Predigt am 14. Juni 2020 – 1. Sonntag nach Trinitatis

Hauptpastorin und Pröpstin Dr. Ulrike Murmann

„Ein Herz und eine Seele“ (Apg. 4, 32-37)

 

 

Liebe Gemeinde,

 

ein Herz und eine Seele – so übersetzt Martin Luther diesen Vers aus der Apostelgeschichte und diese Formulierung ist sprichwörtlich geworden: Sie sind ein Herz und eine Seele sagen wir, wenn Geschwisterkinder sich super verstehen, wenn Freunde zusammenhalten oder Liebende vereint und unzertrennlich aneinanderhängen. Ein Herz und eine Seele, heißt: wir sind eins, da passt kein Blatt zwischen uns, wir halten zusammen wie Pech und Schwefel, uns reißt nichts und niemand auseinander. Was mir am Herzen oder auf der Seele liegt, das ist auch dir wichtig, denn du empfindest wie ich. Mehr Einigkeit geht nicht.

 

Ein Herz und eine Seele kann auch bedeuten: Was meins ist, ist auch deins, was mir gehört, gehört auch dir, wir teilen alles, was wir haben – Gedanken und Gefühle, Glück und Leid, Einkommen und Auskommen, Gewinne und Verluste... So hat es der Evangelist Lukas verstanden in unserem Abschnitt, der überschrieben ist mit den Worten „Die Gütergemeinschaft der ersten Christen“: „Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele, auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dasssie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam... Wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld ... den Aposteln ... und man gab einem jedem, was er nötig hatte.“

 

Welch ein Bild, welch eine Vision von Gesellschaft: die urchristliche Gemeinde in Jerusalem teilte ihren Besitz, so dass keiner mehr Mangel hatte. Die Wohlhabenden verkauften ihre Güter und brachten die Erträgeden Aposteln, damit man jedem das geben konnte, was er zum Leben brauchte. So beginnt ein Leben in Gerechtigkeit, so kann Frieden wachsen auf Erden! Ist das nicht eine willkommene Inspiration für uns heute, liebe Gemeinde? Ist das nicht sogar eine notwendige Intervention angesichts des großen Mangels und der großen Not, die weltweit herrschen? Eine dringende Ermahnung angesichts der immer weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen arm und reich, zwischen Besitzenden und Hungernden? Stecken in diesem biblischen Text vielleicht wichtige Impulse, unsere durch und durch ungerechte Wirtschaftsordnung auf den Kopf zu stellen und neu zu denken?


Dieser Text hatte eine enorme Wirkung, liebe Gemeinde. Christliche Bewegungen wie das Mönchtum und das Klosterleben ziehen daraus Energie, aber auch Reformbewegungen wie die Täufer zur Zeit Luthers, religiöse Sozialisten, Kommunisten und Befreiungstheologen des letzten Jahrhunderts begeisterten sich für diese Vision.

 

„Wie kam die Menschheit nur auf die Idee, Gottes freie Schöpfung in privat verfügbares Eigentum zu verwandeln“? Die Frage verstört, aber sie hilft zu verstehen. Mit welchem Recht haben sich die sog. christlichenEroberer und Kolonialherren fremder Länder bemächtigt, ihre Einwohner zu Sklaven gemacht und verschifft? Der Rassismus, den wir heute beklagen und gegen den heute wieder viele Menschen demonstrieren, hat da seine Wurzeln. Mit welchem Recht haben die Europäer andere Kontinente besetzt, ausgebeutet und deren Rohstoffe und Ressourcen zu ihrem Eigentum erklärt? Wem gehört der Nordpol, wem der Südpol, wem der Himmel und die Sterne? Wieso verhalten wir uns so, als gehörediese Erde uns, als wäre sie unser Besitz?

 

Wie anders könnte es sein, wenn wir sie als Gottes Eigentum betrachtenwürden, das wir nur geborgt haben. Wie anders könnte es sein, wenn wiralle Menschen als geliebte Kinder Gottes ansehen würden, die teilen, was sie haben, die füreinander sorgen, Bodenschätze und Ressourcen so untereinander aufteilen, dass niemand Mangel leidet. Ich war in Indien, in Kenia, in Uganda – Länder, in denen Menschen satt werden könnten. Stattdessen kämpfen sie millionenfach in Slums ums Überleben. Wie anders könnte es zwischen uns sein, wenn die Reichen nicht immer reicher und die Armen immer ärmer würden, superreiche Einzelne wie superreiche Staaten, wenn wir hier in Europa, den Schuldnerländern in Afrika ihre Schulden erlassen würden? Wie anders könnte es sein in Indien und Afrika, wenn statt Korruption und Misswirtschaft die Idee des Teilens überzeugen würde?

 

Biblische Visionen machen uns Mut, anders zu denken. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, ob diese Passage nun eine historische Rückschauoder eine prophetische Utopie des Lukas darstellt, ob es tatsächlich so war oder ob hier eine Gemeinde idealisiert wird. Die Neutestamentlichen Wissenschaftler sind unterschiedlicher Auffassung. Wahrscheinlich wird es einzelne Gemeindeglieder gegeben haben, die ihren ganzen Besitz verkauften und den Armen gaben, wie hier Josef Barnabas, der Levit ausZypern. Möglicherweise existierten an einigen Orten Gütergemeinschaften. Durchgesetzt hat sich diese Idee in der Urgemeinde nicht. Letztlich ist das auch nicht entscheidend. Wichtiger ist die verändernde Kraft, die in diesen Visionen liegt: Wenn wir fairer teilen, was wir besitzen, könnte es anders sein unter uns.

 

Der Zukunftsforscher Matthias Horx schreibt ja in einer viel zitierten Rede von historischen Momenten, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Er nennt sie „Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt“. Die Corona-Krise stellt vieles auf den Kopf und Selbstverständliches in Frage. Wir erkennen, dass wir so wie bisher auf diesem Planeten nicht weiterleben können. Horx schreibt: „Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.Aber sie kann sich neu erfinden.“

 

Ja, vieles muss anders werden auf Erden, damit wir und unsere Kinder und Kindeskinder eine Zukunft haben, liebe Gemeinde. Lassen wir uns daher von Lukas an das Kriterium erinnern, das wir als Christen zu dieser Richtungsänderung beitragen können, nämlich das höchste Gebot Jesu: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, damit jede das bekommt, was sie zum Leben braucht. Damit keiner Mangel hat. Das ist zugegebenermaßen ein großes Ziel, ein hehres Ethos. Aber warum sollten wir nicht in dieser Krise damit beginnen, es in kleinen Schritten zuverwirklichen und aus Respekt und Achtung vor dem Nächsten und vor Gottes Schöpfung mit anderen teilen, was wir haben. Eine erstaunliche Erkenntnis dieser Tage ist, dass es überhaupt nicht weh tut, auf Überfluss und Übermaß zu verzichten und stattdessen maßvoll zu leben.Es ist genug für alle da. Die Zukunft liegt nicht im „Sein und Haben“, sondern im „Sein und Teilen“. Wir leben von der Liebe, die Gott mit uns teilt. Sie weiterzugeben ist ein zutiefst beglückendes und lebensbejahendes Gefühl.

 

Die Autoren der Bibel wollten keine neue Gesellschaftsordnung formulieren, sondern von einer Gemeinschaft erzählen, wie sie sein könnte. „Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele, ... und es war keiner unter ihnen, der Mangel hatte...man gab jedem, was er nötig hatte“.

 

Amen.

 

 

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