburtstag des ehemaligen Hausherrn, der in der Gemeinschaft, inzwischen in die Jahre gekommen und zunehmend von Zwistigkeiten und Schuldvorwürfen belastet, doch feierlich begangen werden soll, näher rückt, empfinden sich die beiden Töchter unzulänglich, angesichts des Vorhabens wie untreue Verwalterinnen. In dieser Situation kommt Babette mit einer ganz besonderen Bitte, die ihr Martine und Philippa nicht abschlagen können: nämlich zur Feier des Tages ein festliches Abendessen, ein original französisches Abendessen ausrichten zu dürfen, ganz auf ihre eigenen Kosten. So setzt Babette den gesamten  Gewinn aus einer Lotterie für Speisen und Weine  ein, die sie in Hülle und Fülle extra aus Paris dafür kommen lässt. Den anderen in der frommen Gemeinde wird’s über so viel Überfluss ganz unheimlich, doch sie beschließen zu schweigen. Babette aber bereitet mit all der Kochkunst einer Pariser Meisterköchin, die sie ja von Haus aus ist und über sich selbst hinauswachsend, ein Gastmahl mit mehreren Gängen vor, das alle Regeln und alle vermeintliche Glaubenstreue sprengt. Den Beteiligten in der Gemeinde, zumal den beiden Schwestern Philippa und Martine, ist das so fremd, dass sie es gar nicht recht würdigen können; sie sind überwältigt. Aber der eine weitgereiste, der 30 Jahre zuvor als Verehrer vergeblich zu Gast gewesen war und nun noch einmal in Berlevaag aufgetaucht ist, erkennt die erlesenen Speisen und weiß die außerordentliche Kochkunst und Freigiebigkeit zu schätzen. Die Zungen lösen sich, die Spannungen auch, Erinnerungen tauchen auf, die guten alten Geschichten. Allen wird immer leichter ums Herz. Welch Genuss, welch verschwenderische Freude! Wie sehr kann die Gnade Gottes über all unsere Vorstellungen hinausgehen!


Niemand geringeres als Papst Franziskus hebt lobend hervor: Die Freude dieser beschaulichen Liebe muss gepflegt werden. Da wir erschaffen sind, um zu lieben, wissen wir: … Die intensivsten Freuden des Lebens kommen auf, wenn man die anderen beglücken kann, in einer Vorwegnahme des Himmels. Man erinnere sich an die geglückte Szene in dem Film Babettes Fest, wo die großherzige Köchin eine dankerfüllte Umarmung und ein Lob empfängt: „Wie wirst du die Engel ergötzen!“ Süß und belebend ist die Freude, anderen Vergnügen zu bereiten und zu sehen, wie sie genießen.

 

 

Predigt


Gottesdienst feiern, Ostern feiern, Verwandlung feiern. Liebe Gemeinde, Babettes Gastmahl ermutigt uns, die verschwenderischen, üppigen, befreienden Seiten des christlichen Glaubens wahrzunehmen und Jesu Verkündigung und Leben nicht auf Tod und Auferstehung zu reduzieren. Essen und Trinken und Gemeinschaft-Haben waren Jesus so wichtig, dass man die Leute ihn Fresser und Weinsäufer schimpfen hören konnte. So wichtig ist dieser Strang im Leben Jesu von Nazareth, dass es von Jesu Weg nach vielen Mahlgemeinschaften nicht nur die Erzählung vom letzten Abendmahl gibt, sondern auch vom Auferstandenen gleich mehrfach Mahl-Geschichten erzählt werden.


Wie er das Brot bricht, daran erkennen ihn die Emmaus-Jünger: Der Fremde verwandelt sich in den, dessen Abwesenheit sie gerade betrauern, der aber auf einmal auf eigentümliche Art nah mit ihnen ist. Wie er Brot und Fische mit ihnen teilt, lässt die Gemeinschaft neu entstehen, die schon war und nun über alles hinausgeht. So sehr ist Jesus einer, der Armut und Mangel mit ihnen teilt, dass von seinen Mahlgemeinschaften so österlich erzählt werden kann, dass in seiner Gegenwart am Ende volle Brotkörbe dastehen. Und von der gefährdeten Hochzeitsfeier zu Kana wird gar erzählt, wie Wasser in die Fülle guten Weines verwandelt wurde.


Ostergeschichten, Verwandlungsgeschichten, Geschichten, die den Himmel auf die Erde holen – so wie Babettes Gastmahl. Vorzeichen dessen, dass allem Leben volle Genüge verheißen ist. Die Fülle und sogar der volle Genuss! Tania Blixen beschreibt wundervoll, wie zu Beginn des Gastmahls im Tischgebet schlicht vom Brot die Rede ist und wie die Gemeindeglieder, nun die Fülle der Speisen vor Augen, sich verschworen hatten, sich darüber nicht zu empören. Sie hatten Platz genommen – heißt es weiter – um eine Mahlzeit zu sich zu nehmen, das hatte man auch bei der Hochzeit zu Kana getan. Und hatte die Kraft des Herrn dort nicht geruht, sich ebenso in Hülle und Fülle zu offenbaren wie überall sonst, ja hatte sie sich nicht sogar in den Getränken offenbart?


Ja, es gibt sie, die strenge Beschränkung auf das symbolisch Notwendige: auf Brot und Wein. Wie hier in St. Katharinen: Keine barocke Fülle, die die Konzentration auf das Wesentliche behindern würde. Eher Konzentration, die sich dem Leben eröffnet.


Und es gibt das Festmahl, das Hochzeitsmahl, Babettes Gastmahl, die Feste, die wir feiern bis hin zu Peder Severin Krøyers Festmahl im Freien mit Kind und Kegel, Sekt und Wein. Ja, auch solche Feste holen den Himmel auf die Erde und können Vorschein des Kommenden sein – so wir der Lebenszugewandtheit Jesu treu sind.


Vertrauen wir der Kraft von Brot und Wein, Zeichen der Gegenwart Jesu Christi. Doch bleiben wir nicht dabei stehen. Wir können auch unser Leben in österliche Begegnungen mit dem Auferstandenen hineinlesen. So heilig waren die Begegnungen mit Jesus nicht, dass nicht in ganz alltäglichen Dingen die Gegenwart Gottes darin aufleuchten konnte.


Kein besonderer Anlass ohne Tischgemeinschaft. Feste lassen uns empfänglich werden. Auch Genießen ist eine Weise der Empfänglichkeit. So können Feste menschlich machen.


Zu Jesu Fest, zu Brot und Wein, dürfen wir kommen, wie wir sind, mit allen Brüchen, mit allem Beschwer, mit allen Unterschieden. Deshalb ist der Kreis wichtig. Für sich sein – gemeinsam sein. Mit allem, was ist, zugehörig zum Leib Christi werden. Verwandelt werden.


Und noch etwas: Ostern braucht Zeit. Was für einige plötzlich passiert, kommt anderen erst nach und nach zu Bewusstsein. Verwandlung ist zumeist etwas, das abgewehrt wird. Wir lassen doch nicht alles mit uns machen. Verwandlung ist etwas, das in Babettes Gastmahl an den Menschen geschieht, nicht für sich, eher miteinander. Am Ende sind sie über die jahrelangen Streitigkeiten hinweg. Ihr Herz kann atmen: Du stellst meine Füße auf weiten Raum.


Ostern ist ein fortwährender Prozess, Überwindung des Todes, von Gewalt ablassen, menschliches Maß finden. Verwandlung zu dem einen Lebendigen, Christus mit uns.


Wie sehr würden wir uns das wünschen, für manche im Kleinen, für viele auf der Welt im Großen! Aber Gnade, menschlich machende Gegenwärtigkeit, solche Feierlichkeit kann man nicht machen – man kann sie nur erbitten. Und versuchen, hineingenommen sich selber ihr zu öffnen. Amen.

 


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Die Hauptkirche St. Katharinen ist ein Ort der Ruhe inmitten einer lauten Stadt.
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